Rems-Murr-Kreis

Gewalt im Privaten ist keine Privatsache: Netzwerk gegen häusliche Gewalt im Rems-Murr-Kreis funktioniert

Sandra Sänger Referat Prävention Polizei, häusliche Gewalt
Sandra Sänger vom Referat Prävention der Polizei gehört dem Steuerkreis des Runden Tisches gegen häusliche Gewalt im Rems-Murr-Kreis an. © Landratsamt

Es geht keinen was an, wenn’s kracht im trauten Heim? Irrtum. „Der Staat ist nicht bereit, solche Gefahrenlagen zu dulden. Häusliche Gewalt ist ein eklatanter Verstoß gegen unsere Rechtsordnung“, sagt Sandra Sänger vom Referat Prävention der Polizei. Sie gehört dem Team an, das den Runden Tisch „Häusliche Gewalt im Rems-Murr-Kreis“ koordiniert. Bereits 2004 fiel der Startschuss für dieses Netzwerk, das seitdem immer dichter zusammengewachsen ist. Sämtliche Institutionen arbeiten Hand in Hand. Der Runde Tisch hat diese Kooperationen auf den Weg gebracht und in all den Jahren immer weiter optimiert.

"Es ist niemand alleine"

Sobald ein Fall bekannt wird und die Polizei oder Beratungsstellen eingeschaltet sind, greift im Rems-Murr-Kreis ein Rädchen ins andere. Die Polizei wird vor Ort die Erlaubnis einholen, dass Opferberatung und Kinderkrisendienst Kontakt aufnehmen dürfen. Sofern die Situation es erfordert, wird das Jugendamt informiert. „Wir ziehen alle an einem Strang. Es ist niemand alleine“, verspricht Sandra Sänger.

Voraussetzung ist natürlich, dass ans Tageslicht kommt, was hinter verschlossenen Gardinen geschieht. Sandra Sänger wünscht sich, „dass noch mehr Menschen genau hinschauen“. Gewalt in Partnerschaften dürfte sich in vielen Fällen im Verborgenen abspielen. Dieses Jahr ist auf Bundesebene eine Erhebung geplant, „um mehr über Gewalt in Beziehungen zu erfahren“, berichtet Sandra Sänger. Früheren Erhebungen zufolge hat jede vierte Frau im Alter zwischen 16 und 84 Jahren mindestens einmal im Leben Gewalt in der Partnerschaft erlebt, „davon geht die Bundesregierung aus“, sagt Gabi Weber, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Waiblingen.

Großer Andrang jetzt im zweiten Lockdown

Während des ersten Lockdowns im Frühjahr befürchteten Fachleute voll Sorge, die Situation in ohnehin belasteten Familien werde sich weiter verschärfen. Zunächst schien die Sorge unbegründet – doch zeitversetzt kamen immer mehr Anfragen in den Beratungsstellen an. Jetzt im zweiten Lockdown „explodiert es“, berichtet Dr. Oranna Keller-Mannschreck, Leiterin von Pro Familia in Waiblingen und momentan Sprecherin der Opferberatungen im Kreis. „Das schaff’ ich nicht noch mal“ – mit diesem Gefühl gingen Betroffene in den zweiten Lockdown und waren dann eher bereit, sich Hilfe zu holen, als im Frühjahr, berichtet Gabi Weber.

Zum Jahreswechsel steigt der Bedarf an Hilfen sowieso immer – und dieses Jahr steht zu befürchten, dass sich die Lage noch verschärft. Im Zuge der Pandemie drücken Existenzängste, und wegen des Lockdowns hockt man eh schon viel zu lange zu eng aufeinander. An den emotional aufwühlenden Festtagen und um den Jahreswechsel kocht ein Streit noch leichter hoch als sonst.

Hinterher sind Betroffene froh, wenn jemand die Polizei ruft

Die Gesellschaft ist weit davon entfernt, Gewalt im Privaten zu ächten, findet Oranna Keller-Mannschreck. Entsetzt nahm sie das Ergebnis einer repräsentativen Studie zur Kenntnis, welche die Akzeptanz von Gewalt gegen Kinder untersuchte. Demnach ist fast jeder Zweite der Auffassung, ein Klaps auf den Hintern habe noch keinem Kind geschadet, und jeder Sechste hält es für angebracht, ein Kind zu ohrfeigen.

Frauen, die Gewalt in der Partnerschaft erleben, sehen sich unterdessen nach wie vor mit Vorwürfen und Stigmatisierung konfrontiert: Du bist sicher nicht unschuldig. Warum provozierst du ihn auch dauernd?

Erst ist es peinlich - danach ist man froh

Häusliche Gewalt mit Nachdruck bekämpfen – darum ging es zu Zeiten, als der Runde Tisch gegründet wurde, und darum geht es nach wie vor, betont Stefanie Böhm, die als Sozialdezernentin des Landkreises ebenfalls dem Koordinierungsteam angehört. Die Abläufe sind klar definiert, was sich bestens bewährt hat, wie Stefanie Böhm sagt. Schnell und einfach sollen Betroffene Zugänge ins Hilfesystem finden – und das gilt auch für die Täter, die durchaus Rat und Hilfe annehmen; „die Fallzahlen bestätigen das“, so Stefanie Böhm. Nicht selten sind es Nachbarn oder Bekannte, die den ersten Schritt wagen und im Akutfall die Polizei rufen. Zuerst mag das Betroffenen unendlich peinlich sein – später sind sie meist froh, dass jemand ihre Notlage erkannt und reagiert hat.

Hartnäckig immer und immer wieder auf die Hilfsangebote hinweisen – das raten die Fachfrauen Personen aus dem Umfeld Betroffener. Es kann dauern, bis jemand wirklich bereit ist und eine Beratungsstelle anruft. Doch niemand muss mit diesen Problemen allein bleiben, verspricht Oranna Keller-Mannschreck: „Wir sind da.“

Es geht keinen was an, wenn’s kracht im trauten Heim? Irrtum. „Der Staat ist nicht bereit, solche Gefahrenlagen zu dulden. Häusliche Gewalt ist ein eklatanter Verstoß gegen unsere Rechtsordnung“, sagt Sandra Sänger vom Referat Prävention der Polizei. Sie gehört dem Team an, das den Runden Tisch „Häusliche Gewalt im Rems-Murr-Kreis“ koordiniert. Bereits 2004 fiel der Startschuss für dieses Netzwerk, das seitdem immer dichter zusammengewachsen ist. Sämtliche Institutionen arbeiten Hand in

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