Rems-Murr-Kreis

Gewalt zu Hause: Kinder leiden sehr - der Rems-Murr-Krisendienst hilft

Kinderkrisendienst, Kerstin Putzar
Kerstin Putzar vom Kinderkrisendienst kümmert sich in Schorndorf um Mädchen und Jungen aus gewaltbelasteten Familien. © Alexandra Palmizi

Kinder tragen niemals Schuld. An den Folgen von Gewalt in Familien leiden sie immens, je jünger sie sind, desto mehr. Wird ihre engste Bezugsperson, und das ist meist die Mutter, bedroht, beleidigt, unter Druck gesetzt und geschlagen, fühlt sich das für Kinder an, „als ob sie es selbst erleiden würden“, sagt Kerstin Putzar. Sie gehört dem Kinderkrisendienst an, der in Schorndorf, Waiblingen und Backnang bei den Familienberatungsstellen des Jugendamtes beziehungsweise bei der Caritas ansässig ist.

Viel zu große Last auf schmalen Schultern

Gar nicht selten sind es ältere Geschwister, die bei der Polizei anrufen, wenn ein Streit zu Hause eskaliert und es – wieder – zu Gewalt gekommen ist. Noch vor Ort informiert die Polizei über das Angebot des Kinderkrisendienstes. Niemand muss sich dorthin wenden – jede(r) kann. Sofern eine Einwilligung vorliegt, meldet sich Kerstin Putzar innerhalb von drei Tagen von sich aus bei der betroffenen Familie, lädt Kinder in die Beratungsstelle ein oder besucht sie daheim. In ihrem Büro sind Stofftiere aufgereiht, es gibt Bücher, Wachsmalkreiden, Stifte. Die Kinder malen, werkeln mit Ton, entspannen sich bei einer Fantasiereise, reden, wenn sie reden möchten. „Es ist hochwichtig, dass die Kinder Entlastung bekommen“, sagt Kerstin Putzar. Bei ihr spüren sie, was ihnen vermutlich lange schon fehlte: „Jetzt bin ich mal dran. Jetzt darf ich mal sagen, was ist.“

Kinder aus gewaltbelasteten Familien wissen haargenau, wie man Geheimnisse hütet. Wenn die alle wüssten, was bei uns zu Hause los ist! Sie entwickeln Strategien „um zu überleben“, wie Kerstin Putzar es ausdrückt: „Kinder haben unglaubliche Lebenskräfte. Ich lerne sehr viel von jedem Kind.“

Partnerschaftsgewalt beginnt meist schon in der Schwangerschaft

Viel zu früh übernehmen sie viel zu viel Verantwortung. Ältere Geschwister kümmern sich um die jüngeren. Sie erledigen Alltagsaufgaben, wollen die Mutter schützen und glauben, ich muss braver und besser sein, dann passiert es nicht mehr. Die Last wiegt viel zu schwer für die schmalen Schultern, und Kerstin Putzar versucht behutsam und Schritt für Schritt, Druck wegzunehmen und den Mädchen und Jungen Freiräume zu verschaffen, damit sie sein dürfen, was sie sind: Kinder.

In 80 Prozent der Fälle beginnt Partnerschaftsgewalt bereits in der Schwangerschaft. Im Durchschnitt kehren Frauen achtmal nach einer Trennung zu einem gewalttätigen Partner zurück. „Alles gut“, behaupten sie, und die Lüge stürzt Kinder in tiefste Verunsicherung. Sie wissen ganz genau, nichts ist gut, denn „die Kinder kriegen es immer mit. Sie haben einfach Angst.“

So schlimm war's nicht? Wirklich?

Die Gewalt muss aufhören. Sofort. Um Täter wie Opfer und Kinder spannt sich ein engmaschiges Netz an Hilfen. Der Kinderkrisendienst ist eine davon. Damit Unterstützung bei Betroffenen ankommen kann, arbeiten eine Vielzahl von Beteiligten Hand in Hand. Polizisten informieren vor Ort, wohin man sich wenden kann, und sie werden sofort um die Erlaubnis bitten, Dienste informieren zu dürfen, damit sich Beratungsstellen melden können. Je mehr Zeit vergeht nach einem gewalttätigen Streit, desto eher neigen Betroffene dazu, die Dinge zu verharmlosen und sich einzureden, so schlimm war’s doch nicht.

Den Eltern helfen, damit sie wieder „in die Fürsorge kommen“

Je früher Hilfe einsetzt, desto besser. Eltern erweisen ihren Kindern den besten Dienst, wenn sie „wieder in die Fürsorge kommen“, die Bedürfnisse der Kinder wahrnehmen, ihre Elternrolle erfüllen. Das macht Kerstin Putzar in Gesprächen mit Müttern und Vätern deutlich. „Diese Dinge sind schambehaftet. Aber aus diesen Strukturen kann man sich herausentwickeln. Jeder Tag ist eine neue Chance.“ Steht eine Trennung an, werden schwierige Entscheidungen zu treffen sein, keine Frage. Ob Kinder den gewalttätigen Elternteil sehen möchten und in welchem Umfeld, das allein lässt sich schwer beantworten.

Der Krisendienst hält sich an die Schweigepflicht

Der Kinderkrisendienst kann Kinder wie Eltern entlasten. „Wir unterliegen der Schweigepflicht“, betont Kerstin Putzar, und das Angebot ist ein freiwilliges. Sofern die Sozialpädagogin zusammen mit dem sozialen Dienst des Jugendamts zu einem ersten Besuch bei einer Familie mitkommen kann, wird sie diese Chance nutzen. Wie lange und wie oft Kinder zu ihr nach Schorndorf kommen, ist nicht festgelegt. Manchmal bleibt es bei zwei, drei Terminen, in anderen Fällen sieht die Gestalttherapeutin und Mediatorin die Kinder über Monate hinweg immer wieder. Eltern und Kinder können sich auch von sich aus an den Krisendienst wenden; eine Vermittlung seitens der Polizei oder des Jugendamts ist kein Muss. Zwar selten, aber doch hin und wieder rufen auch Väter an und bitten um Hilfe.

„Kein Kind hat eine Schuld“, das betont Kerstin Putzar ein ums andere Mal. Sie appelliert dringend an Betroffene, die Dinge nicht einfach immer weiterlaufen zu lassen. „Jetzt kann sich was ändern. Niemand muss alleine damit bleiben.“

Kinder tragen niemals Schuld. An den Folgen von Gewalt in Familien leiden sie immens, je jünger sie sind, desto mehr. Wird ihre engste Bezugsperson, und das ist meist die Mutter, bedroht, beleidigt, unter Druck gesetzt und geschlagen, fühlt sich das für Kinder an, „als ob sie es selbst erleiden würden“, sagt Kerstin Putzar. Sie gehört dem Kinderkrisendienst an, der in Schorndorf, Waiblingen und Backnang bei den Familienberatungsstellen des Jugendamtes beziehungsweise bei der Caritas ansässig

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