Rems-Murr-Kreis

Glücksspielsucht im Rems-Murr-Kreis

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Symbolfoto. © Joachim Mogck

Waiblingen. Der Fußballstar Bastian Schweinsteiger wirbt fürs Zocken. „Es braucht legale Spielhallen“, sagt der Spitzensportler in einem Werbeclip. Zwei Ex-Spieler erzählen unterdessen in Waiblingen, wie sie Eltern und Arbeitgeber bestohlen, Geschwister belogen und ihre Liebsten manipuliert haben: Die Glücksspielsucht beherrschte ihr Leben.

„Natürlich geht es immer ums Gewinnen und Verlieren“, erläutert Bastian Schweinsteiger in seiner Werbebotschaft. Den beiden Ex-Glücksspielern ging’s eher um den Kick, wie sie berichten. An seine Hochgefühle beim ersten Gewinn erinnert sich einer der beiden, ein 32-jähriger Familienvater, noch ganz genau: „Das war der Hammer.“ Er hat nie gezählt, wie viel er verzockte: „Die 200 000 hab ich schon geknackt“, sagt er und lacht.

Was für ein charmantes Schlitzohr. Karin Ibele-Uehling, Suchtberaterin beim Kreisdiakonieverband, erlebt Spieler oft als ausgefuchste, redegewandte, selbstbewusste „Schauspieler“. Damit ein Doppelleben nicht auffällt, braucht es Geschick. Noch mehr Talent erfordert es, ständig Geld zu beschaffen. Viel, viel Geld.

Systematisch den Arbeitgeber beklaut

Neben dem Familienvater sitzt in einem Raum des Kreisdiakonieverbands in Waiblingen ein 29-Jähriger, der fast Karriere im Einzelhandel gemacht hätte. Eine eigene Filiale hätte ihm sein Arbeitgeber anvertraut. Doch dann kam alles raus. Der Mann hatte seinen Arbeitgeber nach eigenem Bekunden systematisch beklaut, und zwar über längere Zeit hinweg. Trotzdem verzichtete das Unternehmen auf eine Anzeige, warf den talentierten Betrüger nur hochkant hinaus. „Du bist gestraft genug“, sagten sie ihm.

Der 29-Jährige ist jetzt bei seinem Vater untergeschlüpft, einem Unternehmer. Der Vater weiß offenbar aus eigener Erfahrung, was Spielsucht heißt, „der war auch auf der Kur“, erzählt der Ex-Spieler und strahlt übers ganze Gesicht: Welch ein Glück, dass ihm seine Familie erneut eine Chance gegeben habe. Eine allerletzte allerdings.

„Keiner lässt sich helfen, wenn er nicht wirklich am Boden ist“: So beschreibt unterdessen der zweifache Familienvater die Dimension. Seine Frau hat vor Jahren den Kontakt gesucht zu Karin Ibele-Uehling. „Ich werd’ im Dezember fünf“, beschreibt der breitschultrige Charmeur, wie sich alles im Rückblick anfühlt: Am 28. Dezember vor fünf Jahren begann für ihn ein neues, besseres Leben, weil er an diesem Tag beschloss: Ich höre auf.

40 000 bis 50 000 Euro hat er verzockt – „locker“

Ohne seine Selbsthilfegruppe wäre er gescheitert, sagt der ehemalige Hochleistungssportler. „Die Ex-Spieler haben ein gutes Hilfesystem untereinander aufgebaut“, berichtet Karin Ibele-Uehling. Jeder weiß, wo er bei „Spieldruck“ anrufen kann.

Der 29-Jährige blickt erst auf ein Jahr spielfreie Zeit zurück. 40 000 bis 50 000 Euro hat er verzockt – „locker“. Der Schufa sei Dank, gab ihm keine Bank mehr Kredit. Vermutlich läge der Betrag sonst deutlich höher; sechsstellige Spiel-Schuldensummen sind überhaupt nichts Außergewöhnliches, heißt es bei der Suchtberatung.

Als ob er über einen Fremden redet, erzählt der Fast-Filialleiter von sich selbst. Sein Gehalt – 2800 Euro netto damals – habe er „innerhalb von vier Stunden reingeballert.“ Womit er dann den ganzen Monat lang seinen Lebensunterhalt bestritt – nun ja, mit Tricks: „Man lügt viel. Man ist raffiniert.“

Wegen seines „Hochmuts“ und der narzisstischen Tendenzen – so die sachliche Selbstanalyse – erlitt der junge Mann vor zweieinhalb Jahren einen Rückfall. Damals hatte ihn Karin Ibele-Uehling schon einmal in ihre Obhut genommen.

Diesmal will der 29-Jährige hart bleiben und die Sucht besiegen.

„Das Faszinierende am Spiel ist ja, dass es so einfach ist“

Es kann gelingen. Sperren helfen, heißt es in der Suchtberatung, in der Forschung, unter Ex-Spielern. Sperren heißt: Keine Spielhalle zumindest in Baden-Württemberg, besser noch in Deutschland, ließe einen Gesperrten herein. So was gibt’s. Aber nur für die großen Casinos.

Eine heillos spielsüchtige Polizistin hat mittlerweile die Verantwortung für ihre Finanzen an einen gesetzlichen Betreuer abgegeben, berichtet Karin Ibele-Uehling. Die Frau geht ihrem Beruf weiter nach. Wäre sie alkoholsüchtig, ginge das nicht.

Bastian Schweinsteiger leiht unterdessen sein Gesicht der Deutschen Automatenwirtschaft – denn: „Das Faszinierende am Spiel ist ja, dass es so einfach ist. – Das Allerwichtigste ist aber, sauber zu spielen. Egal wo und was du spielst.“


Waiblingen. Zum Teil illegale Online-Glücksspielanbieter graben den legalen Spielhallen das Wasser ab: Diese Sorge treibt die Automatenwirtschaft seit langem um. Die Suchtberatung richtet den Fokus auf ganz andere Themen.

Gegen das illegale Angebot werde „nicht vorgegangen“, beklagt Prof. Dr. Tilman Becker, der Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Hohenheim: „Der Staat vernachlässigt seine Aufgabe des Jugend- und Spielerschutzes. Und er lässt sich Steuereinnahmen in Milliardenhöhe entgehen“, bilanzierte der Wissenschaftler nach dem jüngsten Symposium Glücksspiel in Hohenheim. Dringend nötig sei es, eine Behörde einzurichten, die sich um all diese Fragen kümmere und dafür sorge, dass Regeln auch eingehalten würden. Unterdessen erhoffen sich Suchtberater und offenbar auch viele Spieler seit langer Zeit wirksame Sperrdateien, die auch Prof. Becker als „ganz wichtige Präventionsmaßnahme“ bezeichnet. Sperrdatei heißt: Ein Spieler ließe sich freiwillig zum Beispiel für sämtliche Spielhallen in Baden-Württemberg oder gleich in ganz Deutschland sperren, und er könnte sich sicher sein, dass er tatsächlich nirgends mehr spielen kann. Das ist Zukunftsmusik. Zurzeit kann sich ein Spieler nur für einzelne Hallen sperren lassen, nicht für alle. In der Praxis heißt das: Er muss nur ein paar Schritte gehen bis zum nächsten Anbieter. Und weiter geht’s.

Karin Ibele-Uehling betreut beim Kreisdiakonieverband spielsüchtige Menschen und schult Beschäftigte von Spielhallen: Sie sollen – theoretisch – mithelfen, Spielsucht möglichst zu verhindern.

Das ist in etwa so, als ließe man Schnapsverkäufer die Anonymen Alkoholiker betreuen.

Spielsucht „ist eine Krankheit“, erklärt die Expertin. In der Behandlung steht an erster Stelle, ein „Problembewusstsein“ zu schaffen. Spieler seien extrem gut darin, sich selbst und anderen etwas vorzumachen. Nicht mehr bezahlbare Miet- und Stromrechnungen und ein Schuldenberg reichen oftmals noch lange nicht, um einen Spieler zum Innehalten zu bringen. Aber, das weiß Karin Ibele-Uehling aus langer Erfahrung: „Die, die sich ernsthaft auf den Weg machen, können es schaffen.“


30.000 Spielsüchtige

Circa 70 000 Menschen in Baden-Württemberg zeigen problematisches Glücksspielverhalten; 30 000 von ihnen gelten als krankhaft spielsüchtig, hieß es jüngst bei der Forschungsstelle Glücksspiel an der Uni Hohenheim.