Rems-Murr-Kreis

Gleislagefehler: Wie sicher fahren wir im Rems-Murr-Kreis Zug und S-Bahn?

Unfall Eisenbahn Entgleisung Güterzug Marbach Backnang bei Burgstall Kirchberg Murr
So sah das im August 2014 aus, als bei Burgstall der Güterzug aus den Schienen gesprungen war. © Gabriel Habermann

Wie sicher fahren wir im Rems-Murr-Kreis Zug und S-Bahn? Am 15. Juni musste auf der Strecke zwischen Stuttgart-Obertürkheim und Stuttgart-Neckarpark ein Gleis gesperrt werden. Der Grund: ein sogenannter „Gleislagefehler“. Vom 17. Juni bis voraussichtlich 29. Juni meldet die Deutsche Bahn bei Bad Cannstatt eine „Langsamfahrstelle“. Der Grund: ein „Gleislagefehler“. Und ja, es ist schon acht Jahre her – dennoch: Am 8. August 2014 entgleiste bei Burgstall ein Güterzug. Der Grund: ein sogenannter „Gleislagefehler“.

Bedeutete in diesem Fall: Die Schienen waren, weil der Untergrund nicht mehr gut war, so uneben – der Gleisabschnitt war eine Berg-und-Talbahn – dass der letzte Waggon des Zuges bei Tempo 80 aus der Spur hüpfte. Am 15. Juli 2017 entgleiste übrigens auf der Strecke zwischen Gaildorf West und Schwäbisch Hall-Hessental ebenfalls ein Güterzug. Er fuhr auf der Strecke der sogenannten „Murrbahn“.

Der Untersuchungsbericht zu dem Unglück, bei dem glücklicherweise – wie auch bei der Entgleisung bei Burgstall – niemand verletzt wurde, wurde jetzt, knapp fünf Jahre danach, nämlich im Januar 2022, veröffentlicht. Er zeigt, sogar im Bild: Die Schienen waren an der Stelle seitlich verrutscht. Im Bericht ist von einer „Gleisverwerfung“ die Rede, bei Burgstall wird im entsprechenden Bericht vom November 2019 von einem „Längshöhenfehler“ gesprochen.

Ein „Gleislagefehler“ war womöglich – das ist noch nicht bewiesen – auch der Grund, weshalb bei Garmisch-Partenkirchen am 3. Juni ein Regionalzug entgleiste. Die Allgäuer Zeitung schrieb: „Bei den Ermittlungen zur Ursache des tödlichen Zugunglücks von Garmisch-Partenkirchen rücken die Schienen und Fahrgestelle ins Zentrum der Ermittlungen“. Laut Zeitung Die Welt plante die Deutsche Bahn auf der Unglücksstrecke Sanierungsarbeiten: Eine Gleislageberichtigung und Schienenerneuerungen sollten stattfinden. Bei dem Unglück starben fünf Menschen. Fast 70 Menschen wurden teilweise schwer verletzt.

Wo im Rems-Murr-Schienennetz könnten Gleislagefehler vorliegen?

Wie kommt es zu solchen Gleislagefehlern? Wie können sie kurzfristig behoben werden und was muss langfristig getan werden, damit den Zügen, ganz gleich ob für Güter oder für Menschen eingesetzt, keine Gefahr droht? Und vor allem: Wo überall im Schienennetz des Rems-Murr-Kreises weiß die Deutsche Bahn beziehungsweise die DB Netz, das „Schieneninfrastrukturunternehmen der Deutschen Bahn“, die das Schienennetz betreut, von bestehenden Gleislagefehlern? Wann wurden diese erkannt und wann werden sie behoben? Welche Auswirkungen hat das auf die Fahrpläne? Und wo bedrohten in der Vergangenheit Gleislagefehler die Sicherheit im Zugverkehr?

Die Antwort der Deutschen Bahn ist wenig konkret: Man halte die „Infrastruktur nach festen Fristen und Regularien instand, die von der Aufsichtsbehörde streng überwacht“ würden. „Dies gilt auch für die Inspektion und Wartung von Schienen, Schwellen, Schotter und deren Lage.“ Gleichzeitig investiere die DB mit Bund und Ländern in die Modernisierung sowie den Neu- und Ausbau des Streckennetzes. 1,88 Milliarden Euro stünden in diesem Jahr allein für die Infrastruktur in Baden-Württemberg zur Verfügung. Die DB modernisiere und erneuere rund 150 Kilometer Gleise, 130 Weichen sowie 13 Brücken. Die DB setze das Programm „Neues Netz für Deutschland“ „für eine leistungsfähigere Infrastruktur und mehr Kapazität im Schienennetz und in den Bahnhöfen kontinuierlich weiter um“. Man bittet um Verständnis: Zu laufenden Ermittlungen und möglichen Spekulationen im Zusammenhang mit dem Unfall in Garmisch äußere man sich nicht.

Die DB Netz weist regelmäßig online auf Auffälligkeiten hin

Das ist wenig. Ein Bahnkenner allerdings sagt: Die Tatsache, dass die DB Netz auf ihrer Baustellen-Karte im Internet   inzwischen regelmäßig auf Gleisauffälligkeiten und die daraus resultierenden Fahrplanschwierigkeiten hinweist, zeige, dass man hinterher sei.

Und was sagt das Verkehrsministerium Baden-Württemberg zu denselben Fragen? Das verweist natürlich auf den Bund: Man sei „nicht für die Aufsicht über das Netz der bundeseigenen Infrastruktur (der DB) zuständig“. Zuständig sei das Eisenbahnbundesamt. Außerdem verweist man auch auf die „laufenden Ermittlungen“ die „abgewartet werden sollten, bevor Rückschlüsse auf mögliche Gleislagefehler und deren Ursachen gezogen werden sollten“. Das ist Usus.

Dennoch: Gleislagefehler sind keine Seltenheit. Und den Zug- und S-Bahn-Fahrerinnen und -Fahrern ist es schnuppe, wer die Verantwortung für die Sicherheit trägt, Hauptsache, die Fahrt ist sicher.

Die Pressestelle des Verkehrsministerium des Landes erklärt die Entstehung von Gleislagefehlern so:

  • Die Bezeichnung „Gleislagefehler“ bedeute eine Abweichung vom Sollwert in horizontaler oder vertikaler Lage.
  • Diese Abweichungen entstünden durch Betriebseinflüsse oder Veränderungen im Untergrund.
  • Je nach Grad der Abweichung seien Gleislagefehler ohne Auswirkungen auf die Streckengeschwindigkeit und müssen nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt beseitigt werden.
  • Bei größeren Abweichungen können Maßnahmen wie Reduzierung der Streckengeschwindigkeit oder Sperrungen der betroffenen Abschnitte nötig sein, bis die Mängel behoben sind.
  • Wann und wo es zu solchen Gleislagefehlern kommt, wissen, so die Pressestelle, in der Regel die jeweiligen Betreiber der Strecke.
  • Bedingt durch betriebliche Einschränkungen hätten diese Betreiber „höchstes Interesse, diese Mängel durch ihr Instandhaltungsregime auszuschließen“.
  • Es sei aber auch ein Thema für die jeweilige Aufsichtsbehörde. Das Verkehrsministerium Baden-Württemberg sei dabei zusammen mit der Landeseisenbahnaufsicht für die nicht bundeseigenen Bahnen zuständig.
  • Es geht im Rems-Murr-Kreis nur um die Strecke Schorndorf - Welzheim.

Der aktuellste Sicherheitsbericht des Eisenbahn-Bundesamtes stammt aus dem September 2021 und behandelt das Jahr 2020. Unter der Überschrift „ Nationale Sicherheitsstrategien, -programme und -initiativen“ findet sich das „Programm zur Verbesserung der Gleisentwässerung“. Gleislagefehler entstehen oft, weil die Entwässerung nicht funktioniert. Die Entgleisung bei Burgstall war so ein Fall. Im Bericht heißt es: „Das Programm verfolgt das Ziel, entwässerungsbedingte Gleislagefehler zu vermeiden“. Hierzu werde ein dreistufiges Instandhaltungskonzept umgesetzt. Es geht um „verbesserte Dokumentation“, ein „Spülprogramm für Tiefenentwässerungsanlagen“ und die „Schaffung eines eigenständigen Instandhaltungsregelwerkes“.

Die Entgleisungen im Jahr 2020, resümiert der Bericht allerdings, stünden „überwiegend im Kontext der Handlungssicherheit des Personals“. Heißt: Es hat jemand nicht richtig geguckt und gearbeitet. Wo, bleibt an dieser Stelle offen.

Wie sicher fahren wir im Rems-Murr-Kreis Zug und S-Bahn? Am 15. Juni musste auf der Strecke zwischen Stuttgart-Obertürkheim und Stuttgart-Neckarpark ein Gleis gesperrt werden. Der Grund: ein sogenannter „Gleislagefehler“. Vom 17. Juni bis voraussichtlich 29. Juni meldet die Deutsche Bahn bei Bad Cannstatt eine „Langsamfahrstelle“. Der Grund: ein „Gleislagefehler“. Und ja, es ist schon acht Jahre her – dennoch: Am 8. August 2014 entgleiste bei Burgstall ein Güterzug. Der Grund: ein

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper