Rems-Murr-Kreis

Grundeinkommen: Was verändert sich? - Eine Gewinnerin berichtet von ihren Erfahrungen

Grundeinkommen
Hund Bruno profitiert auch von Hannelore Oetingers Grundeinkommen, weil sie sich damit „unbelasteter“ fühlt. © Alexandra Palmizi

Der Mensch hebt nur seinen Hintern, sofern er sich davon einen Vorteil verspricht oder wenn er halt muss: Ja, genau – und die Erde ist eine Scheibe.

Wer wozu und in welcher Frequenz den Hintern hebt, lässt sich so pauschal nicht sagen. Interessant zu wissen wär’s aber durchaus. Man stelle nur mal beim nächsten Treff im Biergarten (scheint nicht allzu unrealistisch zu sein im Moment) die Frage in den Freiraum: Was würdest du ändern, wenn du jeden Monat einfach so 1000 Euro geschenkt bekämst, ohne was dafür zu tun?

Der Abend wird lustig, das steht fest, und hinterher kennt man die Freunde besser.

Die Debatte erhielte mehr Tiefe, säße Hannelore Oetinger mit am Tisch. Die 72-Jährige muss sich nicht mit Was-wäre-wenn-Gedankenspielen abgeben. Sie weiß, wie sich ein bedingungsloses Grundeinkommen anfühlt, weil sie eins bekommt. Sie hat’s gewonnen.

Der gemeinnützige Verein „Mein Grundeinkommen“ sammelt am laufenden Band Spendengelder, und sobald sich 12 000 Euro angesammelt haben, wird ein Grundeinkommen auf Zeit verlost: ein Jahr lang jeden Monat 1000 Euro steuerfrei aufs Konto – und dann mal los, Leute, checkt ab, was das mit euch macht. Was ihr damit macht. Ob es Sinn macht.

Wirres Hirngespinst oder grandiose Idee?

Übers bedingungslose Grundeinkommen kann man ungefähr genauso leidenschaftlich diskutieren wie über die Frage, ob man die Gastronomie ab einer 50er-Inzidenz öffnen kann oder nicht. Die Digitalisierung wird eine Menge Arbeitsplätze hinwegfegen, weshalb wir früher oder später sowieso einen radikalen Umbau des Sozialsystems, sprich, ein bedingungsloses Grundeinkommen, brauchen – sagen Befürworter/-innen. Andere investieren direkt in Aktien von Sofaherstellern, weil sie glauben, alle bleiben für immer auf einem hocken, nur weil ihr Existenzminimum gesichert ist. Im Übrigen sei diese Idee, von ihrer Hirnrissigkeit mal ganz abgesehen, niemals finanzierbar. Heißt es.

Wahr ist, man kann aus einem zeitlich begrenzten Grundeinkommens-Verlosungs-Experiment keine allgemeingültigen Schlüsse ziehen und schon gar nicht herausfinden, ob das bedingungslose Grundeinkommen in die Schublade „wirrstes Hirngespinst seit Erfindung des SUV“ gehört, oder ob es das im Menschen verborgene Beste ins Rampenlicht rückt.

Gesellschaftsstudie auf den Weg gebracht

Der Verein „Mein Grundeinkommen“ dürfte nicht ganz neutral aufs Auskommen für alle schauen, weshalb er sich ans Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) wandte: Könntet ihr eine Gesellschaftsstudie auf den Weg bringen, die belastbarere Erkenntnisse zum Modell Grundeinkommen liefern könnte, als es einer Biergarten-Runde je möglich wäre?

Geht klar, hieß es beim DIW, und jetzt müssen wir alle noch ein paar Jährchen ausharren, weil gleich drei Studien vorgesehen sind, die erste erst dieses Jahr startet und vor 2024 nicht mit Ergebnissen zu rechnen ist.

Bereits im Herbst 2021 wird Hannelore Oetinger berichten können, wie es ist, das Grundeinkommen nicht mehr zu bekommen. Im Sommer endet der Bezug, dann muss sie wieder mit 1000 Euro im Monat weniger auskommen.

Ein Besuch bei Hannelore Oetinger lässt sich unterdessen ganz schwer beenden, und das hat mehrere Gründe: Hat sich Hund Bruno in der Diele breitgemacht, kommt man sowieso nicht mehr vorbei, Hannelore Oetingers Apple crumble macht süchtig und die Frau selbst strahlt diese Mischung aus Herzenswärme, Zugewandtheit und Schaffenskraft aus, die ansteckender sein möge als jede Virus-Mutante der Welt.

„Da sträubt sich in mir alles“

Die Pensionärin hat, wie sie erzählt, genau einmal in ihrem Leben versucht, bei einem Amt eine finanzielle Unterstützung zu bekommen. Sie fühlte sich „abgefertigt“, ließ das Ansinnen ruhen und ging nie wieder hin. Dass arbeitslose Menschen „bittstellen“ müssen, „das finde ich himmelschreiend, da sträubt sich in mir alles“. Ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Bürger, ob arbeitslos oder nicht, ob reich oder arm, ob drei Jahre alt oder 93 – Hannelore Oetinger würde es uneingeschränkt befürworten.

Sie hat sich jetzt ein paar neue Möbel gegönnt, und ins Häuschen, in dem sie lebt, direkt am Neckar in Ludwigsburg-Hoheneck, muss sie immer mal was reinstecken. Wie direkt aus dem Märchen mutet das Haus an – all die Bälkchen und Türchen, und dann der Schrank im Vorraum – drin sitzen die sieben Geißlein, das steht fest.

Sinnhaftigkeit steht im Vordergrund

„Ein noch ganz junges Baby“ hegt und pflegt Hannelore Oetinger derweil in Gedanken, und das Projekt hat mit Wildpflanzen und Kräutern zu tun, mit Kindern und der Kraft der Erde. „Ich brauche was, was Sinn macht“, sagt die 72-Jährige. Sie erzählt voll Respekt von jenem Mann, dem sie in Ditzingen ein Ladengeschäft vermietet hat. Ihre Eltern besaßen eine Bäckerei. Als Älteste von sieben Kindern rechnete Hannelore Oetinger bereits im Grundschulalter flugs im Kopf, wie viel ein Kunde rauskriegt, sofern er für eine Brezel eine Mark hingelegt hat. Die Mutter starb früh, lange Jahre war die Backstube vermietet, doch dann entschied man sich fürs Schließen. Übrig blieb der Laden, und in den Räumen dort betreibt jetzt ein Mann aus Syrien ein Lebensmittelgeschäft. „Er will wirklich was auf die Füße stellen, ich find’ das so klasse“, sagt die Pensionärin. Aktuell sucht ihr Mieter einen Raum, in welchem er eine Röstmaschine für Nüsse aufstellen kann.

„Nicht denken, wir wären die Herren der Welt“

Unterdessen richtet Hannelore Oetinger ein paar freundliche Worte an Bruno. Bruno verfügt in etwa über die Maße eines Sofas, und wer dem treuen Blick des Riesenhundes nicht sofort verfällt, der hat ein Herz aus Stein.

So gut, wie es die Pensionärin mit ihrem Hund meint, ist das Leben mit ihr nicht immer umgesprungen. „Ich habe kein Leben gehabt, das so am Schnürle lief – aber es ist okay. Man reift daran“, sagt sie. Das Grundeinkommen verschafft ihr etwas Freiraum, „man fühlt sich unbelasteter“. Aus dem Kräuterprojekt könnte was werden, hofft sie, und es würde passen zu ihrer Haltung: „Wir müssen lernen, wieder mehr auf unseren Körper zu hören. Dankbar sein. Und nicht denken, wir wären die Herren der Welt“, sagt sie und huscht so behände wie barfuß die Steintreppen hinunter. „Kommen Sie gern mal wieder“, schlägt sie vor, und setzt noch einen Satz nach, den sie vermutlich auch vor der Corona-Krise schon so ausgesprochen hätte: „Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind das Wichtigste, nicht das Geld.“

Der Mensch hebt nur seinen Hintern, sofern er sich davon einen Vorteil verspricht oder wenn er halt muss: Ja, genau – und die Erde ist eine Scheibe.

Wer wozu und in welcher Frequenz den Hintern hebt, lässt sich so pauschal nicht sagen. Interessant zu wissen wär’s aber durchaus. Man stelle nur mal beim nächsten Treff im Biergarten (scheint nicht allzu unrealistisch zu sein im Moment) die Frage in den Freiraum: Was würdest du ändern, wenn du jeden Monat einfach so 1000 Euro geschenkt

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