Rems-Murr-Kreis

Gurtmuffel spielen riskantes Spiel: Wie sie den Piepston umgehen und warum sie sich nicht anschnallen wollen

KOL 1205K108  alles was recht ist
Lieber stecken lassen. © Hardy Zürn

Den penetranten Piepston erträgt auf Dauer kein Mensch. Gurtmuffel wissen, wie sie die Warnung umgehen – und riskieren den freien Flug. Donnern sie bei einem Unfall ungebremst nach vorn, wirkt der Airbag ähnlich wie die schlagbereite Faust eines Schwergewichtsboxers – „gebrochene Nase inklusive“, wie Christian Reher, der Geschäftsführer der Kraftfahrzeuginnung Region Stuttgart, es anschaulich beschreibt.

Bei Verkehrskontrollen fischt die Polizei oftmals zig Autofahrer heraus, die nicht angeschnallt sind. 2020 zählte das Polizeipräsidium Aalen, das für die Landkreise Rems-Murr, Ostalb und Schwäbisch Hall zuständig ist, 10 160 Verstöße gegen die Gurtpflicht. Das sind fast 3000 Verstöße mehr als noch im Jahr 2016.

Gurtmuffel spielen ein riskantes Spiel. Sie kommen bei einem Unfall seltener mit einer gebrochenen Nase davon als angeschnallte Insassen. Knapp 30 Prozent aller Verkehrstoten waren nicht angegurtet, das geht aus einer Auswertung der Unfallforschung der Versicherer aus dem Jahr 2018 hervor.

Man hatte es eilig und war eh nur kurz unterwegs: Diese Gründe nennen nicht angeschnallte Fahrer recht häufig, wie eine Befragung der Unfallforscher ergab. Knapp zehn Prozent der Befragten meinten, mit einem Airbag genug geschützt zu sein oder sich selbst abstützen zu können – was nicht stimmt.

Piepston via Software abschalten: Illegal

Unterdessen entwickelt der Warnton im Wagen binnen Sekunden eine Penetranz, die selbst gelassenen Zeitgenossen den letzten Nerv rauben dürfte. Gurtmuffel finden offenbar Wege, wie sich der Ton abstellen lässt, ohne den Gurt anzulegen. Früher war es möglich, den Piepston via fahrzeugeigener Software auszuschalten, berichtet Torsten Treiber, Obermeister der Kfz-Innung. Inzwischen ist das verboten, und es wäre folglich illegal, würde eine Werkstatt etwa „mit Hilfe chinesischer Automanipulationstechnik“ für Stille im Fahrzeuginneren sorgen. Das ist auch gut so, findet Torsten Treiber, denn „wohin rennt der Gurtabschalter zuerst, wenn er sich bei einem Unfall verletzt hat und die Versicherung ihn in Regress nimmt, weil er nicht angeschnallt war und Geld für die Behandlung zurückwill?“ Die Antwort auf die provokante Frage liefert Treiber gleich mit: „Zum Rechtsanwalt, die Werkstatt verklagen.“

Alarmstopper: Folgen für den Versicherungsschutz

Offenbar gibt’s genug Nachfrage für ein ganz anderes Produkt, sonst ließe es sich nicht mit wenigen Klicks ganz leicht besorgen: Alarmstopper sind im Handel für ein paar Euro zu haben, gern auch in Kombi mit integriertem Flaschenöffner. Flugs den Stecker im Gurthalter versenken – und schon verhallt der Piepston. „Wer seinen Hals unbedingt privat riskieren will“, warnt Torsten Treiber, greift auf diese Variante zurück. Sollten bei einem Unfall Vorrichtungen dieser Art gefunden werden, werden Versicherungen den Benutzer etwa für Behandlungskosten in Regress nehmen, und von der Versicherung eines Unfallgegners dürften keine Schmerzensgeldzahlungen zu erwarten sein.

Bereits seit September 2019 hätten Gurtwarner verpflichtend für alle Autos vorgeschrieben sein sollen, so Christian Reher. Doch weil eine entsprechende EU-Verordnung nach wie vor nicht vorliegt, „ist der Gurtwarner immer noch ein freiwilliges Extra der Hersteller“. Was an der Anschnallpflicht nichts ändert: Sie gilt seit 1976, seit 1984 auch für die Mitfahrer auf der Rückbank. Nur wenige Ausnahmen lässt die Straßenverkehrsordnung (StVO) zu: etwa beim Rückwärtsfahren bei Schrittgeschwindigkeit oder beim Fahren auf Parkplätzen.

Bernd, der Bär legt elegante Flugkurve hin

Früh übt sich, wer ein Meister werden will, weshalb die Kfz-Innung hin und wieder den Bär fliegen lässt. Bei Sicherheitsaktionen in Kindergärten demonstriert man mittels eines Gurtschlittens eindrucksvoll, welch elegante Flugkurve Bernd, der Bär, hinlegt. Der Gurtschlitten simuliert den Stopp eines Autos bei 30 Stundenkilometern – und Bernd haut’s ohne Gurt mit gewaltigem Schwung aus dem Sitz.

Hunde, Katzen, Sixpacks und Sonstiges fliegen ungesichert ebenfalls überhaupt nicht galant durchs Fahrzeuginnere, gibt Torsten Treiber ergänzend zu bedenken. Ein ungebremster und ungeschützter Aufprall mit 50 Stundenkilometern sei mit einem Sturz aus zehn Metern Höhe vergleichbar – kurzum: „Anschnallen macht Sinn.“

Den penetranten Piepston erträgt auf Dauer kein Mensch. Gurtmuffel wissen, wie sie die Warnung umgehen – und riskieren den freien Flug. Donnern sie bei einem Unfall ungebremst nach vorn, wirkt der Airbag ähnlich wie die schlagbereite Faust eines Schwergewichtsboxers – „gebrochene Nase inklusive“, wie Christian Reher, der Geschäftsführer der Kraftfahrzeuginnung Region Stuttgart, es anschaulich beschreibt.

Bei Verkehrskontrollen fischt die Polizei oftmals zig Autofahrer heraus, die

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper