Rems-Murr-Kreis

Gute Nachrichten vom Arbeitsmarkt Rems-Murr: Freie Ausbildungsplätze, mehr offene Stellen, weniger Arbeitslose

Christine Käferle Leiterin Arbeitsagentur Waiblingen
Christine Käferle leitet die Agentur für Arbeit Waiblingen. © Büttner

Wer mal was richtig Riskantes wagen möchte, gehe ohne Smartphone essen: Die Speisekarte sucht man vergebens, denn die verbirgt sich im wirren Muster eines QR-Codes.

Keine Sorge, die Anekdote beschreibt die Wirklichkeit nur in Ausschnitten. Sicher findet die Wirtin im Schrank noch eine gedruckte Karte, oder sie hat ihr Restaurant noch gar nicht ganz durchdigitalisiert. Wenn ja, befände sie sich in allerbester Gesellschaft.

Das Schlagwort „Digitalisierung“ fliegt jedem an aktuellen Themen interessierten Menschen zwar laufend um die Ohren. Was damit genau gemeint ist, wer wo wie welche Prozesse digitalisiert, das ist ein kein bisschen vollständig durchdrungenes Feld. Bildungsträger, Unternehmen und Arbeitsagentur suchen und finden Wege, wie sie die Zeichen der Zeit richtig lesen, während Corona so manches beschleunigt hat.

Mit dem Strukturwandel sind jede Menge Chancen verknüpft

Wie geht’s jetzt weiter am Arbeitsmarkt, nachdem coronamäßig – hoffentlich – das Schlimmste ausgestanden ist?

Christine Käferle, Chefin der Agentur für Arbeit in Waiblingen, hat gleich mehrere gute Nachrichten im Gepäck: Die Zahl der offenen Stellen steigt jetzt wieder an, Jugendliche haben allerbeste Chancen, jetzt noch für diesen Herbst einen Ausbildungsplatz zu finden, die Zahl der Arbeitslosen geht aktuell zurück, und mit dem Strukturwandel sind zwar viele Ängste verknüpft – aber auch jede Menge Chancen.

Stichwort Ausbildungsplätze: Der eine oder die andere Jugendliche mag nach all den krampfigen Corona-Monaten mutmaßen, Bewerben sei sinnlos. Irrtum. „Gar nicht schlecht“ sieht’s momentan aus am Lehrstellenmarkt, sagt Christine Käferle. Also ran an die Bouletten; es war schon immer so, dass sich in den drei Monaten vor Ausbildungsbeginn noch ganz viel tut. Das gilt dieses Jahr genauso. Der Blick über die Kreisgrenze hinaus lohnt unterdessen immer: Vielleicht findet sich in Stuttgart die gewünschte Lehrstelle? Oder in Sindelfingen?

Wie gut, dass man mit 16 gar nicht wissen muss, was man sein Leben lang arbeiten möchte – und trotzdem eine Ausbildung beginnen kann. Die Zeiten sind lange vorbei, als bei einer Entscheidung für einen Lehrbetrieb dieses Bis-dass-die-Rente-uns-scheidet-Gefühl mitschwang. Die Dinge entwickeln sich dynamisch, Beschäftigte wechseln außer Arbeitgebern auch Berufe – doch eins ist geblieben: Mit einer abgeschlossenen Ausbildung legt der Mensch ein stabiles Fundament, auf welchem sich eine wie auch immer gestaltete Laufbahn dann aufbauen lässt.

"Es spielt sich viel im Kopf ab"

Die nächste gute Nachricht: Es werden im Zuge des Wandels, dem eine Vielzahl von Branchen im Sauseschritt-Tempo ausgesetzt sind, mehr Jobs neu entstehen als wegfallen. Diese Prognosen stammen aus seriösen Quellen.

Vielleicht ließe sich gar aus der Corona-Erfahrung Kraft schöpfen, und das möge bitte nicht missverstanden werden: Es gibt viele Menschen, die hat es mega hart getroffen. Angehörige jener, die an Covid-19 verstorben sind, können der Pandemie unmöglich etwas Gutes abgewinnen.

Wahr ist aber auch: Die Erfahrung, unsichere Zeiten durchstehen und sich neuen Wegen anvertrauen zu können, nährt die Hoffnung, genau das gelingt womöglich auch in anderem Kontext.

„Es spielt sich viel im Kopf ab“, sagt Gunnar Schwab, Geschäftsführer des Jobcenters: Menschen gehen mit Veränderungen verschieden um, und der Grad der Angst vor Neuem deckt eine bemerkenswert große Bandbreite ab. Das gilt genauso, wie sollte es auch nicht, für die Beschäftigten der Arbeitsagentur und des Jobcenters, das sich um Menschen kümmert, die schon längere Zeit ohne Arbeitsplatz sind. Manch eine/r der Berater/-innen sowohl in der Agentur als auch im Jobcenter freute sich ein Loch in den Bauch, weil man nun von zu Hause aus Klienten per Video-Call beraten kann. Andere mögen das nicht.

Das Szenario ist ein Szenario geblieben

Dasselbe gilt für QR-Codes auf Tischen in Restaurants: Nicht alle Menschen besitzen ein Smartphone, nicht alle kennen alle Funktionen desselben, und es ist völlig normal, wenn man sich diese eine Frage stellt: Werde ich angesichts des rasanten Wandels in ein paar Jahren noch den dann durchdigitalisierten Alltag meistern können oder verschluckt mich der Strudel komplett?

Hoffnungsfroh stimmt ferner die Tatsache, dass sich nie alle düsteren Prognosen bewahrheiten. Als es im März vor einem Jahr losging mit Corona, stand ein furchterregendes Szenario im Raum: Die Zahl der Menschen, die auf Leistungen aus der Grundsicherung angewiesen sind, könnte sich deutschlandweit verdoppeln.

Das Szenario ist ein Szenario geblieben. Es stimmt, Solo-Selbstständigen und Menschen mit Jobs in besonders betroffenen Branchen hat es den Boden unter den Füßen weggezogen. Aber es geht jetzt wieder aufwärts. Wer im März 2020 bereits arbeitslos war und verzweifelt jegliche Felle wegschwimmen sah, darf und soll nun wieder hoffen.

"Ich mag mir nicht vorstellen, wie es gewesen wäre ohne Kurzarbeit"

Kurzarbeit „hat unglaublich viel geholfen. Ich mag mir nicht vorstellen, wie es gewesen wäre ohne Kurzarbeit“, bilanziert Christine Käferle. Im Rems-Murr-Kreis befanden sich zur Hochphase im Mai 2020 rund 22 Prozent der Beschäftigten im Rems-Murr-Kreis in Kurzarbeit. Fast ein Viertel – die Zahl muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Aktuell, berichtet Christine Käferle, verzeichnet die Arbeitsagentur kaum noch neue Ankündigungen von Firmen, die in naher Zukunft mit Kurzarbeit rechnen.

Die Agenturchefin denkt ohne Frage über die nahe Zukunft hinaus, und nun kommt das Thema Qualifizierung ins Spiel: „Im allerbesten Fall geschieht das im laufenden Arbeitsverhältnis“, sprich, man bildet sich nicht erst dann notgedrungen weiter, wenn der Job weg ist.

Wie sich Menschen am besten auf das vorbereiten, worauf es im Erwerbsleben in Zukunft ankommt – das wissen Beteiligte im Moment nicht immer so ganz genau. Die Dinge sind im Fluss; Firmen tun sich oftmals noch schwer mit der Definition von Kompetenzen, und Bildungsträger müssen sich auf Anforderungen einstellen, die nur schemenhaft umrissen sind.

Fazit: Zeiten ohne Veränderung gab’s noch nie. Veränderung bringt Unsicherheiten mit sich. Und Chancen.

Wer mal was richtig Riskantes wagen möchte, gehe ohne Smartphone essen: Die Speisekarte sucht man vergebens, denn die verbirgt sich im wirren Muster eines QR-Codes.

Keine Sorge, die Anekdote beschreibt die Wirklichkeit nur in Ausschnitten. Sicher findet die Wirtin im Schrank noch eine gedruckte Karte, oder sie hat ihr Restaurant noch gar nicht ganz durchdigitalisiert. Wenn ja, befände sie sich in allerbester Gesellschaft.

Das Schlagwort „Digitalisierung“ fliegt jedem an

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper