Rems-Murr-Kreis

Höhere Recyclingquoten für Bauschutt?

Abbruch der ehem. Lederfabrik Breuninger in Schorndorf, 03.03.2020.
Wohin mit dem Bauschutt von Großbaustellen wie dem Klinikareal in Waiblingen oder Breuninger in Schorndorf? © Benjamin Büttner

Das Breuninger-Areal am Bahnhof, die Industriebrache im Mühlenviertel oder das Mehrfamilienhaus in der Stadt vis à vis von Bantel: Dieses Frühjahr erfolgten gleich drei spektakuläre Abrisse von Gebäuden in Schorndorf mit Zehntausenden Tonnen Bauschutt, Abbruchholz und -metall. Zwar ist die Entsorgung dieser Materialien stark reglementiert, aber echtes Recycling, damit aus Gebäuden wieder Gebäude werden, findet eher selten statt.

Dazu passt, dass Nachfragen nur sehr zögerlich beantwortet werden und viele Gegenfragen hervorrufen wie: „Und warum wollen Sie das wissen?“ oder „Wo soll der Bericht erscheinen?“ Denn tatsächlich schreibt das Land Baden-Württemberg seit 2006 explizit vor, dass Abfälle als Wertstoffe recycelt werden müssen. Doch in der Praxis verfüllen Entsorger und Recycler das meist hochwertige Material in Baugruben vor Ort oder in ausgebeuteten Sand- und Kiesgruben. Der Grund: Das ist billiger, als sortenrein zu refraktionieren, zu waschen, zu sieben, zu brechen und für den Wertstoff Abnehmer zu finden.

Teilweise wird deshalb Material aus der Region Stuttgart im Elsass auf Deponien entsorgt, weil hiesige Kapazitäten erschöpft sind. Das heißt: Hochwertiges Material wird vernichtet und Dutzende Lkw legen täglich Hunderte Kilometer zurück, um abgebrochenes Material abzufahren und frischen Kies und Sand, der aus der Natur auf der Schwäbischen Alb „gewonnen“ wird, in die Ballungszentren zu liefern. Und während dies unter dem Druck von Kosten und Lobbyisten bundesweit gängige Praxis ist, mehren sich weltweit die Nachrichten, dass neben Sand international auch Zink oder Kupfer knapp werden angesichts von Urbanisierung und steigender Weltbevölkerung.

Der Stuttgarter Stararchitekt Prof. Werner Sobek, den Oberbürgermeister Matthias Klopfer im November zum Unternehmerempfang der Stadt eingeladen hatte, hatte genau darüber gesprochen: Schon jetzt, so der gebürtige Aalener, der weltweit nachhaltig baut und Gebäude als Materiallager versteht, verursache die Bauwirtschaft 60 Prozent des weltweiten Müllaufkommens. Dabei gebe es Alternativen.

Kirchheims Bau-Bürgermeister Günter Riemer, früher selbst mal Tiefbauamtsleiter in Schorndorf, hat jüngst zu der Thematik eine Weiterbildung bei der Akademie Ländlicher Raum, Umwelt und Naturschutz besucht, bei der es angesichts des Klimawandels um solche Themen ging: „Bei Abrissvergabe geht der Bauschutt üblicherweise in den Besitz des Abbrechers über“, hat sich Riemer kundig gemacht. Die Kommune könne aber vorschreiben, welcher Verwendung das Abbruchmaterial zugeführt wird. In Kirchheim, wo neuerdings bei kommunalen Neubauten Recyclingbeton verpflichtend für den Rohbauer ist, wird nun auch die „hochwertige Verwertung“ des Bauschutts vorgeschrieben.

Wer mit den Abbruchunternehmern Zlöbl aus Ebersbach (Mühlenviertel), AED aus Lorch (Mehrfamilienhaus bei Bantel) oder CK aus Eislingen (Breuninger-Areal) spricht, merkt schnell, welche Verwertungsindustrie samt Logistik und Subunternehmern sich in diesem Marktsegment längst ausdifferenziert hat: Problemabfälle wie Asbest oder Decken mit Mineralwolle sind gut dokumentiert, die Fachbetriebe zertifiziert, Arbeitsschutzbestimmungen wie Atemmasken oder Schutzanzüge sind Standard, sämtliche Entsorgungswege und -mengen sind nachvollziehbar und kontrolliert wird offenbar auch hinreichend.

Selbst im Remstal gibt es Fachbetriebe, die etwa auf Holz spezialisiert sind, das in vier Chargen klassifiziert ist von unbehandelt/bedenkenlos bis schwer belastet. Und wird das erste etwa zu Pellets aufbereitet oder als Biomasse verstromt, wird das letzte im Müllheizkraftwerk verfeuert - und als Nahwärme genutzt. So fungieren Betriebe als Sammelstellen, die Stoffströme organisieren, Verfahren entwickeln und verfeinern, Preise gestalten, Wertschöpfungsketten bilden, Jobs schaffen und Steuern zahlen.

Dabei setzen sich die Kosten für die Abbruchunternehmen immer aus Personal, Maschineneinsatz, Transport und Entsorgung zusammen, die jeder Anbieter unterschiedlich kalkuliert. Transport- und Deponiekosten entfallen, wenn bereits auf der Baustelle das Material verfüllt wird, was bereits als gesetzeskonformes Recycling gilt. An der Stelle setzt die Kritik von Walter Feess ein, der auch als Unternehmer für Abbruch und Erdaushub arbeitet, sich aber primär als Recycler versteht, der in Kirchheim, Ebersbach/Fils und neuerdings am Hafen in Stuttgart Wertstoffhöfe für Bauschutt betreibt.

„Ziegel und Backsteine aus Lehm oder Ton sind viel zu kostbar, um damit Löcher zuzuschütten,“ sagt der 66-Jährige, der aktuell die Erdarbeiten auf dem alten Klinikgelände in Waiblingen ausgeführt hat, wo nun Wohnbebauung entsteht. Der Kirchheimer bereitet seit 2010 sämtlichen Bauschutt in aufwendigen Verfahren zu Zuschlagstoff für Beton auf, der dann Recycling-Beton oder R-Beton heißt. Bis zu 30 Prozent Zuschlagstoff sind bislang zulässig. Was Feess’ Mitbewerber für Transport und Deponiegebühren ausgeben, investiert er in Lagerplätze, Verfahren und Vermarktung seiner Wertstoffe.

Deutscher Umweltpreis

2016 erhielt der Visionär für sein Engagement, Recyclingquoten bis 98 Prozent zu erzielen, den Deutschen Umweltpreis. Seither geben sich Politiker und Verbände die Klinke in die Hand, seinen 3,6 Hektar großen Wertstoffhof in Kirchheim an der A 8 zu besuchen und sein Engagement zu loben. Denn mit seinem regionalen Prinzip, das die Philosophie von Professor Sobek konsequent umsetzt, spart der Chef von 200 Mitarbeitern Tausende Tonnen CO2 ein, weil er Transportwege vermeidet und nebenbei natürliche Ressourcen schont.

Die Grünen im Landtag wollen nun den rechtlichen Rahmen setzen, der sich an Feess’ Standards orientiert und eventuell die Quote für den Zuschlagstoff erhöht, um die Energiewende schneller voranzubringen und neue Jobs zu schaffen. Tatsächlich hatte der Unternehmer zuletzt binnen vier Wochen 45 000 Tonnen Altbeton auf seinen Wertstoffhof gebracht, der nach Ostern von der Landebahn des Flughafens gefräst worden war.

Und von der Bahntrasse Stuttgart-Mannheim holt der schaffige Schwabe aktuell 30 000 Tonnen glyphosat-belasteten Gleisschotter, den er wäscht und dann weitestgehend dem Gleisbau wieder zur Verfügung stellt.

Das Breuninger-Areal am Bahnhof, die Industriebrache im Mühlenviertel oder das Mehrfamilienhaus in der Stadt vis à vis von Bantel: Dieses Frühjahr erfolgten gleich drei spektakuläre Abrisse von Gebäuden in Schorndorf mit Zehntausenden Tonnen Bauschutt, Abbruchholz und -metall. Zwar ist die Entsorgung dieser Materialien stark reglementiert, aber echtes Recycling, damit aus Gebäuden wieder Gebäude werden, findet eher selten statt.

Dazu passt, dass Nachfragen nur sehr zögerlich

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