Rems-Murr-Kreis

Hürden für Regenbogenfamilien: Der lange Weg zum Kind für Ehepaar aus Waiblingen

Familie Lobitz
Anna und Julia Lobitz (von links) mit ihrer Tochter Tilda (1). © ZVW/Gaby Schneider

2017 wurde die Ehe für alle vom Bundestag beschlossen. Doch verheiratete, lesbische Paare werden gegenüber Mann-Frau-Ehen vor allem durch die sogenannte "Stiefkind-Adoption" weiterhin benachteiligt. Anna und Julia Lobitz aus Waiblingen-Bittenfeld berichten von ihrem langwierigen Weg zum Wunschkind Tilda.

Kurz vor ihrem ersten Geburtstag tapst Tilda ihre ersten Schritte - aus den Armen ihrer Mutter Julia (35) in die ihrer Mutter Anna (36). Und in diesen Tagen wird sie auch das erste Mal eine Kindertagesstätte in Waiblingen-Bittenfeld besuchen. Das spannende erste Lebensjahr, Thema unzähliger Eltern-Ratgeber, ist nun vorbei - und Julia Lobitz' Elternzeit ebenso. 

Doch für Julia und Anna Lobitz war Tildas erstes Lebensjahr besonders spannend. Es sei ein langer Weg gewesen, zeitweise auch ein Nervenkrieg, bis Tilda auf die Welt kam und juristisch beiden Elternteilen zugesprochen wurde, berichten beide Frauen. Anna Lobitz erklärt: "Wir haben lange überlegt, ob wir einen Artikel über uns in der Zeitung  lesen möchten, denn wir möchten einfach nur normal leben wie jede andere Familie auch." Dennoch stoßen die beiden Frauen im Alltag oft auf Unwissenheit: "Viele denken, seit der ,Ehe für alle' gäbe es eine Gleichberechtigung von gleichgeschlechtlichen Ehen, aber das stimmt einfach nicht", sagt Lobitz.  Selbst den Freunden des Ehepaares sei nicht bewusst gewesen, welche Hürden es auf dem Weg zum eigenen Kind hatte überwinden müssen.

Demütigender Prozess der Stiefkind-Adoption

Seit vielen Jahren sind Anna und Julia ein Paar und leben seit 2021 in einer Eigentumswohnung in Waiblingen-Bittenfeld. Beide Frauen sind beruflich erfolgreich - Julia arbeitet als Projektplanerin beim Raumfahrtunternehmen Tesat in Backnang, Anna ist Rektorin eines sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrums in Winnenden. "Wir wollten beide beruflich erst mal Fuß fassen, um dann unseren Kinderwunsch zu verwirklichen" berichtet Anna Lobitz. 2017, als die "Ehe für alle" vom Bundestag verabschiedet wurde, ergriff das Paar die Chance. Sie heirateten mit einem großen Fest, größer als ursprünglich geplant. "Aber es war schön und es sollte ein Zeichen sein. Und wir wollten einen rechtssicheren Rahmen, um eine Familie zu gründen", berichtet Anna Lobitz. Doch bis Tilda auf die Welt kam und ihre Mütter beide das Sorgerecht bekamen, wurde es erst mal kompliziert. "Es sind einige Tränen geflossen", berichtet Julia Lobitz.

Und dann erzählen die beiden Frauen: Davon, dass sie in der Kinderwunsch-Klinik ihre Eheurkunde vorlegen mussten, während heterosexuelle Paare keinen Nachweis über ihre Beziehung vorweisen müssen, um eine Samenspende zu erhalten. Von den drei- bis vierstelligen Kosten für eine Insemination, vom Testament, das Anna vor der Geburt verfassen musste. Wäre Anna bei der Geburt etwas zugestoßen, hätten die Großeltern Anspruch auf das Neugeborene erheben können. Denn Ehefrau Julia hatte zunächst keinerlei Rechte auf das Baby. Erst mit Tildas "Stiefkind-Adoption" sollte sich das ändern. Doch der Antrag, den Julia erst acht Wochen nach Tildas Geburt einreichen durfte, hatte es in sich. 

Um ihre Eignung als Stiefmutter gegenüber dem Jugendamt zu begründen, musste Julia unter anderem ein Gesundheitszeugnis vom Hausarzt und ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis einreichen. Zudem waren beide Frauen verpflichtet, in einem fünf- bis achtseitigen Bericht ihre Beziehung, ihre finanzielle und häusliche Situation und die Erbfolge offenzulegen. Letztlich kam ein Jugendamts-Mitarbeiter zu Besuch, um Julias Eignung als Mutter für Tilda zu überprüfen. "Der Jugendamts-Mitarbeiter war sehr nett"; berichtet Julia. "Nichtsdestotrotz war der ganze Prozess sehr demütigend." 

Benachteiligung gegenüber der Mann-Frau-Ehe

Bei einer Mann-Frau-Ehe wäre die Rechtslage eine völlig andere. Hier gilt der Ehemann automatisch als Vater, wenn die Ehefrau während der Ehezeit ein Kind gebiert. Egal ob er tatsächlich der leibliche, biologische Vater ist oder nicht. Er muss das Kind weder adoptieren noch seine Vaterschaft anerkennen. „Vater eines Kindes ist der Mann, der zum Zeitpunkt der Geburt mit der Mutter des Kindes verheiratet ist“, heißt es in Paragraf 1592 des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB).

Inzwischen hat sich das Paar mit anderen Regenbogen-Familien in einer sogenannten Ilse-Gruppe des Schwulen- und Lesben-Verbandes Baden-Württemberg (LSVD) vernetzt. "Ich dachte vorher eigentlich nicht, dass der Austausch etwas für uns wäre, wir denken ja nicht, dass wir so besonders sind", erzählt Anna Lobitz. "Aber inzwischen und nach dem Kampf mit der Stiefkind-Adoption tut es wirklich gut, sich mit Familien auszutauschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben." Im Rems-Murr-Kreis kennt das Paar nämlich keine einzige. "Aus unserer Sicht braucht es mehr Information und auch Alltagsbegegnungen, damit wir Regenbogen-Familien wirklich irgendwann gleichberechtigt sind, damit es einfach normaler wird, dass ein Kind beispielsweise auch zwei Mütter haben kann", sagt Anna Lobitz.

LSVD: Langer Weg bis zur Gleichberechtigung

Für Katharina Binder, Vorstandsmitglied des LSVD in Baden-Württemberg, sind die Erfahrungen, die Anna und Julia Lobitz bei der Verwirklichung ihres Kinderwunsches gemacht haben, relativ typisch. "Leider ist es noch ein weiter Weg bis zur wirklichen Gleichberechtigung", sagt Binder und erklärt:  "Das Grundproblem ist, dass 2017 zwar die Ehe für alle eingeführt wurde, das Abstammungsrecht aber dahin gegen eben nicht angepasst wurde." Der für die Adoption von Stiefkindern in Patchwork-Familien sicher sinnvolle Prozess sei einfach auf lesbische Ehen übertragen worden. Das sei aber unpassend.  

Seit zwei Jahren gibt es in Stuttgart die Beratungsstelle "BerTA" des LSVD speziell für Regenbogen-Familien. Dort werden unter anderem homosexuelle und intersexuelle Paare mit Kinderwunsch und Regenbogen-Familien beraten. "Für fast alle ist die Bürokratie auf dem Weg zum eigenen Kind eine Belastung", berichtet Fachberaterin Rebecca Rottler aus der Beratungspraxis. Aber sie sagt auch: "Dabei haben wir in den zwei Jahren bislang noch nie erlebt, dass eine Stiefkind-Adoption in einer lesbischen Beziehung abgelehnt wurde." 

Viele betroffene Frauen empfänden die Stiefkind-Adoption als einen regelrechten Kampf um ihren Mutter-Status. Und der sei oft auch sehr langwierig. "Wenn das Familiengericht und das zuständige Jugendamt schnell sind, dauert es dennoch mindestens zehn Monate, bis die Stiefkind-Adoption anerkannt wird", berichtet Rottler. Zudem unterscheide sich der Verwaltungsaufwand je nach Landkreis deutlich. Die einen fordern ausführliche Gutachten und bestehen auf ausführliche Hausbesuche, die anderen machen es den Eltern etwas leichter. "Oft ist es Mitarbeitern des Jugendamtes nicht bewusst, wie stressbesetzt der Prozess der Stiefkind-Adoption für die betroffenen Eltern sein kann", erklärt Katharina Binder. 

Rechtliche Änderungen

Doch rechtliche Änderungen sind immerhin geplant: In einem Aktionsplan "Queer leben", den die Bundesregierung im November 2022 im Bundestag präsentierte, soll unter anderem das Abstammungs- und Familienrecht modernisiert und an die Familienkonstellationen von Regenbogenfamilien angepasst werden. Dabei steht auch zur Debatte, dass Kinder, die in lesbischen Partnerschaften geboren werden, automatisch rechtlich beiden Müttern zugesprochen werden.  

Auch die Europäische Kommission beschloss am 7. Dezember 2022 ein „Gleichstellungspaket“, welches die EU-weite Anerkennung von Regenbogen-Familien vereinfachen und stärken soll. Das Ziel ist es,  „Rechtsklarheit“ für jede Art von Familie zu schaffen, welche beispielsweise in ein Mitgliedsland auswandert oder reist. So schrieb die europäische Kommission: „Alle Kinder sollten unabhängig von ihrer Familienform die gleichen Rechte haben. Heute schlagen wir Regeln für die Anerkennung der Elternschaft für Familien vor, die in ein anderes EU-Land reisen oder dorthin ziehen. Wenn man in einem Land Elternteil ist, ist man es in jedem Land.“

Doch bis es so weit ist, dass die Stiefkind-Adoption bei lesbischen Paaren abgeschafft wird, fordert der LSVD eine deutliche Vereinfachung und Vereinheitlichung des Prozesses. "Auf Gesundheits- oder Führungszeugnisse und Hausbesuche durch das Jugendamt sollte beispielsweise sofort verzichtet werden", sagt Katharina Binder. "Zudem sollte das Verfahren in den Landkreisen angeglichen werden." 

Und bis dahin? 

Rebecca Rottler und Katharina Binder berichten, dass sich auch Kinder, die in Regenbogen-Familien leben, immer noch häufig erklären müssen. Und dass Familien-Konstellationen von Regenbogen-Familien im Kita- oder Schulalltag immer noch nicht als normal gelten. Sie berichten von irritierten Erzieherinnen, die gar Elternabende zum Thema veranstalten wollen. Und von betroffenen Eltern, denen sie häufig raten müssen, vorab auf Schule oder Kita zuzugehen, ihre Familiensituation zu erklären und ihre Wünsche klar auszudrücken, um unangenehme Situationen vorzubeugen. Dabei sind die Wünsche der Regenbogen-Familien eigentlich eine Selbstverständlichkeit: Sie wollen keine Diskriminierung erleben und als Teil einer pluralistischen Gesellschaft respektiert werden.

2017 wurde die Ehe für alle vom Bundestag beschlossen. Doch verheiratete, lesbische Paare werden gegenüber Mann-Frau-Ehen vor allem durch die sogenannte "Stiefkind-Adoption" weiterhin benachteiligt. Anna und Julia Lobitz aus Waiblingen-Bittenfeld berichten von ihrem langwierigen Weg zum Wunschkind Tilda.

Kurz vor ihrem ersten Geburtstag tapst Tilda ihre ersten Schritte - aus den Armen ihrer Mutter Julia (35) in die ihrer Mutter Anna (36). Und in diesen Tagen wird sie auch das erste

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