Rems-Murr-Kreis

"Haifischbecken": Christian Gehring (CDU) kritisiert evangelische Landessynode

Gehring
Christian Gehring, CDU. © Andrea Pelz

Die Wahl des evangelischen Landesbischofs hat tiefe Klüfte innerhalb der Synode offenbart, des Parlaments der württembergischen Landeskirche. Wir veröffentlichen dazu einen Gast-Kommentar von Christian Gehring, dem kirchenpolitischen Sprecher der CDU-Landtagsfraktion. Die Synode, schreibt er, habe "verantwortungslos" gehandelt, "ungeeint, egoistisch", und sich als "Haifischbecken" präsentiert. Er sei "konsterniert und desillusioniert" angesichts des Machtpokers.

Redaktionelle Vorbemerkungen - Chronik des Debakels

So setzt sich die Landessynode zusammen: Der Gesprächskreis Offene Kirche (eher linksliberal) hat 31 Sitze, die Lebendige Gemeinde (pietistisch geprägt) 30, der vermittelnde Gesprächskreis Evangelium und Kirche 17, die innovative Kirche für morgen 12.

Drei allgemein als kompetent eingeschätzte Leute bewarben sich um das Amt des Landesbischofs – in mehreren Wahlgängen kam es zur Zuspitzung:

Zunächst zog der Drittplatzierte Ernst-Wilhelm Gohl, Kandidat von Evangelium und Kirche, zurück.

Dann schied Viola Schenk, die von der Offenen Kirche getragen wurde, aus, als sie mit 39 zu 41 Stimmen gegen Gottfried Heinzmann, den Mann der Lebendigen Gemeinde, unterlag.

Nun aber verweigerte die Synode dem verbliebenen Heinzmann die Bestätigung via Zweidrittelmehrheit.

Schließlich wurde Gohl, der längst aus dem Rennen schien, als Kompromisskandidat gewählt.

Dazu hat uns der Landtagsabgeordnete Christian Gehring aus Rommelshausen, kirchenpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, den folgenden Meinungsartikel zugesandt. Wir sind uns sicher, dass der Text, wenngleich er absehbar nicht nur Zustimmung ernten wird, bedenkenswerte Anregungen enthält. Zuschriften dazu gerne an kreis@zvw.de.

Orientierung geben: Die Bewährungsfrage schlechthin für die Kirche

Endlich weißer Rauch aus dem Schornstein der evangelischen Landeskirche in Württemberg – warum aber blieb das „habemus episcopum“ in den ersten vier Wahlgängen aus? Die (Nicht-)Wahl Heinzmanns war in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Deshalb möchte ich als Politiker und Christ meine Gedanken dazu darlegen.

Am Donnerstag war ich nicht nur als kirchenpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion gespannt, wer die Wahl gewinnt. Auch als Mitglied der württembergischen Landeskirche wollte ich wissen, wie es in der Kirchenführung weitergeht. Dieses Weitergehen hat für meine Landeskirche in diesen Tagen eine nachgerade existenzielle Bedeutung. Die Kirchenaustritte nehmen dramatisch zu. Aber ich bin auch davon überzeugt, dass die Menschen – innerhalb und außerhalb unserer Kirche – gerade in der jetzigen Zeit, die geprägt ist von einem fürchterlichen Krieg in Europa und einer weltweiten pandemischen Lage, eine Kirche brauchen, die uns Halt, Mut und Hoffnung gibt.

Diese Orientierung zu geben, ist vielleicht die Bewährungsfrage schlechthin der Kirchenführung unserer Zeit.

"Konsterniert und desillusioniert"

Mich selbst hat meine eigene Kirche in den letzten Tagen jedoch eher konsterniert und desillusioniert zurückgelassen. Bei der Wahl gab es eine Kandidatin und zwei Kandidaten. Nach drei Wahlgängen blieb ein Gewählter übrig, der die Hälfte aller Stimmen auf sich vereinen konnte. Dieser hätte nun noch in einem letzten Wahlgang mit einer Zweidrittelmehrheit bestätigt werden müssen. Diese Mehrheit wurde ihm verwehrt.

In diesen Zeiten, in denen die Institution Kirche um ihre Bedeutung, ja um ihre Legitimation ringt, ist dies ein fatales Zeichen einer völligen Entkoppelung und Entrücktheit der Synode. Vielleicht ist es sogar für die oben beschriebenen Entwicklungen ein Beschleuniger. Sicher ist es aber eine Verantwortungslosigkeit.

Ich kenne weder die Kandidatin noch die beiden Kandidaten persönlich, habe mir aber bei vielen Pfarrerinnen und Pfarrern aus allen theologischen Richtungen Meinungen eingeholt. Auch dort erlebte ich Fassungslosigkeit und Verwunderung. Demnach sind alle wählbar, aber das hat die Synode wohl nicht so gesehen.

Kirchliche Parteien: Kein Miteinander möglich?

Wie bei uns in der Politik gibt es auch in der Kirche Parteien. Sie heißen Gesprächskreise – vielleicht, weil es harmonischer klingt. Es gibt die Lebendige Gemeinde, die Offene Kirche, die Kirche für morgen und Evangelium und Kirche. Im Vorfeld wurden Kandidaten gesucht, vorgestellt und dann von ihren Gesprächskreisen unterstützt. Diese Vorgehensweise kenne ich so auch aus der Politik in Land und im Bund.

In der Politik ist es aber dann so, dass man sich einigt, und die Parteien, die eine gemeinsame Mehrheit bilden, wählen ihren gemeinsamen Kandidaten. Aus diesem Grund habe ich als CDU-Mitglied einen grünen Ministerpräsidenten gewählt und vor wenigen Wochen einen sozialdemokratischen Bundespräsidenten. Es ist Ausdruck von gelebtem Verantwortungsbewusstsein. Einer Verantwortung, die größer ist, als man selbst.

So viel Sinn für Verantwortung kann ich offensichtlich nicht von meiner Kirche erwarten. Man trifft sich zwar in Gesprächskreisen, spricht aber offensichtlich nicht miteinander, denn bewegen will man sich nicht.

"Interesse für die Kirche kaum noch vorhanden"

Nachdem ich mich dann mit den Kandidaten befasst hatte, hat mich Folgendes am meisten gestört: Der zuletzt verbliebene Kandidat Gottfried Heinzmann ist Experte für Jugendarbeit und Vorstand der diakonischen Einrichtung „Die Zieglerschen“ mit 3400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sein Verständnis und seine Expertise für Humanismus sind doch nie wichtiger gewesen als in dieser heutigen Zeit, in der wir täglich mit dem Angriffskrieg auf die Ukraine konfrontiert sind.

Ich bin mir sicher, dass alle Kandidierenden in höchstem Maße geeignet gewesen wären, aber es gab schlicht nur noch einen Kandidaten, der mit über der Hälfte aller Stimmen in den letzten offiziellen Wahlgang am ersten Wahltag gehen durfte. Heinzmann wurde aber durch seine Nichtwahl öffentlich diskreditiert in einer Form, in der es selbst im Haifischbecken der Politik selten geschieht. Die Kirche gibt nach außen ein schlechtes Bild ab: ungeeint, egoistisch und machtpolitisch.

Die Zugriffszahlen auf den Livestream waren übrigens ebenfalls sehr aufschlussreich, weil gering. Das bedeutet, dass Interesse für die Kirche kaum noch vorhanden ist – und die letzten Verbliebenen schütteln ob der Gräben in der Landeskirche verwundert den Kopf.

Verschanzt in den Echokammern - da hilft nur noch Beten

Liebe württembergische Landeskirche, es hätte wohl gutgetan, ihr hättet nicht in den einzelnen Echokammern getagt, sondern gemeinsam gebetet und dann diese unsinnige fundamentale Verweigerung aufgegeben. Wie gesagt, im Sinne einer Verantwortung, die größer ist als man selbst.

Und wie ging dieses Drama in fünf Akten aus? Der Kompromisskandidat Ernst-Wilhelm Gohl, der 58-jährige Dekan am Ulmer Münster, holte im fünften Wahlgang eine Stimme mehr als erforderlich und wird als erste Amtshandlung die Scherben aufsammeln müssen, die diese Landessynode hinterlassen hat.

Ich wünsche dem designierten Landesbischof alles Gute, Gottes Segen und viel Weisheit für die großen Herausforderungen; und ich wünsche der Landessynode mehr Gebet, mehr Miteinander und weniger Politik.

Die Wahl des evangelischen Landesbischofs hat tiefe Klüfte innerhalb der Synode offenbart, des Parlaments der württembergischen Landeskirche. Wir veröffentlichen dazu einen Gast-Kommentar von Christian Gehring, dem kirchenpolitischen Sprecher der CDU-Landtagsfraktion. Die Synode, schreibt er, habe "verantwortungslos" gehandelt, "ungeeint, egoistisch", und sich als "Haifischbecken" präsentiert. Er sei "konsterniert und desillusioniert" angesichts des Machtpokers.

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