Rems-Murr-Kreis

Hass und Gewalt in Beziehungen: Die Spirale durchbrechen, Risikofaktoren erkennen

Häusliche Gewalt
Es handelt sich um ein Symbolbild, die blauen Flecken sind geschminkt. © Alexandra Palmizi

„Wir verurteilen die Tat – aber nicht den Klienten“: Thomas Säger ist als Sozialarbeiter in einem sensiblen Bereich tätig. Er kümmert sich in der Fachberatungsstelle Gewaltprävention um Menschen, die zugeschlagen haben, Täter geworden sind.

Nichts rechtfertigt Gewalt. Sich mit ihren Ursachen auseinanderzusetzen, mit ihrer Vorgeschichte – das macht Sinn. Weil dann eine Chance besteht, Kreisläufe zu durchbrechen, Spiralen zu beenden.

In manchen Fällen ist es dafür zu spät. In Allmersbach starben in der Nacht auf Sonntag, 21. Juni, eine 41-Jährige und ihre Tochter. Ihr Ex-Freund hat gestanden, die beiden getötet zu haben. Eine 33-jährige Irakerin hätte vor wenigen Tagen in Winnenden die Attacke ihres Noch-Ehemannes mit einer abgebrochenen Bierflasche vielleicht nicht überlebt, wären ihr nicht Passanten zu Hilfe geeilt.

Hinter die Dinge blicken, um sie möglichst zu verändern

Es existieren ungezählte Erklärungsansätze, weshalb sich in Beziehungen Hass und Gewalt Bahn brechen können. Noch mal: Es geht nicht um Rechtfertigung. Es geht um den Versuch, hinter die Dinge zu blicken, um sie möglichst zu verändern.

Eine Trennung gilt als neuralgischer Punkt. „Man verliert die Kontrolle. Man baut sich eine Welt von Vermutungen auf“, so beschreibt Thomas Säger die Abläufe: Was macht sie jetzt? Trifft sie sich mit einem anderen? Wie geht das jetzt mit den Kindern weiter?

Im Kreis der Kumpels nimmt das keiner ernst?

Erwachsene Menschen können und sollten all diese Dinge regeln, ohne dass einer den anderen stalkt, ohne dass man sich beschimpft, beleidigt, fertigmacht. Ganz unabhängig von Bildung, Schicht oder Migrationshintergrund, das ist Thomas Sägers Erfahrung, kann es anders laufen. Zu ihm kommen „gewaltausübende“ Männer und auch Frauen in die Beratung, die von einer Staatsanwaltschaft oder vom Jugendamt zugewiesen worden sind – oder sich aus freien Stücken selbst melden. Viele sind der Wohnung verwiesen worden, oder ein Gericht hat ein Annäherungsverbot ausgesprochen.

Im Kreis der Kumpels nimmt die Sache vielleicht keiner ernst. Dir ist die Hand ausgerutscht? Na ja. Wird schon seinen Grund gehabt haben.

Thomas Säger kennt einen potenziellen Grund: Für einen kurzen Moment verschafft Gewalt einen Vorteil. Man hat seine Stellung in der Hierarchie bekräftigt, man hat – kurz – seine Ruhe, das Gefühl völliger Überforderung gebändigt, hat Dampf abgelassen – und denkt nicht an die Folgen.

Rausgehen, sich auspowern

Wie gesagt – es handelt sich um einen Erklärungsansatz, nicht um einen Rechtfertigungsversuch. Säger versucht in der Beratung, mit Klienten andere Wege zu finden, die ohne Gewalt zu einem guten Ergebnis führen, und das sogar langanhaltend: Die Situation verlassen. Eine Stunde rausgehen, sich auspowern. Sich nicht provozieren lassen. Die Warnzeichen an sich selbst erkennen: Gleich raste ich aus, also muss ich jetzt sofort hier weg.

Die Beziehung lässt sich vielleicht noch retten, sofern jemand frühzeitig die Dinge angeht. Irgendwie klingt das jetzt klischeehaft, aber sofern es in der Beratung gelingt, dass ein Mann sich seiner Gefühle klar wird und sie sogar gegenüber seiner Partnerin zu äußern lernt, ohne sich als Weichei zu fühlen – ist schon sehr viel gewonnen.

Jede Drohung ernstnehmen

Warnzeichen vor Beziehungstaten kann es geben – muss aber nicht. Als Risikofaktoren identifiziert Säger Alkoholkonsum, Stalking und vor allem Tötungsdrohungen: „Klar ist auf jeden Fall, dass jede Drohung ernstgenommen werden muss.“ Sprich: die Polizei rufen. Dort werden Fälle von Gewalt im familiären Umfeld mittels einer Art Ampelsystem eingeordnet: Was Rot bedeutet, kann man sich denken.

Das Gewaltschutzgesetz ermöglicht Wohnungsverweise, Annäherungsverbote – aber keine 100-Prozent-Sicherheit. Die gibt es nicht, kann es nie geben. Einige Beziehungstaten geschehen aus dem Nichts, völlig ohne Vorwarnung, ohne auch nur das geringste Vorkommnis im Vorfeld.

„Wir verurteilen die Tat – aber nicht den Klienten“: Thomas Säger ist als Sozialarbeiter in einem sensiblen Bereich tätig. Er kümmert sich in der Fachberatungsstelle Gewaltprävention um Menschen, die zugeschlagen haben, Täter geworden sind.

Nichts rechtfertigt Gewalt. Sich mit ihren Ursachen auseinanderzusetzen, mit ihrer Vorgeschichte – das macht Sinn. Weil dann eine Chance besteht, Kreisläufe zu durchbrechen, Spiralen zu beenden.

In manchen Fällen ist es dafür zu spät. In

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