Rems-Murr-Kreis

Hat das Bargeld ausgedient? So verändert Corona das Zahlungsverhalten

Kartenzahlung
Die EC-Karte wird immer häufiger zum Bezahlen genutzt, beobachtet Julia Abramzik. © Gabriel Habermann

In den skandinavischen Ländern ist es schon lange selbstverständlich, auch kleine Beträge mit Karte zu bezahlen. Spitzenreiter ist Schweden, laut einer im Mai veröffentlichten Umfrage des Zahlungsdienstleisters Klarna bezahlen dort nur noch neun Prozent mit Bargeld, in Deutschland ist es demnach dagegen fast jeder Zweite. Doch die Corona-Pandemie verändert auch hierzulande das Zahlungsverhalten. Laut der Deutschen Bundesbank ist der Anteil der Barzahlungen von 74 Prozent im Jahr 2017 auf 60 Prozent im Jahr 2020 gesunken.

Mode Reichle in Waiblingen: An manchen Tagen zahlt kein Kunde bar

Eine viel deutlichere Veränderung beobachtet Isabell Reichle, die zusammen mit ihrem Mann Patrick das Männermodehaus Reichle in der Waiblinger Innenstadt führt. „Vor Beginn der Pandemie haben rund die Hälfte der Kunden bar bezahlt. Heute erleben wir Tage, an denen kein einziger Kunde mit Bargeld bezahlt.“ Mit Abstand am beliebtesten sei die EC-Karte als Zahlungsmittel. Eine Entwicklung, die Isabell Reichle sehr begrüßt. Einfacher, hygienischer und sicherer sei das bargeldlose Bezahlen sowohl für sie als Einzelhändlerin als auch als Privatperson. „Ich habe kaum noch Bargeld im Geldbeutel.“

Abramzik Markt in Winterbach: EC-Karte wird viel mehr genutzt

Diese Beobachtung macht auch Katja Abramzik. Bei jungen Leuten käme es manchmal vor, dass sie selbst einen kleinen Betrag im Markt in Winterbach nicht in bar dabeihätten. Wer außer dem Smartphone kein anderes Zahlungsmittel bei sich habe, werde kalt erwischt, wenn ausgerechnet an der Kasse der Akku des Handys leer ist. Im Abramzik-Markt werden Einkäufe regelmäßig mit Smartphone oder Smartwatch bezahlt, am beliebtesten sind aber auch dort EC- und Kreditkarten. „Vor allem die Zahlung mit EC-Karte hat sich während der Pandemie extrem erhöht“, sagt Katja Abramzik. Viele Kunden nutzten die Möglichkeiten des kontaktlosen Bezahlens. Am häufigsten würden ältere Kunden ihren Einkauf nach wie vor bar bezahlen.

Höherer Bargeldbedarf am Beginn der Corona-Krise

Wird also auch an den Bankautomaten entsprechend weniger Bargeld abgehoben? Nein, sagt Robert Hägelen, Pressesprecher der Volksbank Stuttgart. „Wir stellen keine grundsätzliche Änderung fest.“ Veränderungen im Verhalten ihrer Kunden habe die Bank vor allem am Beginn der Corona-Pandemie bemerkt. So sei beispielsweise die Nachfrage nach Kreditkarten angestiegen, inzwischen verzeichne man aber keine überdurchschnittliche Nachfrage mehr.

Während der Lockdowns seien außerdem die Geldautomaten in den Einkaufsstraßen kaum noch genutzt worden. Andererseits habe es in den ersten Monaten der Krise sogar einen höheren Bargeldbedarf gegeben. Denn es gab Kunden, die von der Situation verunsichert waren und hohe Geldbeträge vom Konto abgehoben und sie an anderer Stelle verwahrt hätten. „Dies hat sich inzwischen aber weitgehend normalisiert, die Nachfrage nach Bargeld ist auf einem ähnlichen Niveau wie vor der Corona-Pandemie.“

Kontaktloses Bezahlen hat stark zugenommen

Bei den Firmenkunden der Volksbank Stuttgart zeigt sich ebenfalls, dass die Menschen das kontaktlose Bezahlen schätzen und vermehrt nutzen. „Viele unserer Firmenkunden hatten zwischenzeitlich einen erhöhten Bedarf an neuen Kassengeräten, die auch die kontaktlose Bezahlung erlauben“, sagt Hägelen.

Hat das Bargeld also ausgedient? Nein, sagt Robert Hägelen, auch wenn der Anteil an bargeldlosem Zahlungsverkehr insbesondere im Einzelhandel zugenommen habe. „Wir gehen davon aus, dass das bargeldlose Bezahlen weiter zunehmen wird, allerdings nicht sprunghaft, sondern sehr stetig.“ Nach und nach werde neben dem heute weitgehend etablierten Bezahlen mit der Girocard oder der Kreditkarte das digitale Zahlen mit den mobilen Endgeräten sicher zunehmen. Die nächsten Technologien wie das digitale Zentralbankgeld („digitaler Euro“) oder Kryptowährungen stehen laut Hägelen ebenfalls bereits in den Startlöchern. Ob und wie schnell diese Technologien für breite Bevölkerungsschichten zur Verfügung gestellt werden und von den Menschen akzeptiert werden, müsse sich noch zeigen. „Das Bargeld bleibt uns aber in absehbarer Zukunft mit Sicherheit erhalten.“

In den skandinavischen Ländern ist es schon lange selbstverständlich, auch kleine Beträge mit Karte zu bezahlen. Spitzenreiter ist Schweden, laut einer im Mai veröffentlichten Umfrage des Zahlungsdienstleisters Klarna bezahlen dort nur noch neun Prozent mit Bargeld, in Deutschland ist es demnach dagegen fast jeder Zweite. Doch die Corona-Pandemie verändert auch hierzulande das Zahlungsverhalten. Laut der Deutschen Bundesbank ist der Anteil der Barzahlungen von 74 Prozent im Jahr 2017 auf 60

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