Rems-Murr-Kreis

Hausärzte-Mangel im Rems-Murr-Kreis: Teils bereits "dramatische Unterversorgung"

Hausarzt
Symbolfoto. © ZVW/Benjamin Büttner

Stolpern wir auch im Rems-Murr-Kreis in einen bedrohlichen Hausärzte-Mangel rein? Manchenorts haben wir ihn jetzt schon: zum Beispiel im Raum Backnang. Medizinische Versorgungszentren statt einzelner Praxen – und damit weitere Wege für die Patienten: Das ist die Zukunft.

„Patienten zweiter Klasse“: Ein „Armutszeugnis“

„Begrüßungsworte“ sollte er halten, so stand es im Programm. Was der Backnanger Oberbürgermeister Maximilian Friedrich aber zum Auftakt des Treffens der Kreisärzteschaften Backnang und Rems-Murr Süd im Bürgerhaus seiner Stadt liefert, ist eher eine Brandrede.

Im sogenannten Mittelbereich Backnang – zu dem auch Murrhardt und diverse Umlandgemeinden von Althütte bis Weissach im Tal zählen – ist die Ausdünnung bereits Tatsache: Von 64 Hausarztstellen, die laut Berechnung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Vollversorgung gewährleisten würden, sind derzeit nur 51 besetzt. Vor allem im Backnanger Süden mit den Teilorten Heiningen, Waldrems, Maubach bestehe „dramatische Unterversorgung“.

Die KV hat deshalb nun für sechs Stellen im Mittelbereich Backnang Zuschüsse genehmigt: Falls sich Ärztinnen oder Ärzte auftreiben lassen, würde jede und jeder bis zu 2000 Euro pro Monat Wohnzuschuss bekommen oder einmalig bis zu 80.000 Euro Hilfe für die Praxis-Einrichtung. Jetzt müsste man bloß noch jemanden finden.

Vor allem im eher ländlich geprägten Norden und Osten des Landkreises gebe es aufgrund der schlechten Versorgung mittlerweile „Patienten zweiter Klasse“, sagt Friedrich – „in einem wohlhabenden Land ist das ein Armutszeugnis.“

Beruflich aktiv noch mit 93 Jahren: Imposant, aber auch keine Lösung

In den „nächsten Jahren“ aber werde sich die Lage „verschärfen“, glaubt Friedrich (Warnungen gibt es schon länger, siehe hier) – und diese düstere Prognose erhärten die landesweiten Daten, die Dr. Johannes Fechner, stellvertretender Vorsitzender der KV Baden-Württemberg, in seinem Vortrag zuliefert.

7000 Hausärzte in Baden-Württemberg sind derzeit der KV angeschlossen – aber diese Zahl kommt nur zusammen, weil rund 1400 noch aktiv sind, obwohl sie das übliche Ruhestandsalter von 65 bereits überschritten haben; der älteste ist, man fasst es nicht, 93. Weitere 1200 sind 60 bis 64, noch mal 1400 zwischen 55 und 59 Jahre alt. Mit anderen Worten: Von den 7000 sind nur 3000 unter 55 Jahren. (Hintergründe dazu auch hier.)

Im Grunde „müssten wir die Zahl der Medizinstudienplätze verdoppeln“, sagt dazu Landrat Richard Sigel.

Schwanengesang auf die klassische Hausarztpraxis

Die klassische Einzelpraxis ist heutzutage „so gut wie nicht mehr nachbesetzbar“, sagt Fechner. Die nostalgische Vorstellung vom aufopferungsvollen Landarzt, der Tag und Nacht erreichbar ist, bei Wind und Wetter zum Hausbesuch aufbricht (und pro Woche 50, 60 oder mehr Arbeitsstunden schrubbt): passé . Neu einsteigende Ärztinnen und Ärzte wollen den Beruf meist anders interpretieren und mehr Zeit für das Familienleben haben. Auch das Einzelkämpfertum in der eigenen Praxis ist ein Auslaufmodell, im Team zu arbeiten, gilt vielen als attraktiver. Es geht in Richtung „Zentrenbildung“, hin zu „größeren Kooperationsformen“: Da sind sich Fechner und Dr. Jens Steinat, Vorsitzender der Kreisärzteschaft Backnang, einig.

Aber eins ist dann auch klar, sagt der KV-Mann: „Die wohnortnahe Versorgung ist Geschichte." Dass bis zu 20 Fahrminuten zum Hausarzt als zumutbar gelten, das wird die Zukunft sein. Man wird dafür Hol- und Bringdienste einrichten müssen.

Daneben gibt es das Landarztprogramm in Baden-Württemberg. Eine Hausärztin oder ein Hausarzt erhält bis zu 30.000 Euro Landesförderung, wenn er oder sie sich in einer ländlichen Gemeinde niederlässt, deren Versorgung sonst gefährdet ist. Aber bis das wirklich greife, werde es noch viele Jahre dauern, schätzt Fechner.

Spagat zwischen hippokratischem Eid und bürokratischem Zwang

Die baden-württembergischen Hausärztinnen und -ärzte haben in der Pandemie Enormes geleistet: gut 11 Millionen Impfungen abgewickelt und 80 bis 90 Prozent der Corona-Patienten behandelt; nur die schwersten Fälle landeten ja in den Kliniken. Leicht wurde Jens Steinat & Co. die Arbeit nicht gemacht – ein Dauerärgernis bezeichnet der Ärztesprecher als die „Sackgasse der Überbürokratisierung“.

Im Grunde, hadert Steinat, könne „niemand mehr arbeiten, ohne irgendwelche Regeln oder Verordnungen zu missachten“, gefangen in einem kaum noch „bewältigbaren Spannungsfeld zwischen hippokratischem Eid und bürokratischem Zwang“. Es sei ein stetiger Kampf mit „Vorschriften, die keiner mehr versteht“.

Steinat nennt ein Beispiel: Angenommen, in einem Pflegeheim erkrankt ein alter Mensch am Wochenende, der Arzt eilt noch am späten Abend herbei und erkennt, dass die Einnahme von Antibiotika nötig ist. Aber mitten in der Nacht fährt keine Apotheke die Arznei herbei. Was nun? Ins Krankenhaus einweisen? Das wäre teurer und müsste eigentlich nicht sein – sofern das Heim eine Notreserve von einschlägigen und oft gebrauchten Medikamenten vorhalten dürfte. Das aber ist verboten. Die Mittel könnten ja theoretisch zu lange rumliegen und das Ablaufdatum überschreiten.

Steinat spreche ihr aus dem Herzen, sagt Dr. Dagmar Behringer, Leiterin des Kreisgesundheitsamtes: „Teure Medikamente“, die man womöglich nächstes Wochenende schon wieder brauchen könnte, „müssen entsorgt werden. Absurd, was da passiert.“

Stolpern wir auch im Rems-Murr-Kreis in einen bedrohlichen Hausärzte-Mangel rein? Manchenorts haben wir ihn jetzt schon: zum Beispiel im Raum Backnang. Medizinische Versorgungszentren statt einzelner Praxen – und damit weitere Wege für die Patienten: Das ist die Zukunft.

„Patienten zweiter Klasse“: Ein „Armutszeugnis“

„Begrüßungsworte“ sollte er halten, so stand es im Programm. Was der Backnanger Oberbürgermeister Maximilian Friedrich aber zum Auftakt des Treffens der

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