Rems-Murr-Kreis

Herzinfarkt durch psychische Erkrankung? Wie Herz und Psyche sich beeinflussen

ZfP
In der psychosomatischen Medizin beschäftigen sich Ärzte am ZfP Winnenden mit den Zusammenhängen zwischen psychischen und körperlichen Erkrankungen. © ALEXANDRA PALMIZI

In Baden-Württemberg sind die Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen in den vergangenen zehn Jahren stark gestiegen. Erkrankungen wie Depressionen oder Ängste sind die zweithäufigste Ursache für eine Krankschreibung. Und nicht nur das: Sie können auch körperliche Folgen haben. Laut DAK-Gesundheitsreport 2022 hat landesweit fast jeder und jede sechste Beschäftigte mindestens einen psychischen Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Hochgerechnet auf die Erwerbstätigen haben damit eine Million Menschen in Baden-Württemberg ein erhöhtes Herzinfarkt-Risiko durch Depressionen, Ängste oder Arbeitsstress.

„Unser aktueller Gesundheitsreport zeigt, dass die Rolle von Stress und psychischen Erkrankungen als Risiko für Herzinfarkte oft unterschätzt wird“, sagt Siegfried Euerle, Landeschef der DAK-Gesundheit. Psychische Erkrankungen gingen buchstäblich ans Herz. Einige Experten gehen sogar davon aus, dass das Risiko für einen Herzinfarkt bei Depressionen ähnlich hoch ist wie bei starkem Übergewicht. „Zwischen Psyche und Herz gibt es eine auffällige Wechselwirkung“, sagt DAK-Landeschef Euerle.

Immer mehr Fehltage wegen psychischer Erkrankungen

Der DAK-Gesundheitsreport zeigt, dass die Zahl der Fehltage wegen psychischer Erkrankungen von 2011 bis 2021 um 27 Prozent gestiegen ist. Für die Studie analysierte das IGES-Institut die Daten von rund 280.000 erwerbstätigen DAK-Versicherten. Zusätzlich befragte das Forsa-Institut für die Krankenkasse mehr als 1000 Beschäftigte in Baden-Württemberg. Demnach lebt fast ein Sechstel der Befragten mit einem psychischen Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung. Dabei berichteten von Depressionen, Angststörungen oder Arbeitsstress Betroffene häufig von weiteren Risikofaktoren. So rauchen sie zum Beispiel häufiger (plus zehn Prozentpunkte) und Bluthochdruck ist bei ihnen deutlich verbreiteter (plus 12 Prozentpunkte).

Die Psyche wirkt sich nicht nur auf das Herzinfarktrisiko aus. Der Report zeigt, dass viele Erwerbstätige mit Depressionen auch häufiger wegen der sogenannten koronaren Herzkrankheit (KHK) in ärztlicher Behandlung sind. Bei KHK verschließen sich langsam die Herzkranzgefäße und es kann auch schon im mittleren Lebensalter zu einem akuten Herzinfarkt kommen. „Zum einen ist es so, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen häufiger Herzprobleme haben. Zum anderen zeigen unsere Abrechnungsdaten, dass Herz-Kreislauf-Patientinnen und -Patienten auch häufiger eine psychische Erkrankung entwickeln“, erklärt Euerle. 4,3 Prozent der Männer mit einer Depressionsdiagnose sind gleichzeitig mit KHK in Behandlung, aber nur 2,2 Prozent ohne Depression. Bei den Frauen ist der Unterschied ebenfalls deutlich.

„Seit einigen Jahren ist bekannt, dass vor allem depressive Erkrankungen und Angsterkrankungen häufig mit koronarer Herzkrankheit, Herzinfarkt und Herzrhythmusstörungen korrelieren“, bestätigt Dr. Veronika Holda, Chefärztin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am ZfP Winnenden. Grundsätzlich seien die Wechselwirkungen zwischen körperlichen und seelischen Vorgängen sehr komplex. So könne die psychische Symptomatik eine Folge der körperlichen Erkrankung sein, also zum Beispiel die Entwicklung einer Angststörung oder depressiver Symptome nach einem Herzinfarkt, die dann in einer Art Teufelskreis den Verlauf der Herzerkrankung negativ beeinflussten.

Depressive Menschen haben geringere Stresstoleranz

„Umstritten ist, ob die gleichen, zum Beispiel anlagebedingten Faktoren zu Depressionen führen, die auch Herzerkrankungen auslösen können. Denkbar wäre auch, dass aufgrund depressiver Symptome die betroffenen Menschen sich weniger an die vorsorglich empfohlenen Maßnahmen halten, sich seltener bewegen, ungesünder ernähren, mehr rauchen, so dass Depression indirekt zur Erhöhung der Risikofaktoren führt“ erklärt Holda. Erwiesen ist laut der Medizinerin, dass depressive Menschen eine geringere Stresstoleranz haben. Dies führt dazu, dass körperliche Stressreaktionen wie erhöhte Herzfrequenz, Blutdruckanstieg oder der Spiegel bestimmter Botenstoffe im Blut langsamer ausgeglichen werden.

Nicht zuletzt seien auch immunologische Vorgänge eng mit psychischen Prozessen verknüpft. „Wenn es uns psychisch gut geht, sind wir meist weniger anfällig für Infektionen und insgesamt widerstandsfähiger, wenn es darum geht, mit Umweltfaktoren umzugehen.“

In der psychosomatischen Medizin beschäftigen sich die Ärztinnen und Ärzte regelmäßig mit den Zusammenhängen zwischen Psyche und körperlichen Erkrankungen und versuchen, gemeinsam mit den betroffenen Menschen Wege zu finden, wie sie ihre Situation verbessern und ein inneres Gleichgewicht herstellen können.

In Baden-Württemberg sind die Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen in den vergangenen zehn Jahren stark gestiegen. Erkrankungen wie Depressionen oder Ängste sind die zweithäufigste Ursache für eine Krankschreibung. Und nicht nur das: Sie können auch körperliche Folgen haben. Laut DAK-Gesundheitsreport 2022 hat landesweit fast jeder und jede sechste Beschäftigte mindestens einen psychischen Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Hochgerechnet auf die Erwerbstätigen haben damit

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