Rems-Murr-Kreis

Herzkranke junge Männer in den Rems-Murr-Kliniken? Achtung, falsches Gerücht!

DRK Herz 2
Reihenweise junge Männer in Herznot nach Corona-Impfung? Natürlich nicht! Weil das Gerücht aber nun einmal kursiert, liefern wir die Fakten dazu; und versuchen,  die Frage zu beantworten, wie es zu der Fehlinformation kommen konnte. © Gabriel Habermann

Mal wieder ein schockierendes Gerücht: Neuerdings, so heißt es, lägen auffällig viele junge Männer mit Herzproblemen in der Schorndorfer und Winnender Kardiologie, es handle sich offenbar um gehäufte Fälle von Impfnebenwirkungen. Stimmt das? Kurzantwort: nein. Wie aber kommt so was in die Welt? Böser Wille? Bewusste Falschinformation? Oder steckt anderes dahinter?

Ein großes Gerücht und sein kleiner Fakten-Kern

Ein impfkritischer Bürger schrieb uns im Dezember: Eine Krankenschwester mit großer Berufserfahrung habe ihm offenbart, dass in den Rems-Murr-Kliniken die Kardiologie voll sei mit jüngeren Männern. Dem Personal aber werde verboten, zu hinterfragen, ob das mit der Impfung zu tun habe.

In der Tat hat das Paul-Ehrlich-Institut Mitte Juli eine Warnung herausgegeben: Nach einer Impfung mit Moderna könne es vor allem bei Männern unter 30 zu einer Myokarditis kommen, einer Herzmuskelentzündung. Dieses Phänomen trete allerdings „sehr selten“ auf; in der Altersgruppe 18 bis 29 könnte mit ein bis drei Fällen pro 10 000 Impfungen zu rechnen sein.

Würden dadurch die Patientenzahlen in der Rems-Murr-Kardiologie hochschnellen? Sicher nicht. Denn erstens gibt es im gesamten Landkreis nur etwa 30 000 junge Männer zwischen 18 und 29; zweitens sind die noch bei weitem nicht alle geimpft; die Geimpften aber haben, drittens, nach der Warnung des Paul-Ehrlich-Instituts gar kein Moderna bekommen, sondern Biontech – was das ohnehin schon sehr geringe Myokarditis-Risiko weiter stark senkt.

Das Gerücht - übrigens gewiss nicht das schrillste seiner Art, wie eine kleine Rückblende zeigt - klingt aufs erste Hören also nicht einleuchtend. Aber wir wollen es genauer wissen. Das haben wir uns - siehe auch hier - nun mal so zur Gewohnheit gemacht.

Keine erhöhten Fallzahlen: Der Befund ist glasklar

Frage an die Rems-Murr-Kliniken: „Lassen sich irgendwelche statistischen Aussagen dazu machen, ob seit Sommer 2021 mehr junge Männer in der Kardiologie liegen als im Vorjahr?“

Die Klinik-Pressestelle hat uns dazu eine Übersicht der männlichen Patienten in der Kardiologie zukommen lassen, aufgeschlüsselt nach Altersgruppen, monatsgenau für 2020 und 2021. Wir sehen ...

In der Altersgruppe 18 bis 29 sind die Fallzahlen in beiden Jahren durchweg sehr niedrig, und einen Anstieg ab Sommer 2021 gibt es nicht. Kein Anstieg: Das gilt auch für die Gruppe 30 bis 39. In der Gruppe 40 bis 49 hingegen waren von Juli bis Dezember 2021 sogar weniger Leute in kardiologischer Behandlung als in jedem der drei vorhergehenden Halbjahre. Und in den höheren Altersgruppen ab 50 gibt es auch keine erhöhten Fallzahlen.

Das Gerücht mit den vielen herzkranken jungen Männern ist also Mumpitz. Wie aber kam es zustande? Lügt die mysteriöse Krankenschwester? Oder gibt es die angebliche Gewährsfrau womöglich gar nicht?

Moment! Denkbar ist auch ein wohlwollenderes Erklärungsmodell: Vielleicht existiert die Kronzeugin tatsächlich, vielleicht hat sie wirklich eine Merkwürdigkeit zu beobachten geglaubt – und ist nur ihrer selektiven Wahrnehmung aufgesessen.

Selektive Wahrnehmung und die Kardiologie-Patienten

Wir neigen dazu, Dinge, die unsere Weltsicht, unsere Vorannahmen, unsere bewährten Deutungsmuster bestärken, eher wahrzunehmen als Phänomene, die nicht ins gewohnte Raster passen. Jemand, der sich starke Sorgen vor Impfnebenwirkungen macht, dürfte alle Beobachtungen, die in diese Richtung weisen, mit geschärften Sinnen registrieren – Fakten, die quer dazu stehen, würde dieser Mensch womöglich übersehen; schlicht, weil er nicht darauf achtet.

Schauen wir nun noch mal speziell die Altersgruppe 18 bis 29 an: Tatsächlich gab es im November 2021 in den Rems-Murr-Kliniken deutlich mehr junge kardiologische Patienten als im Oktober! Isoliert betrachtet, ist das eine besorgniserregende Auffälligkeit.

Sobald wir aber den Blick weiten, sehen wir: Mit einem Anstieg war unbedingt zu rechnen – denn im Oktober gab es in dieser Altersgruppe keinen einzigen kardiologischen Patienten! – und von einem nachhaltigen Aufwärtstrend kann überhaupt nicht die Rede sein; bereits im Dezember fiel die Patientenzahl nämlich steil wieder ab.

Die November-Spitze unter der Lupe

Es gibt also nur einen ganz vereinzelten Peak; und selbst der ist im größeren Kontext nicht der Rede wert: Die Patientenzahl lag im November voll im Rahmen des statistisch Erwartbaren, nämlich innerhalb der von Januar 2020 bis Dezember 2021 durchweg üblichen Streubreite zwischen null und zehn Fällen pro Monat.

Von „auffällig vielen jungen Männern in der Kardiologie“ kann also nur sprechen, wer die Wahrnehmung radikal selektiv verengt.

Wie gesagt, das muss kein böser Wille sein. Aber es ergibt eben ein falsches Bild.

Man kann all das auch kürzer ausdrücken. Zitat Pressestelle der Rems-Murr-Kliniken: Es gibt „keine statistischen Auffälligkeiten“ in der Kardiologie seit „dem Start der Impfkampagne“.

Fast keine Patienten mit Nebenwirkungen in unseren Kliniken 

Nachfrage: Wie viele Menschen wurden bislang in den Rems-Murr-Kliniken stationär behandelt aufgrund von Corona-Impfnebenwirkungen welcher Art auch immer? Wie viele Betroffene brauchten womöglich gar intensivmedizinische Versorgung?

Antwort der Pressestelle: „In der Neurologie zwei Patienten, in der Kardiologie gar niemand; und auf Intensiv null.“

Die bislang einzigen beiden Fälle von relativ schweren Nebenwirkungen: Im März kam es bei zwei Frauen nach Astrazeneca-Impfung zu Hirnvenenthrombosen, die Betroffenen sind längst wieder genesen. Ansonsten: Fehlanzeige. Wohingegen die Sorge um schwer erkrankte ungeimpfte Covid-Patienten zur traurigen Routine der Rems-Murr-Kliniken gehört.

Im Übrigen schreibt uns die Pressestelle: Solange es nicht um Datenschutz oder ärztliche Schweigepflicht gehe, wird „unserem Personal grundsätzlich nicht untersagt, über bestimmte Themen zu sprechen“.

Mal wieder ein schockierendes Gerücht: Neuerdings, so heißt es, lägen auffällig viele junge Männer mit Herzproblemen in der Schorndorfer und Winnender Kardiologie, es handle sich offenbar um gehäufte Fälle von Impfnebenwirkungen. Stimmt das? Kurzantwort: nein. Wie aber kommt so was in die Welt? Böser Wille? Bewusste Falschinformation? Oder steckt anderes dahinter?

Ein großes Gerücht und sein kleiner Fakten-Kern

Ein impfkritischer Bürger schrieb uns im Dezember: Eine

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