Rems-Murr-Kreis

Hilfe nach einer Vergewaltigung

Plakat Soforthilfe nach Vergewaltigung
Das Nothilfe-Netzwerk, von links: Grit Kühne, Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt, Oranna Keller-Mannschreck von Pro Familia, Oberärztin Stefanie Grüneklee von den Rems-Murr-Kliniken und Landrat Dr. Richard Sigel. © Hans-Martin Fischer

Rems-Murr-Kreis.
​​​​​​Frankfurt hat diese Soforthilfe für Frauen nach einer Vergewaltigung, zwei Landkreise im Südweststaat auch, aber ansonsten darf Rems-Murr sich jetzt als Vorreiter fühlen: Opfern sexualisierter Gewalt wird besser geholfen. Über die erste medizinische Notfallhilfe hinaus.

Bislang war es so: Ein Mann ist über eine Frau hergefallen. Sie geht damit nicht zur Polizei, jetzt noch nicht, weil sie die Folgen einer Anzeige nicht überblicken kann. Hat da jemand in der Disco einem Mädchen was ins Getränk gemischt, was häufiger vorkommt – alles noch offen. Angst und Scham überlagern eh alles.

Die Polizei kommt später ins Spiel

Das Mädchen, die Frau, sie wollen aber doch aktenkundig niedergeschrieben haben, was ihnen geschehen ist. Und sie wollen vor allem untersucht werden, damit sie später bei einer Anzeige etwas in der Hand haben. Wer mit dieser Bitte an der Theke der Rems-Murr-Kliniken stand, der bekam bislang zu hören: Die Krankenkasse bezahlt das nicht. Oder: „Kommen Sie in Begleitung der Polizei wieder.“

Das mit der ungesicherten Kostenübernahme ist immer noch so. Aber jetzt gibt es eine Kooperationsvereinbarung mit klarer Regel. Der Landkreis übernimmt die Kosten dieser „verfahrensunabhängigen Spurensicherung“.

Mehr noch: Die Rems-Murr-Kliniken sind jetzt quasi zertifizierte Anlaufstellen. Die Ärztinnen und Ärzte werden geschult, damit die Dokumentation dann auch wirklich vor Gericht Bestand hat. Fotos müssen gemacht werden. Wer vom gynäkologischen Personal aber wusste schon so genau, wie die auszusehen haben, damit sie dann auch gutachterliche Qualität haben? Es geht auch um die klare Formulierung. Ärzte kommen auf den Stand von Kriminaltechnikern in Fällen von sexualisierter Gewalt.

Die Daten gehen dann an ein rechtsmedizinisches Institut in Heidelberg und werden dort ein Jahr lang gespeichert, informierte jetzt Dr. Stefanie Grüneklee, Oberärztin der Winnender Klinik, bei einem Pressegespräch. Viele Punkte müssen bei einer solchen Notfall-Visite beachtet werden. „Der Aufbau der Untersuchungsschritte entspricht nicht dem üblichen ärztlichen Vorgehen bei einer Untersuchung und Notfallversorgung, denn er folgt den Gesichtspunkten einer optimalen Spurensicherung und Asservierung.“

Kooperationspartner ist nicht nur der Landkreis, sondern auch die Polizei. Mehr noch, dem Kriminalpolizisten Uwe Belz ist aufgefallen, dass es da immer noch eine Lücke gibt. Heute ist er froh über die gefundene Lösung: „Ich habe überall offene Türen vorgefunden.“ Selbst in Stuttgart gebe es nicht eine solche Anlaufstelle.

Landkreis springt ein

„Wir zahlen die Rechnung“, das ist für Landrat Richard Sigel in diesem Fall selbstverständlich. Denn: „Jeder Fall ist dramatisch.“ Es könne gut sein, dass demnächst der Gesundheitsminister eh verfügt, dass das Gesundheitssystem die Kosten zu tragen hat. Aber so lange will der Landkreis einspringen. Es können 20 Fälle im Jahr sein, oder auch 30. Jetzt steigt der Kreis mit 10 500 Euro ein, weil mit einer Plakatkampagne im Straßenraum Aufmerksamkeit hergestellt werden soll. Jährlich könnten 7000 Euro für die reine Kostenübernahme zusammenkommen, kalkuliert das Kreisjugendamt.

Das, genauer: die Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt des Jugendamts, freut sich jetzt über mehr Klarheit und Hilfe vorab, bevor die Beratungsangebote greifen. Sie ist speziell zuständig für Opfer unter 21 Jahren. Gleiches gilt für Pro Familia, die mit ihrem „Flügel“-Projekt eine ebenso wichtige Anlaufstelle für die nachfolgende Beratung anbietet.

Und so kann die Ärztin Grüneklee sagen: „Mit der Teilnahme am Projekt schließen wir also die Lücke und wollen dazu beitragen, den Opfern durch eine optimierte Versorgung ein Stück ihrer Würde zurückzugeben.“

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Bislang war es so: Ein Mann ist über eine Frau hergefallen. Sie geht damit nicht zur Polizei, jetzt noch nicht, weil sie die Folgen einer Anzeige

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