Rems-Murr-Kreis

Ich kann jederzeit aufhören, denken Raucher wie Komatrinker: Wirklich wahr?

Alkohol
Symbolbild. © Gaby Schneider

Raucher sind Schwindler. Sie belügen sich selbst.

Morgen, sagen sie, morgen hör’ ich auf. Heute geht’s nicht, weil es zu heiß ist, weil Corona nervt, weil Besuch ansteht, weil der Morgenkaffee nur mit Zigarette schmeckt, weil der Stress auf die Seele drückt.

Man ahnt es schon: Morgen beginnt die Leier von vorn.

Diese Mechanismen erkennen Außenstehende vermutlich eher als Menschen mit Suchtproblemen.

„Ich kann jederzeit aufhören“, sagen, denken und hoffen sie – und vielleicht stimmt das auch. Wenn ja, dann wäre ein guter Zeitpunkt zum Aufhören – genau jetzt. Die Fachwelt ist sich naturgemäß nicht einig in der Frage, wie das am besten gelingt. Ob man als Raucher oder als Mensch mit Alkoholproblem besser den Konsum nach und nach verringert oder der harte Schnitt der bessere ist – darauf gibt’s keine allgemeingültige Antwort.

"Kontrolliertes Trinken": Dazu gibt's verschiedene Meinungen

Die Erfahrung ist, berichtet Dr. Julia Pach, dass man in der Suchthilfe sehr viele Menschen verliert oder gar nicht erst erreicht, wenn man mit der Nie-wieder-einen-Tropfen-Maxime an die Sache herangeht. Als Oberärztin an der Klinik für Suchttherapie und Entwöhnung am ZfP in Winnenden kümmert sich Julia Pach in der Ambulanz und in der Tagesklinik um Menschen, die einen anderen Umgang mit dem Suchtmittel anstreben. Während einer stationären Suchttherapie ist Abstinenz „absolute Voraussetzung“, so die Oberärztin. Im ambulanten Bereich liegen die Dinge anders. Es hängt von ganz vielen Faktoren ab, wer mit welcher Strategie am besten klarkommt. „Kontrolliertes Trinken“, wie es in der Fachsprache heißt, kann durchaus als erster Schritt taugen, das heißt: Die betreffende Person konsumiert das Suchtmittel weiter, aber in Maßen und innerhalb bestimmter Grenzen.

Sollte das Vorhaben scheitern und der Konsum wieder wachsen, kann man das auch positiv sehen: Solche Erfahrungen lassen sich, sofern der Mensch es möchte, mit Erkenntnissen verknüpfen.

"Zwingen kann man niemanden"

Sofern der Mensch es möchte – das ist das Entscheidende, sagt Julia Pach. Klar können Angehörige versuchen, für ihren Mann, ihre Frau, für die Tochter, für den Sohn einen Termin bei einer Suchtberatungsstelle oder bei der Suchtambulanz in Winnenden zu vereinbaren. Noch besser wär’, frühzeitig hinzugehen, wenn die Sucht noch in den Anfängen steckt, denn so was entwickelt sich langsam und schleichend. Aber: „Zwingen kann man niemanden“, sagt Julia Pach. Es hat, das mag jetzt seltsam klingen – „auch jeder ein Anrecht auf seine Erkrankung“, sprich: Möchte ein Mensch die Sucht behalten, weil ihm ein Leben ohne nicht vorstellbar scheint – dann kann man nur ganz schwer was machen.

Der Zeigefinger nutzt da gar nichts. Jeder weiß, Rauchen tötet irgendwann und zu viel Alkohol macht sterbenskrank. Argumente dieser Art reichen nicht, um eine suchtkranke Person von ihrem Problem zu befreien.

Immerhin haben, das hat eine von der AOK beauftragte Befragung ergeben, „25 Prozent der Befragten im Rems-Murr-Kreis während der Pandemie weniger Alkohol konsumiert als zuvor“.

Die Zahl der AOK-Versicherten, die wegen Alkoholvergiftung in einer Klinik behandelt werden mussten, ging 2020 pandemiebedingt zurück. Vermutlich lag’s nicht an der Einsicht, sondern am Partymangel.

271 Fälle von Komatrinken zählte die AOK im vergangenen Jahr im Rems-Murr-Kreis. Im Jahr davor betrank sich statistisch eine Person an jedem Tag bis zur Bewusstlosigkeit – was nicht ganz stimmt: Es waren 2019 genau 382 Versicherte betroffen.

Zwar tritt das „Phänomen des Komatrinkens“ bei Jugendlichen auf, das ist nichts Neues. Doch „das höchste Risiko haben Versicherte zwischen 40 und 60 Jahren“, meldet die AOK. Männer müssen etwa dreimal so häufig aus dem alkoholbedingten Koma herausbegleitet werden wie Frauen.

Raucher sind Schwindler. Sie belügen sich selbst.

Morgen, sagen sie, morgen hör’ ich auf. Heute geht’s nicht, weil es zu heiß ist, weil Corona nervt, weil Besuch ansteht, weil der Morgenkaffee nur mit Zigarette schmeckt, weil der Stress auf die Seele drückt.

Man ahnt es schon: Morgen beginnt die Leier von vorn.

Diese Mechanismen erkennen Außenstehende vermutlich eher als Menschen mit Suchtproblemen.

„Ich kann jederzeit aufhören“, sagen, denken und hoffen sie – und

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