Rems-Murr-Kreis

Im Krisenfall: Zuhause auf Zeit für Kinder im Rems-Murr-Kreis gesucht

Inobhutnahme Feature
Symbolbild. © pixabay

Damit hatte niemand gerechnet, und detaillierte Erklärungen fehlen noch im Moment: Im ersten Corona-Jahr musste das Jugendamt weniger Kinder und Jugendliche wegen akuter Krisen eine Zeit lang aus der Familie holen. Man könnte meinen, die Zahlen wären eher gestiegen, doch was Kreisjugendamtsleiter Holger Gläss noch mehr verwundert, ist dieser auffallende Unterschied: 2020 waren viel weniger Jungs betroffen als im Jahr davor, während die Zahl der Inobhutnahmen von Mädchen in diesem Zeitraum praktisch unverändert geblieben ist. „Das hat uns völlig überrascht“, sagte Gläss jüngst im Jugendhilfeausschuss des Kreistags. Man wolle nun „genauer hinschauen“ und versuchen, herauszufinden, woher diese Unterschiede rühren.

Ältere Kinder bitten immer wieder von sich aus um Hilfe

Inobhutnahmen nimmt das Jugendamt vor, sofern ein Kind oder ein(e) Jugendliche(r) sofort eine neue Bleibe braucht, weil die Probleme zu Hause sich zu sehr zuspitzen. Viel war zu Corona-Anfangszeiten die Rede davon, dass es in den Familien noch mehr kracht als sonst, weil die Schulen geschlossen waren und man daheim viel zu lange viel zu dicht aufeinanderhockte. Die Gesamtzahl der Inobhutnahmen im Rems-Murr-Kreis spiegelt das aber nicht wider; die Zahl ging sogar insgesamt zurück von 186 Fällen (davon 120 Jungs) im Jahr 2019 auf 141 (davon 74 Jungs) im Corona-Jahr 2020. Im Jahr 2021 zählte das Jugendamt 139 Inobhutnahmen (davon 62 Jungs).

Kontakt zu Vertrauenspersonen fehlte

Eine mögliche Erklärung für den Rückgang ließe sich anhand der Altersstruktur der betroffenen Kinder konstruieren, so Holger Gläss im Ausschuss: Einen Rückgang habe man vor allem in der Altersgruppe ab zwölf verzeichnet. In diesen Fällen sind es relativ häufig die Kinder und Jugendlichen selbst, die sich in der Schule oder im Sportverein an eine Vertrauensperson wenden. Die Kontakte zu Vertrauenspersonen fehlten aber zu harten Corona-Zeiten.

Klar ist jedenfalls, dass nicht nur im Rems-Murr-Kreis im Corona-Jahr 2020 weniger Inobhutnahmen zu verzeichnen waren als im Jahr davor. Dieselbe Beobachtung meldeten sowohl das Land als auch der Bund.

Mehr Plätze speziell für Kinder im Alter unter sechs Jahren

Das Jugendamt möchte nun Schritt für Schritt das Platzangebot ein wenig ausbauen, speziell für Kinder im Alter unter sechs Jahren – aus Gründen der Vorsicht, damit man nicht eines Tages dasteht und Mühe hat, ein Kind schnell gut unterbringen zu können. Denn es kommt, so heißt es im Bericht für den Jugendhilfeausschuss, „immer wieder zu unvorhersehbaren, kurzfristigen Auslastungsspitzen“.

Plätze gibt’s an verschiedenen Stellen, und wo ein Junge oder ein Mädchen eine kurze Zeit, meist höchstens vier Wochen, verbringt, hängt von vielen Faktoren ab, etwa vom Alter. Jüngere Kinder sind tendenziell in Familien besser aufgehoben, die ihre Bereitschaft zur kurzfristigen Aufnahme erklärt haben, während Jugendliche eventuell in einer Einrichtung besser klarkommen. Für Sechs- bis Elfjährige stehen dem Jugendamt einzelne sogenannte „eingestreute“ Plätze in Wohngruppen zur Verfügung. Zuvor wird man, sofern es sinnvoll scheint, nachfragen, ob eventuell Großeltern eine befristete Zeit einspringen könnten oder die Familie einer engen Freundin oder eines Freundes ein Bett und liebevolle Zuwendung bieten könnte.

Ziel: Verbindliche Zusagen

Speziell für Krisenfälle beim Jugendamt gelistete Inobhutnahme-Familien sind zwar jederzeit ansprechbar, doch sie können auch Nein sagen. Das kommt auch vor, sofern die Familien wegen Krankheit oder anderem momentan keine Kapazitäten frei haben.

Das Jugendamt will nun versuchen, die eine oder andere Familie für verbindliche Aufnahmen zu gewinnen, das heißt, diese Familien würden dann im Fall der Fälle auf jeden Fall bereitstehen und einem Kind ein Zuhause auf Zeit anbieten. Denkbar ist ferner, den einen oder anderen Platz in einer professionellen sozialpädagogischen Pflegefamilie aufzubauen.

Sofern Kinder und Jugendliche von sich aus um Obhut bitten, muss das Jugendamt aktiv werden. Inobhutnahmen sind als „vorläufige Maßnahme zum Schutz von Kindern und Jugendlichen“ definiert. Sie sind an strenge rechtliche Voraussetzungen geknüpft, und die Abläufe sind im Detail genau festgelegt.

Damit hatte niemand gerechnet, und detaillierte Erklärungen fehlen noch im Moment: Im ersten Corona-Jahr musste das Jugendamt weniger Kinder und Jugendliche wegen akuter Krisen eine Zeit lang aus der Familie holen. Man könnte meinen, die Zahlen wären eher gestiegen, doch was Kreisjugendamtsleiter Holger Gläss noch mehr verwundert, ist dieser auffallende Unterschied: 2020 waren viel weniger Jungs betroffen als im Jahr davor, während die Zahl der Inobhutnahmen von Mädchen in diesem Zeitraum

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