Rems-Murr-Kreis

Immer mehr Geflüchtete kommen an: So gehen die Profis vom Kreis damit um

Flüchtlinge
Symbolfoto. © Alexandra Palmizi

2015 richteten sich alle Augen auf die Schlangen geflüchteter Menschen, auf die Zäune, das Elend und das Leid. Momentan muss der Rems-Murr-Kreis mehr geflüchtete Menschen unterbringen als im Krisenjahr 2015, doch scheint von den Nachrichten über erheblich steigende Zugangszahlen niemand so recht Notiz nehmen zu wollen. Natürlich hat die Situation mit dem Krieg in der Ukraine zu tun – aber nicht nur. Unter Schutzsuchenden, die in Bussen im Rems-Murr-Kreis ankommen, befinden sich momentan besonders viele Menschen aus der Türkei, und das hat einen ganz bestimmten Grund.

Steffen Blunck ist als Teamleiter für die Aufnahme geflüchteter Menschen im Rems-Murr-Kreis zuständig, zusammen mit Unterkunftsmanager Melih Göksu und weiteren Fachleuten. Beide waren bereits 2015/2016 mit diesen Themen betraut, und im Kernteam sind weitere verlässliche Leute am Werk, die wissen, wovon sie reden: „Wir sind als Team krisenerprobt“, sagt Melih Göksu.

Innerhalb von zwei Tagen 300 Betten aufgestellt

Zwei Drittel der Bundesländer nehmen bereits keine Menschen aus der Ukraine mehr auf, berichtet Steffen Blunck. Baden-Württemberg zählt nicht dazu, was der Teamleiter für eine gute Entscheidung hält, obwohl er es schon viele, viele Wochen lang berufsbedingt nicht mehr ins Fußballtraining geschafft hat. Der Rems-Murr-Kreis hat Notunterkünfte aus dem Boden gestampft, in Backnang Wohnzelte aufgebaut, das Ankunftszentrum in der Halle des Berufsbildungswerks (BBW) Waiblingen erweitert, innerhalb von zwei Tagen in der Sporthalle des Beruflichen Schulzentrums in Waiblingen 300 Betten aufgestellt. Dort sind aktuell 50 Menschen untergebracht.

Diese Woche sind im Rems-Murr-Kreis bereits 150 Menschen aus der Ukraine angekommen, diesen Monat ferner 70 Asylsuchende. Es macht einen sehr großen Unterschied, woher die Menschen kommen: Personen aus der Ukraine dürfen arbeiten, erhalten von Beginn an dieselben Leistungen wie deutsche Staatsbürger und müssen keinen Asylantrag stellen.

Menschen aus der Türkei, aus Syrien oder Nordmazedonien werden sich dagegen einem langwierigen Asylverfahren mit ungewissem Ausgang stellen müssen. Mittlerweile ist die Türkei in der Liste der Herkunftsländer ganz weit nach oben gerutscht. Das hat mit dem gescheiterten Putschversuch türkischer Militärs gegen die Regierung Erdogan im Jahr 2016 zu tun, erklärt Melih Göksu. Seinerzeit wurden einige Menschen zu sechs Jahren Haft verurteilt. Sie kommen jetzt frei – „und fliehen aus dem Land“.

Schlafplätze schaffen, Konflikte lösen

Ob ihr Asylantrag positiv beschieden werden wird, entscheidet die zuständige Bundesbehörde. Wo die Menschen schlafen, in welche Anschlussunterbringung sie wechseln können, wie man Konflikte in Unterkünften löst, was man tun kann, wenn eine Familie einen großen Hund mitbringt, andere in der Unterkunft aber Angst vor Hunden haben – darum kümmern sich Leute wie Melih Göksu und Steffen Blunck. Sie und ihr Team wären vollständig aufgeschmissen ohne die Fachleute von der Sozialbetreuung, die Ehrenamtlichen, die Sicherheitsdienste, die Helfer/-innen vom Roten Kreuz, die hilfsbereiten Privatpersonen, die in den Kommunen für die Anschlussunterbringung Zuständigen. „Was die Akteure vor Ort leisten, ist unglaublich“, sagt Steffen Blunck. Sein Team wird jetzt aufgestockt, und in Vorstellungsgesprächen sagt er Bewerber/-innen: „Wir brauchen Abenteurer, die es nicht ängstigt, morgens nicht zu wissen, was der Tag bringt.“

Die Menschen unterzubringen, „wird von Woche zu Woche schwieriger“, sagt Melih Göksu – und bleibt dennoch ganz ruhig, weil er Ähnliches 2015/2016 schon erlebt hat, weil er mittlerweile auf ein Netzwerk erfahrener Personen zurückgreifen kann, weil ihm der Kontakt mit den Schutzsuchenden leichter fällt als damals und er weiß, welche Themen die Menschen umtreiben.

Die Volksgruppe der Roma

In den Unterkünften treffen unterdessen Menschen zusammen, die aus komplett verschiedenen Kulturen kommen. Zuletzt gab es Kritik am Verhalten von Menschen, die der Volksgruppe der Roma angehören. „Es gibt auch eine andere Seite der Medaille“, betont Melih Göksu. Diese Menschen seien in der Ukraine systematischer Ausgrenzung ausgesetzt, hatten hier offenbar mit ähnlicher Behandlung gerechnet und sich entsprechend verhalten. Man hat das Gespräch mit dem Landesverband der Volksgruppe gesucht – „und man darf die Leute nicht einfach nur verurteilen“, sagt Melih Göksu.

In der Landkreisverwaltung fährt man unterdessen notgedrungen stets auf Sicht, erfährt montags, wie viele Ukrainer/-innen in der laufenden Woche kommen werden. Für diese Woche hieß es: 200. Immer am ersten Werktag eines Monats erreicht das Landratsamt die Info, wie viele Asylsuchende im laufenden Monat außerdem ankommen werden. Im April wies das Land dem Kreis etwas mehr als 20 Asylsuchende zu, im August 78.

2015/2016 sind mehr als 8000 Menschen im Rems-Murr-Kreis untergekommen – „relativ geräuschlos“, wie Blunck sagt.

"Wer sitzt im Bus mit welchen Krankheitsbildern?"

Das sind nur Zahlen, es geht aber um Menschen. Ein wichtiger Punkt im Unterkunftsmanagement ist, „wer sitzt im Bus mit welchen Krankheitsbildern?“ Sind Menschen dabei, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, wer benötigt medizinische Versorgung in welcher Dringlichkeit: Um all diese Dinge muss man sich kümmern.

Seit Ende April waren 876 Menschen durchs Ankunftszentrum in der Halle des BBW in Waiblingen zu schleusen. Davon hatte das Land etwas mehr als 800 dem Rems-Murr-Kreis zugewiesen. 239 von ihnen sind mittlerweile in einer Gemeinschaftsunterkunft untergebracht, 449 in einer kommunalen Anschlussunterkunft, 56 in Privathaushalten. Von 16 Personen weiß man nicht, wo sie sind, zwei sind ausgereist.

1000 zusätzliche Plätze bis Mitte 2023

Wie es in der Ukraine weitergeht, wie viele Menschen noch flüchten werden, ist völlig offen. Klar ist aber, die Zahl der Asylsuchenden wird weiter steigen; „das wird uns die nächsten Jahre begleiten“, prophezeit Steffen Blunck. Bis Mitte 2023 werde der Rems-Murr-Kreis rund 1000 zusätzliche Plätze für Geflüchtete schaffen, verteilt auf viele verschiedene Standorte im Kreis.

Der Kurzfrist-Blick richtet sich auf die Sporthallen: Ob die jetzt für die Unterbringung genutzten Hallen zum Schuljahresbeginn wieder für den Sportbetrieb zur Verfügung stehen, ist offen. Die Wohnzelte in Backnang sind zwar momentan noch nicht belegt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich das bald ändert, schätzt Steffen Blunck als „sehr hoch“ ein. Sein Fazit zur Unterbringung: „Das machen wir nicht mit links. Aber wir können jetzt als Team auch zeigen, was wir können.“

2015 richteten sich alle Augen auf die Schlangen geflüchteter Menschen, auf die Zäune, das Elend und das Leid. Momentan muss der Rems-Murr-Kreis mehr geflüchtete Menschen unterbringen als im Krisenjahr 2015, doch scheint von den Nachrichten über erheblich steigende Zugangszahlen niemand so recht Notiz nehmen zu wollen. Natürlich hat die Situation mit dem Krieg in der Ukraine zu tun – aber nicht nur. Unter Schutzsuchenden, die in Bussen im Rems-Murr-Kreis ankommen, befinden sich momentan

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper