Rems-Murr-Kreis

Immer wieder Streit, Intrigen, Hahnenkämpfe: Was ist bloß los bei den Grünen im Rems-Murr-Kreis?

Wahlkreis Waiblingen Swantje Sperling Grüne Landtagswahl
Swantje Sperling, © Ralph Steinemann Pressefoto

Ein Spaltpilz hat die Rems-Murr-Grünen befallen: Seit Jahren reihen sich bei ihnen vogelwilde Streitereien und Intrigen aneinander wie Autos im Kappelbergstau. Und das alles entpuppt sich nun als bloßes Vorprogramm zur Krawall-Affäre Fazio. Warum nur? Eine Chronik der Eskalationen - nebst einem Deutungsversuch und Neuigkeiten zur aktuellen Lage ...  

Kapitel 1: Parteiausschluss unausweichlich? Der aktuelle grüne Knatsch um Alfonso Fazio, Waiblingen

Hat man so was je gehört? Nachdem seine Tochter Marilena in der internen Nominierung für die Landtagswahl, Kreis Waiblingen, gegen Swantje Sperling unterlegen war, beschloss der Papa, 64, eine Waiblinger Grünen-Legende seit Jahrzehnten: so nicht! Er will jetzt selber antreten, als unabhängiger Bewerber auf eigene Rechnung – und dürfte damit der demokratisch gekürten Sperling manche Stimme abknapsen.

Ein Heckenschuss ins Partei-Knie – die prompte Reaktion des grünen Landesverbandes war unausweichlich; er ließ ausrichten: Wenn Fazio das echt durchzieht, setzt es ein Partei-Ausschlussverfahren. Die Grundlage liefert ein Beschluss des Landesvorstands: Wenn ein Grünen-Mitglied „in direkte Konkurrenz“ zur offiziellen Kandidatin tritt, sei das ein „schwerer Verstoß gegen die innere Ordnung der Landespartei“, der sich „nur negativ auf das Landtagswahlergebnis“ auswirken könne.

Auch vom Rems-Murr-Kreisvorstand liegt schon eine Stellungnahme vor: Er fordert Fazio auf, seinen Plan „umgehend zurückzuziehen, um weiteren Schaden für die grüne Partei abzuwenden.“ Ist der Rauswurf noch abwendbar? Rolf Schmidt, Mitglied im Kreisvorstand, päppelt ein kleines Senfkorn Hoffnung: „Alfonso ist ein temperamentvoller Mensch, wir kennen ihn alle. Wir werden gemeinsam alles unternehmen, um ihn von seinem Irrweg abzubringen“.

Sollte das aber nicht fruchten, „werden wir tun, was wir tun müssen“.

Ist Fazio schlicht beleidigt, weil seine Tochter nicht inthronisiert wurde? Er selber hat seine Attacke etwas anders begründet: „Es kotzt mich an“, dass Swantje Sperling – eine von außen, aus Remseck, die hier gar nicht bekannt sei – als Neuling eine aussichtsreiche Kandidatur ergattert und alle bewährten lokalen Kräfte überholt hat.

Kapitel 2: Swantje Sperling erinnert an einen grünen Grundsatz

Die so Geschmähte staunt. Sie, ein Neuling? Sperling ist zwar erst 36, aber „seit meinem sechzehnten Lebensjahr mache ich ehrenamtlich in meiner Freizeit Politik“, mit 18 trat sie den Grünen bei, in Remseck hat sie als Gemeinderätin, in Ludwigsburg als Kreisrätin lokale Basisarbeit geleistet.

Und eine Reingeschmeckte? Abgesehen davon, dass Remseck von Waiblingen aus betrachtet nicht direkt der hintere Kongo ist – „ich bin aus Leutenbach, ich wohne da!“ Nach der Nominierung ist sie umgezogen. „Mein Opa war Gemeinderat in Leutenbach“, Swantje Sperling ist familiär tief verwurzelt im Wahlkreis.

Auf eine Schlammschlacht gegen Fazio will sie sich spürbar nicht einlassen. „Mir geht es einfach um unsere grünen Themen, darum, die Herzen der Menschen dafür zu gewinnen.“ Am Wochenende hätten ihr „20 Leute“ geholfen, Tausende und Abertausende von Flyern zu verteilen, „ist das nicht toll?“ Sie sei danach „brotkaputt“ gewesen, aber „superhappy“ und „so dankbar“.

In aller Sanftheit nur eines: „Wir Grünen sind gegen Ausgrenzung, gegen Ressentiments. Das ist grüne DNA.“ Frei übersetzt: Gilt man bei Fazio etwa schon als bekämpfenswerte Invasorin aus einem fremden Kulturkreis, bloß weil man mal zehn Kilometer weg von Waiblingen gewohnt hat?

In der Stuttgarter Parteizentrale werden sie ob des alfonsinischen Aufstands nicht zum ersten Mal die Hände überm Kopf zusammengeschlagen haben: schon wieder Neues aus dem Rems-Murr-Tollhaus ...

Kapitel 3: Eine kleine Chronik der Eskalationen bei den Grünen im Rems-Murr-Kreis

Es begann mit der Säge an Petra Häffners Stuhl. Sie war 2011 als krasse Außenseiterin in den Landtag gelangt – manche Parteifreunde fanden nun offenbar, eigentlich müssten eher sie in Stuttgart sitzen. Vor der Wahl 2016 gab es im Wahlkreis Schorndorf eine interne Gegenkandidatur. Der Putsch misslang allerdings, Häffner gewann.

Nächster Kracher: In Schorndorf kehrten drei grüne Stadträte ihrer Fraktion den Rücken – Werner Neher und Wilhelm Pesch (die schon bei der Kampagne gegen Häffner eine Rolle gespielt haben sollen) gründeten eine ökologische Konkurrenzliste.

2019 dann verließ Andrea Sieber, bis dato Schorndorfer Fraktionsvorsitzende, das grüne Gemeinderatsteam. Sie begründete das mit drastischen „Erfahrungen innerhalb der Grünen“, berichtete von „Schikanierungen“, „Wutausbrüchen mir gegenüber in Sitzungen“, „Telefonanrufen zu jeder Tages- und Nachtzeit“ und Zornbotschaften „auf dem Anrufbeantworter“.

2020 diskutierten die Schorndorfer: Soll die Stadt dem flüchtlingsfreundlichen Bündnis „Sicherer Hafen“ beitreten? Ein urgrünes Anliegen. Sollte man meinen. Der grüne Gemeinderat Andreas Schneider aber witterte linksextreme Unterwanderung der Seenotrettung und schwang sich zum Streiter dagegen auf. Das Projekt platzte, die AfD jubilierte. Schlimmer geht’s nimmer, mögen sie in der grünen Landesgeschäftsstelle geseufzt haben. Dann kam Fazio.

Kapitel 4: Wie ist all das einzuordnen? Versuch einer Deutung der grünen Grabenkämpfe

Sicher, alles Einzelfälle. Ein gemeinsames Deutungsmuster aber drängt sich auf. Über Jahrzehnte waren die Grünen eine idealistische Oppositionsbewegung; wer für sie kandidierte, betrieb aufopferungsvolle Selbstausbeutung im Dienste der Sache, mit Macht und Mandat war selten zu rechnen. Mittlerweile sind die Grünen Regierungs-, fast Volkspartei, längst lassen sich hier Geltung und Einfluss ernten und auch bezahlte Posten. Zwangsläufig gibt es nun Durchstarter; und Zukurzgekommene. Jüngere drängen nach vorne, Ältere spüren, dass ihr Platzhirschpodest bröselt. Dass dabei oft enttäuschte Männer gegen erfolgreiche Frauen agitieren: Auch das gehört zum grünen Rems-Murr-Bild.

Eifersüchteleien, Disziplinlosigkeiten, Selbstüberschätzung: Das ist wohl der Fluch des Erfolgs.

Ein Spaltpilz hat die Rems-Murr-Grünen befallen: Seit Jahren reihen sich bei ihnen vogelwilde Streitereien und Intrigen aneinander wie Autos im Kappelbergstau. Und das alles entpuppt sich nun als bloßes Vorprogramm zur Krawall-Affäre Fazio. Warum nur? Eine Chronik der Eskalationen - nebst einem Deutungsversuch und Neuigkeiten zur aktuellen Lage ...  

Kapitel 1: Parteiausschluss unausweichlich? Der aktuelle grüne Knatsch um Alfonso Fazio, Waiblingen

Hat man so was je gehört?

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