Rems-Murr-Kreis

Impfempfehlung für alle Fünf- bis Elfjährigen: Was Rems-Murr-Ärzte dazu sagen

Kinderimpfen
Zurzeit werden Corona-Impfungen bei Kinderärzten kaum nachgefragt, ändert sich das nun? © Alexandra Palmizi

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat vor einigen Tagen ihre Empfehlungen geändert und empfiehlt nun für alle fünf- bis elfjährigen Kinder eine Impfung gegen das Coronavirus. Die Stiko geht davon aus, dass der überwiegende Teil der Kinder bereits eine Corona-Infektion durchgemacht hat. Deshalb sollen Kinder zunächst nur einmalig mit einem mRNA-Impfstoff geimpft werden, vorzugsweise mit dem Vakzin von Biontech. Zuvor hatte es keine generelle Impfempfehlung für Kinder dieses Alters gegeben, sondern nur für Kinder mit Vorerkrankungen oder Kontakt zu Personen, die ein hohes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben.

Schwer kranke Kinder in der Klinik behandelt

Prof. Ralf Rauch, der Leiter der Winnender Kinderklinik, ist schon lange der Meinung, dass auch Kinder unter zwölf Jahren durch die Impfung vor dem Coronavirus geschützt werden sollten. Er hat in den Rems-Murr-Kliniken schwer kranke Kinder behandelt, die Atemnot hatten, sowie Kinder mit der Folgeerkrankung PIMS, dem Syndrom, bei dem sich verschiedenste Organe entzünden. Noch bevor der Impfstoff von Biontech für Kinder zwischen fünf und elf Jahren Ende November in der EU zugelassen worden war, hat er deshalb einige Kinder geimpft.

Dass die Stiko nun eine Einmalimpfung empfiehlt, habe sowohl viele Ärzte als auch die meisten Eltern überrascht. „Insgesamt aber ist das Thema schnell wieder von der Tagesordnung verschwunden, da die Meinungsbildung zur Kinderimpfung bereits vor Monaten stattgefunden hat“, sagt Rauch. „Ich bin nicht sicher, ob mit der jüngsten Empfehlung impfskeptische Eltern erreicht werden. Die anderen haben schon seit sechs Monaten Gelegenheit gehabt, ihre Kinder impfen zu lassen, und können mit einer angepassten Auffrischimpfung womöglich im Winter rechnen.“

Impfung lieber im Herbst auffrischen als zurzeit

Für bereits geimpfte Kinder sei vermutlich im Herbst eher der richtige Zeitpunkt zu einer Auffrischung als derzeit. Für Familien, die sich an die neue Stiko-Empfehlung halten wollen, gibt es eine Handlungsanweisung als Orientierungshilfe für verschiedene Ausgangslagen, je nachdem, ob eine Vorinfektion oder Vorimpfung stattgefunden hat. Darüber, wie viele Kinder zwischen fünf und elf Jahren eine Corona-Infektion durchgemacht haben, gibt es laut Rauch sehr unterschiedliche Annahmen. Die Zahlen schwankten zwischen 20 und 80 Prozent und hingen auch von den zugrunde liegenden Testverfahren ab.

Im Moment geht der Leiter der Winnender Kinderklinik trotz neuer Stiko-Empfehlung nicht davon aus, dass es einen „Run“ auf die Impfung geben wird. „Das mag sich mit steigenden Inzidenzen bei einer neuen Variante in der kühleren Jahreszeit wieder ändern.“

Sollte dies der Fall sein, rechnet Ralf Rauch nicht mit Problemen für Impfwillige. „Für die bisher gebräuchlichen Impfstoffe erwarte ich keine Lieferschwierigkeiten. Eher schon ist die Frage, ob in den Praxen jeweils genügend Kinder zur Impfung gemeldet werden, um nicht zahlreiche Dosen ungebraucht entsorgen zu müssen.“ Für neue Impfstoffe erwartet der Mediziner erst zeitverzögert eine Kinderversion, da sie auch wieder mit einer Studie zu Wirksamkeit und Verträglichkeit unterlegt werden muss, wie das beim bisherigen Impfstoff der Fall war.

Kinderimpfzentrum könnte wieder eingerichtet werden

Prinzipiell wäre es möglich, dass das Kinderimpfzentrum am Rems-Murr-Klinikum Winnenden bei Bedarf wieder eingerichtet werde, wenn das vom Landkreis gewünscht werde. „Die Strukturen stehen bereit. Allerdings sehe ich hier wiederum zunächst die Praxen als erste Ansprechpartner für die Familien zur individuellen Beratung ihrer kleinen Patienten“, so Rauch.

Wenn es nötig werde, etwa durch neue Entwicklungen im Herbst, könne das Kinderimpfzentrum kurzfristig wieder eingerichtet werden, da man auf die Erfahrungen und Strukturen zurückgreifen könne, sagt eine Sprecherin des Landratsamts. Allerdings rechne man nicht damit: „Wer seine Kinder impfen lassen wollte, hat es inzwischen gemacht.“

Das bestätigen die Erfahrungen des Schorndorfer Kinderarzts Dr. Ralf Brügel, der Sprecher der Kinderärzte im Rems-Murr-Kreis ist: „Die Nachfrage nach Impfungen für Kinder ist in allen Praxen aktuell quasi null.“ Allerdings rechneten die Kinderärzte nach der Stiko-Empfehlung nun schon mit steigender Nachfrage.

Logistische Schwierigkeiten in den Praxen

„Logistisch ist dies weiterhin schwierig, weil nach wie vor keine Einzeldosen zur Verfügung stehen und wir aus einem Fläschchen immer zehn Impfungen aufziehen müssen und entsprechend optimalerweise immer zehn Kinder am selben Nachmittag einbestellen müssen.“

Diese logistische Schwierigkeit treffe in den Kinderarzt-Praxen auf eine „insgesamt mehr als katastrophale Versorgungssituation“. Denn während die Kassenärztliche Vereinigung, basierend auf alten Daten, noch immer eine Überversorgung mit Kinderärztinnen und -ärzten sehe, sei die Realität eine andere, sagt Brügel: „Wir alle müssen fast täglich Anfragen von Eltern abweisen, weil wir die Arbeit einfach sonst nicht ordentlich und qualifiziert erledigen können.“

"Eine politisch motivierte Entscheidung"

Die Resonanz auf die neue Stiko-Empfehlung sei unter Kinderärzten unterschiedlich. Brügel hatte mit zehn Kollegen zu diesem Thema Kontakt, von denen zwei die Stiko-Empfehlung gut finden, wie sie nun ist. Den anderen seien die Gründe für die Änderung nicht ganz klar und sie fänden es nicht ganz nachvollziehbar, warum explizit nur eine Impfung empfohlen werde, wenn die Empfehlung nun schon geändert worden sei.

„Ich persönlich halte dies für eine politisch motivierte Entscheidung. Oberste Priorität im Herbst wird, völlig zurecht, sein, dass keine Schulen mehr geschlossen werden. Das war in den letzten beiden Jahren von den Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche verheerend und ich bezweifle noch immer stark, ob dies wirklich zwingend notwendig war“, sagt Brügel. Die neue Empfehlung werde nun aus seiner Sicht dazu führen, dass man folgendermaßen argumentieren könne: „Jedes Kind ab fünf Jahren hat eine Impfempfehlung und ein Impfangebot und somit können die Schulen offen bleiben.“

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat vor einigen Tagen ihre Empfehlungen geändert und empfiehlt nun für alle fünf- bis elfjährigen Kinder eine Impfung gegen das Coronavirus. Die Stiko geht davon aus, dass der überwiegende Teil der Kinder bereits eine Corona-Infektion durchgemacht hat. Deshalb sollen Kinder zunächst nur einmalig mit einem mRNA-Impfstoff geimpft werden, vorzugsweise mit dem Vakzin von Biontech. Zuvor hatte es keine generelle Impfempfehlung für Kinder dieses Alters gegeben,

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