Rems-Murr-Kreis

Impfpflicht Medizin und Pflege: 1118 Beschäftigte im Rems-Murr-Kreis ungeimpft

CoronaNachweis
Impfnachweise. © Gaby Schneider

Die Arbeitgeber des Gesundheits- und Pflegewesens im Rems-Murr-Kreis haben 1118 Beschäftigte als weder geimpft noch aktuell genesen ans Kreisgesundheitsamt gemeldet. Aber ist das nun viel? Oder eigentlich eher wenig? Und bedeutet das, dass tatsächlich demnächst 1118 Leute nicht mehr arbeiten dürfen? Einrichtungsbezogene Impfpflicht: eine Zwischenbilanz und Einordnungen.

263 der 1118 arbeiten in den Rems-Murr-Kliniken

Dass wegen der Regel nicht gleich reihenweise Altenheime in die Knie gehen würden, hat sich früh abgezeichnet. Auf eine Umfrage unserer Zeitung signalisierten viele Heimträger bereits Ende Februar Impfquoten in ihren Häusern zwischen 85 und 100 Prozent.

Auch aus den Rems-Murr-Kliniken war Ähnliches zu hören: Er rechne nicht mit „größeren organisatorischen Problemen“, sagte Mitte März Pressesprecher Christoph Schmale. Mittlerweile kann er genaue Daten vorlegen: In den Kliniken arbeiten – Vollzeit und Teilzeit, von Ärztinnen und Ärzten über die Pflege bis zur Verwaltung – 3005 Leute; 263 „haben wir wegen fehlender oder fehlerhafter Impfnachweise sowie abgelaufener Genesenen-Nachweise an das Gesundheitsamt gemeldet“, bilanziert Schmale; weniger als neun Prozent.

So genau lässt sich das für den ganzen Rems-Murr-Kreis leider nicht beziffern: Insgesamt 1118 ungeimpft – aber wie viele Leute arbeiten bei uns in den Gesundheitsberufen?

Das Landratsamt kann das nicht beantworten, und der Zeitungsversuch, eine erschöpfende Kalkulation aufzumachen, führt an Recherchegrenzen ...

Impfquote wohl weit über 90 Prozent: Ein Zahlenspiel

Gibt es 4000, 5000 oder eher 6000 Beschäftigte in unseren Altenheimen? Und was ist mit den 1500 Leuten, die laut der aktuellsten Erhebung des Statistischen Landesamtes im Jahr 2019 rems-murr-weit bei ambulanten Pflegediensten arbeiteten (hier ein Beispiel für viele) – sind das heute weniger oder mehr? Ferner gibt es laut den Landesstatistikern etwa 500 Ärzte und 300 Zahnärzte in den Rems-Murr-Praxen – impfpflichtig ist aber auch das sonstige Praxispersonal; sind das 2000, 3000, 5000? Dann die bereits erwähnten 3000 Leute in den Rems-Murr-Kliniken. Und 4000 sind bei der Diakonie Stetten beschäftigt, wenn auch nicht alle im Rems-Murr-Kreis. Ach je, noch die Rettungsdienste – es ist uferlos. Machen wir es uns also einfach ...

Angabe des Statistischen Landesamts: 2019 gab es in Baden-Württemberg 784.500 Beschäftigte im Gesundheitswesen. Bei 11,07 Millionen Einwohnern waren das gut sieben Prozent der Bevölkerung. Wenn wir diese Quote einfach mal hilfsweise auch für den Rems-Murr-Kreis unterstellen, wären das bei 427.000 Einwohnern rein rechnerisch etwa 30.000 Impfpflichtige. 1118 Ungeimpfte wären dann weniger als vier Prozent.

Aber selbst wenn die 30.000 zu hoch gegriffen sein sollten – dass die Impfquote beim Rems-Murr-Gesundheits- und Pflegepersonal glasklar über 90 Prozent liegt, dürfen wir als sicher unterstellen.

Diese Gruppe ist damit offenkundig weitaus besser durchgeimpft als die Gesamtgesellschaft. Denn in Baden-Württemberg liegt die Impfquote in der typischerweise berufstätigen Altersgruppe 18 bis 59 Jahre nur bei etwa 83 Prozent.

Warum nur wir? Kritik aus der Pflege-Branche

Dass viele, die sich pflegend für andere einsetzen, die einrichtungsbezogene Impfpflicht für wenig überzeugend halten, steht auf einem anderen Blatt.

In unserer Umfrage Ende Februar sagte zum Beispiel Dr. Alexandra Heizereder, Pressesprecherin der Evangelischen Heimstiftung: Die Politik habe „zu spät und nur halbherzig“ agiert. „Es wäre schon letztes Jahr nötig gewesen, eine allgemeine Impfpflicht einzuführen.“ Auch Sibylle Kessel von der Großheppacher Schwesternschaft fand: „Wir hätten uns zeitnah und rechtzeitig eine allgemeine Impfpflicht gewünscht“ – nur manche Gruppen herauszupicken, „wirkte provozierend und verursachte viel Frust, denn nach zwei Jahren im Ausnahmemodus sind die Angestellten in der Pflege vielfach am Ende ihrer Nerven“.

Alexander Flint, Seniorenheim Kronenhof Großerlach, haderte: So sehr er für die Impfung werbe – mit der Pflicht für seine Leute tue er sich schwer. „Wir hatten in unserer Einrichtung keinen einzigen positiven Fall seit Beginn der Pandemie unter den Bewohnern zu beklagen. Zu diesem phänomenalen Ergebnis haben auch die ungeimpften Mitarbeiter beigetragen, indem sie von uns angeordnete Maßnahmen penibel mitgetragen haben. Es ist schäbig, diesen Leuten jetzt zu signalisieren, dass sie zu Personae non gratae werden.“

Allerdings: So schnell muss niemand mit einem Tätigkeitsverbot rechnen. Zunächst dürfen alle 1118 weiterarbeiten.

Der lange Weg bis zum Tätigkeitsverbot – und der kurze Weg zurück ...

„Letzte Woche gingen die ersten Anschreiben an die gemeldeten Personen raus“, teilt Leonie Graf mit, Pressesprecherin im Landratsamt – das Gesundheitsamt fordert erst mal nur dazu auf, Nachweise „innerhalb einer angemessenen Frist“ nachzureichen.

„Regelhaft wird dabei eine Frist von zwei Wochen gesetzt – wobei die sich durch Ostern wohl etwas verlängert.“

Wenn nach mehreren Wochen kein Nachweis zurückkommt und „auch sonst keine Bereitschaft zur Impfung gezeigt wird“, folge der zweite Schritt: „eine Anhörung der gemeldeten Personen“. Darüber gehen weitere Wochen ins Land.

Erst danach könnte es „zur Verhängung eines Betretungs- oder Betätigungsverbotes“ kommen; könnte.

Denn nun folgt die „Ermessensentscheidung“ des Gesundheitsamtes: Würde ein solches Verbot ein Heim, eine Praxis oder eine Klinik in Not bringen? Schon vor Wochen hat das Landratsamt deutlich signalisiert: „Wir würden natürlich keine Einrichtung lahmlegen. Davon hätte ja niemand was.“

Am „1. Januar 2023“ aber, schreibt das Bundesgesundheitsministerium, tritt die einrichtungsbezogene Impfpflicht dann auch schon wieder „außer Kraft“.

Die Arbeitgeber des Gesundheits- und Pflegewesens im Rems-Murr-Kreis haben 1118 Beschäftigte als weder geimpft noch aktuell genesen ans Kreisgesundheitsamt gemeldet. Aber ist das nun viel? Oder eigentlich eher wenig? Und bedeutet das, dass tatsächlich demnächst 1118 Leute nicht mehr arbeiten dürfen? Einrichtungsbezogene Impfpflicht: eine Zwischenbilanz und Einordnungen.

263 der 1118 arbeiten in den Rems-Murr-Kliniken

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