Rems-Murr-Kreis

Impfung oder Infektion, Corona-Langzeitfolgen und ein Blick auf den Herbst: Diese Thesen vertreten Winnender Chefärzte

Corona
Dr. Torsten Ade. © Benjamin Büttner

Früher diskutierten Wissenschaftler auf Fachkongressen vorläufige Forschungsergebnisse. Entpuppte sich ein halbes Jahr später das eine oder andere als Irrtum, brachte das niemand aus der Fassung: Das ist in der Wissenschaft völlig normal. Die Dinge brauchen Zeit; man kann knifflige Fragen nicht von heute auf morgen beantworten. Und selbst wenn sich nach sehr langer Forschungszeit eine wohl wahre Antwort herauszuschälen scheint, kann sie sich, davon geht seriöse Wissenschaft immer aus, am Ende als falsch erweisen.

Das aktuelle große Wissenschaftsprojekt namens "Was-tun-gegen-Corona" spielt sich unter den Augen aller ab, und das ist der ganz wesentliche Unterschied: Die Dringlichkeit der Fragen steigert die Sehnsucht nach schnellen, sicheren Antworten immens. Die gibt’s aber nicht, kann es gar nicht geben, und deshalb nervt ein gelegentliches Hin und Her in der Politik die beiden Chefärzte Prof. Dr. Andreas Jeron und Dr. Torsten Ade gar nicht sonderlich. Zum wiederholten Male stellen sich die beiden geduldig den Fragen dieser Zeitung – obgleich sie die heiß ersehnte kurze, schnelle, sichere Antwort auf alles erneut nicht liefern können.

Die Psyche spielt definitiv eine Rolle bei Long Covid

Beispiel Long Covid, also langanhaltende Beschwerden nach überstandener Corona-Infektion: Manche Patienten fühlen sich noch Monate später erschöpft und müde, sind in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt, klagen über Kopfschmerzen und Atembeschwerden, über depressive Verstimmungen, Ängste, Schlafstörungen. Es handelt sich um ein „noch sehr wenig definiertes Krankheitsbild“, sagt Torsten Ade, der die Dinge als Chefarzt der Interdisziplinären Notaufnahme am Rems-Murr-Klinikum Winnenden und Krankenhaushygieniker beurteilt: Dass jemand nach einem sehr schweren Krankheitsverlauf, womöglich gar nach Beatmung, länger braucht, um wieder auf die Beine zu kommen, leuchtet unmittelbar ein. Von Long Covid spricht man eher, sofern Personen nach einem leichten bis mittleren Krankheitsverlauf noch lange Zeit diverse Symptome zeigen. Was genau in welcher Art Zusammenspiel diese Beschwerden auslöst – ist schlicht nicht bekannt. Die Psyche spielt mit eine Rolle, davon ist auszugehen.

Eine Impfung nach überstandener Krankheit könnte bei Long-Covid-Leiden helfen – die Betonung liegt auf könnte. Eine denkbare Erklärung klingt ziemlich plausibel, bewiesen ist sie noch nicht: Die Impfung liefert womöglich den letzten nötigen Schub, damit auch lange nach überstandener Krankheit im Körper noch vorhandene Viren ihren Wirt nicht mehr quälen können. Andreas Jeron berichtet jedenfalls von einem ihm persönlich bekannten Fall, da die Impfung dem Betreffenden aus dem Corona-Folgen-Tief half.

Therapie mit Cortison und Antikörpermix

Unterdessen hat sich die Therapie schwer an Corona Erkrankter nicht wesentlich verändert, wie Andreas Jeron sagt: Man setzt Cortison ein, gibt Antikörpermix-Infusionen. Alles hängt von der Schwere des Verlaufs ab, und naturgemäß haben es Klinikärzt/-innen nur mit schwereren Verläufen zu tun. Ob sich Betroffene nun mit der Alpha- oder der Delta- oder einer anderen Variante angesteckt haben, spiele für die Therapie keine Rolle, erläutert Andreas Jeron. Der Leiter des Corona-Therapieteams in Winnenden stellt keine Unterschiede im Krankheitsverlauf abhängig von der Variante fest, wobei am Klinikum erst sehr wenige Menschen behandelt wurden, die sich mit der Delta-Variante angesteckt hatten. Letztere könnte „vielleicht ein bisschen infektiöser“ wirken – und wieder liegt die Betonung auf könnte.

Das griechische Alphabet wird für die Bezeichnung weiterer Varianten noch ein paarmal bemüht werden müssen, darauf macht Jeron mit der ihm eigenen Gelassenheit aufmerksam: „Ich bin da entspannt.“ So oder so „wird die Inzidenz hochgehen im Herbst“, kündigt Jeron an, aber davon werden die Kliniken voraussichtlich weniger betroffen sein, weil weniger Ältere aus einem ganz einfachen Grund erkranken werden: Ein großer Teil von ihnen ist geimpft.

Manch eine Hoffnung erfüllte sich nicht

Torsten Ade plädiert nicht zum ersten Mal und erneut mit Leidenschaft fürs Impfen, zumal von der Impfquote abhängt, wie sich die Dinge weiter entwickeln. Wer sich gegen die Impfung entscheidet, entscheidet sich für die Infektion – so einfach ist das aus seiner Sicht, sprich: Das Coronavirus verschwindet nicht, und wer sich nicht via Impfung schützt, wird sich früher oder später infizieren. Ob man dann mit leichten Symptomen davonkommt oder einen schweren Verlauf erleidet samt langanhaltenden Folgen danach, kann kein Mensch im Voraus wissen.

So manchen Irrtum galt es unterdessen zu verkraften: Eine Zeit lang hieß es, ein bestimmtes Malariamittel scheine Corona-Patienten zu helfen. Die Hoffnung erfüllte sich nicht; das Mittel stellte sich gar als „eher gefährlich“ heraus in der Covid-19-Therapie, sagt Torsten Ade – weil es nicht zu vernachlässigende Nebenwirkungen mit sich bringt, ohne Wesentliches zur Gesundung beizutragen. Dass Geruchs- und Geschmacksstörungen mit der Krankheit einhergehen, entdeckte man erst, als sich das Virus bereits in Europa ausbreitete. Von der Vorstellung, die Krankheit werde im Prinzip allein durch Tröpfcheninfektion übertragen, musste man sich ebenfalls verabschieden. Torsten Ade könnte die Irrtümer-Liste noch ein wenig verlängern – was ihn als Wissenschaftler nicht beunruhigt und als Mensch nicht verwundert: „Wir sind alle schlecht darin, Unsicherheiten auszuhalten.“

Thrombose im Zuge einer Infektion ist wahrscheinlicher

Was man sicher weiß: Das Risiko, im Zuge einer Erkrankung eine Thrombose zu erleiden, ist sehr viel höher, als dass eine Impfung eine Thrombose auslösen würde. Der Impfstoff Astrazeneca ist in Verruf geraten, nachdem einzelne, wenngleich sehr seltene Thrombosefälle nach einer Astra-Impfung aufgetreten waren. Der schlechte Ruf wirkt lange nach: Freie Impftermine werden zurzeit angeboten wie Sauerbier, und nur wenige greifen zu.

„Schade“, fällt Torsten Ade dazu ein. „Mir ist klar“, zeigt er Verständnis, „dass es viele diffuse Ängste gibt, die Impfungen betreffend“. Sein Rat bleibt eindeutig: Auf zugelassene Impfstoffe darf man vertrauen, und zur Impfung sei unbedingt zu raten.

Und eins noch: Den zweiten Impftermin sausenlassen, sei keine gute Idee. Die Schutzwirkung verstärkt sich mit der zweiten Impfung beträchtlich.

Früher diskutierten Wissenschaftler auf Fachkongressen vorläufige Forschungsergebnisse. Entpuppte sich ein halbes Jahr später das eine oder andere als Irrtum, brachte das niemand aus der Fassung: Das ist in der Wissenschaft völlig normal. Die Dinge brauchen Zeit; man kann knifflige Fragen nicht von heute auf morgen beantworten. Und selbst wenn sich nach sehr langer Forschungszeit eine wohl wahre Antwort herauszuschälen scheint, kann sie sich, davon geht seriöse Wissenschaft immer aus, am

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper