Rems-Murr-Kreis

In Coronazeiten sind wir alle Debütanten: Das haben wir dieser Tage das allererste Mal in unserem Leben gemacht

TV-Gymnastik
„Mein Gesicht ist krebsrot vor Anstrengung, deshalb will ich’s nicht zeigen“, sagt Pia Eckstein bei der Youtube-Gymnastik. © Severin Spellenberg
Etwas Unerlaubtes tun. Selbst ein Sauerteig-Brot anrühren und backen. Zum Heiden werden. Sich über Youtube bei der Gymnastik anleiten lassen. Mit der Frau im Wohnzimmer wild in den Mai hineintanzen. Endlich Tabula rasa in den übervollen Küchenschränken machen. Unsere Redaktionsmitglieder haben in Corona-Zeiten alle etwas das erste Mal in ihrem Leben getan. Viel Spaß beim Lesen!

Digital gegen den analogen Rückenschmerz

Von Pia Eckstein

Ich hab’s getan! Ich habe meine ganz analogen Rückenschmerzen digital bekämpft. Ich mache seit den coronabedingten Einschränkungen vor dem Fernseher Gymnastik. Was für ein Glück, dass wir seit neuestem ein TV-Gerät haben, das so modern ist, dass es auch erspürt, was ein WLAN-Netz ist und will. Und akzeptiert, dass ich Youtube suche.
Nein, ich gucke normalerweise nicht Youtube. Ich kann an der unendlichen Anzahl an seltsamen Filmchen nichts finden. Ich finde sie – Entschuldigung – meistens vollkommen sinnfrei. Aber ich habe diesen Drang nach gezielter Bewegung. Und den inneren Schweinehund, der immer just dann aufwacht, wenn ich angefangen habe, jene Muskeln zu nutzen, die wehtun. Und dann hab' ich erstens keine Lust mehr und zweitens fällt mir auch einfach nicht mehr ein, was ich noch an eigenartigen Übungen machen könnte. Ach, ich will wieder in meine Gymnastikgruppe!
Hilft alles nix, hab’ ich gedacht und bei Youtube „Rückengymnastik“ eingegeben. Und siehe da: Wann immer ich es will, turnt mir da jetzt diese große, schlanke, sehr sportliche und höchst kompetente Frau vor. Sie macht das wirklich gut. Und ich schwöre, sie sieht genau, was ich tue. Sie weiß, wann ich schlappmache, und spornt mich noch mal an. Sie sagt mir genau dann, dass ich die Bauchmuskeln anspannen soll, wenn ich gerade mal wieder locker gelassen habe. Und sie hat immer recht, wenn sie behauptet, dass die Schultern durchaus noch ein bisschen tiefer bleiben können. Sie ist super. Mein Rücken auch.


Mein Sauerteig und ich

Von Martin Winterling

„Erwin“ habe ich meinen Sauerteig getauft. „Erwin“ ist der Sohn von „Hermann“, der unserem Mitbewohner Dirk einen Stock drüber seit Jahren gute Dienste leistet. Zugegeben. Ich war des Öfteren neidisch auf das kräftige Sauerteigbrot, das Dirk dank seines Hermanns herstellte – und meine popeligen Hefeteig-Kreationen schon vom Geruch her in den Schatten stellte, wenn Hermanns Duftwolke durch den Hausflur flog.
Aber die Coronazeit hat ja auch ihr Gutes. Wir haben Zeit. Zeit, um mit Dirk über „Hermann“ zu plaudern. Zeit, um Dirk einen Ableger von „Hermann“ abzuquatschen. Zeit, um endlich mal selbst ein zeitraubendes Sauerteigbrot zu backen! Denn „Erwin“ lässt sich eben nicht so zwischendurch und auf die Schnelle verarbeiten. Zumindest nicht von einem Anfänger wie mir.
„Erwin“ ist zunächst nur „Anstellgut“ oder „Anstellsauer“, steht im Kühlschrank und will aus dem Kälteschlaf erweckt werden. Der kalte „Erwin“ muss sechs bis acht Stunden mit lauwarmem Wasser und Roggenmehl gefüttert werden, auf dass er zu schäumen und säuerlich zu riechen beginnt. Was er leidlich tut.
Im nächsten Schritt geht’s an den Vorteig, der acht bis zehn Stunden lang bei 27 Grad reifen soll. Der Autor des Rezepts empfahl dafür den Backofen, in dem das Ofenlicht brennt. Er kennt meinen Ofen nicht. Ein warmes Plätzchen an der Heizung muss es tun. „Erwin“ erweist sich als ein zäher Bursche, der die Nacht auf der kalten Heizung klaglos übersteht und sich am nächsten Morgen mit den restlichen Zutaten zu einem knuffigen Teig verkneten lässt, der das Herz eines jeden Bäckers höherschlagen lässt.
Geschmacklich machte das Sauerteigbrot seinem Namen alle Ehre. Doch das gewöhne ich „Erwin“ bei den nächsten Versuchen allmählich ab. Frisch aus dem Ofen ist aber ein selbst gebackenes Brot unschlagbar.
Ach, übrigens: "Erwin" hat bereits einen Sohn, weil das Sauerteigbrot Freund Tommy dermaßen überzeugte, dass er auf seinen Sauerteig aus der Packung künftig verzichtet. Er heißt „Horst“.


Kein Platz mehr für Unnützes

Von Andrea Wüstholz

Wer Ordnung hält, ist nur zu faul zum Suchen – ein Standardspruch unter Chaoten. Wer Ordnung will, der nutze coronabedingte Überschusszeit, räume alle Küchenschränke aus und verwirkliche ein seit Jahrzehnten anvisiertes, doch nie umgesetztes Ziel: Unnützes muss weg. Besonders aus der Küche. Jedes Mal, wirklich jedes Mal war bisher ein Porzellan-Sieb händisch aus dem Schrank zu heben. Sonst wär’ man an die tiefen Teller nicht herangekommen.
Die tiefen Teller sind relativ selten im Einsatz. Umso ärgerlicher, dass sie dauernd den Zugriff zu den flachen Tellern erschweren. Deshalb sind die tiefen Teller jetzt umgezogen. Dazu musste offenbar erst Corona kommen. Der siebte Topf, der fünfte Rührlöffel, die 28. Auflaufform: alles weg. Verstaut in einem Karton im Keller. Bald landet all das irgendwo, wo die Sachen noch jemand gebrauchen kann.
Es herrscht jetzt Freiraum in allen Schränken. Kein Gerücke und Geschiebe mehr. Einfach die Schranktür öffnen, ungehindert zugreifen, da scheppert nichts, da fällt nichts runter, da ist Platz.
Corona sei Dank.


Großartig: Etwas Unerlaubtes tun
Von Andreas Denner

Wer hätte das gedacht? Meine Reise nach Portugal Anfang März sollte der Auftakt für eine große Golfsaison werden - so der Plan. Doch schon auf dem Rückflug aus Lissabon waren die Sorgen groß: Kommen wir überhaupt noch nach Hause oder müssen wir direkt in die Quarantäne? Wir blieben unbehelligt. Doch dann der Lockdown: Auch Golf war untersagt.
Nicht nur, dass die im Winter-Trainingslager erarbeitete Frühform schon wieder dahinschwand, hinzu kamen ernsthafte Golf-Entzugserscheinungen. Und ein wenig Unverständnis für das Spielverbot, denn jeder Golfer hält automatisch Abstand zu seinem Flight-Partner, weil allenthalben ausgeführte kraftvolle Schwünge mit Eisen- und Holz-Schlägern doch eher gefährlich sind. Corona-Infektion? Eher unwahrscheinlich!
Nach rund vier Wochen wenigstens ein Ausweg: In unserem Nachbar-Bundesland Rheinland-Pfalz durfte man plötzlich ganz offiziell wieder auf den Golfplatz. Nichts wie hin? So einfach ging’s dann doch nicht, denn die Golfclubs dort wollten natürlich erst mal ihre eigenen Mitglieder auf den Platz lassen. Einzig der Golfclub Worms erbarmte sich meiner. Von dem hatte ich noch nie gehört. So muss sich wohl ein Alkoholiker gefühlt haben, der während der Prohibition in den Nachbarstaat auswich. Was zu Hause ein Vergehen ist, darf man hier ungeniert tun.
Der Platz entpuppte sich als klitzekleine Anlage, nur neun Bahnen, aber hübsch gelegen, direkt am Ufer des Rheins, der hier die Grenze zu Hessen bildet - auch ein Golf-Prohibitions-Land. So schwer das schlechte Gewissen drückte, etwas (zu Hause) Unerlaubtes zu tun, so großartig das Gefühl, endlich wieder den geliebten Sport ausüben zu können.


Tanz in den Mai mit meiner Frau

Von Peter Schwarz
Dank der Coronakrise haben wir endlich mal wieder einen zünftigen Tanz in den Mai gefeiert. Zuvor hatten wir viele Jahre lang nicht mehr den Hintern hochgekriegt. Wir dachten, wir sind zu alt für so was. Aber diesmal war die Zeit reif, nach all der häuslichen Rumsitzerei im April: Meine Frau und ich schoben den Tisch zur Seite, rollten den Teppich auf, stellten eine Kamera in die Ecke, legten das Lied „Tanz“ der Gruppe Hiss ein, schleuderten uns gegenseitig durchs Zimmer und whatsappten das Video von unseren Verrenkungen an Freunde, Bekannte, Nachbarn - noch bevor die Maiennacht zu Ende ging, kamen aus allen Himmelsrichtungen Antwort-Tanzvideos zurück. Es gab da offenbar ein recht breites Bedürfnis nach raumgreifender Ausgelassenheit in trüben Tragen - die weisen Zeilen der Gruppe Hiss stimmen eindeutig auch und gerade in immobilen Zeiten: „Du bist jung oder alt, reich oder pleite / Moslem oder Christ, Hindu oder Heide / du bist grün oder blau, schwarz oder weiß / was ist gut für den Körper, für die Seele, für den Geist? / Der Tanz!“


Dem Heidentum verfallen

Von Nils Graefe
Ausgiebiger als sonst im Garten zu arbeiten ist ja in diesen Zeiten nichts Besonderes. Und was die selbst gesäten Lupinen nach dem Austreiben angeht, insbesondere der Blütendolden: Diese gegen gierige Nacktschnecken zu verteidigen, auch das habe ich nicht zum ersten Mal getan. Wobei: Die schleimigen Todfeinde eines jeden Möchtegern-Gärtners ließen sich dieses Corona-Frühjahr ja eigentlich eher selten blicken. Es war lange Zeit einfach zu trocken und heiß. So sind wir also endlich beim eigentlichen Thema meiner Kurzabhandlung: Es regnet. Die ausgedörrten Böden saugen die Feuchtigkeit gierig auf. Pflanzen lassen sich nicht mehr hängen, Blätter öffnen sich wieder der Welt, es grünt und gedeiht. Und wenn auch meine Lupinen vor lauter Wasserlast die steilen Blütenköpfe hängen lassen, die Natur frohlockt. Zu guter Letzt verrate ich Ihnen nun ein Geheimnis. Der Regen ist mein Werk! Besser gesagt, jenes des Tarhunna. Wie so oft in meinem Leben hatte ich zunächst tagelang Gott und Petrus um Regen angefleht. Sie schenkten mir wochenlang keinen. Erst als ich dann am Samstag zum allerersten Mal Tarhunna in meiner Gärtnernot beschwor, meine Wassertonnen wieder zu füllen und mein Gärtnerwerk nicht verdorren zu lassen, donnerte und tröpfelte es. Der dann endlich am Montag einsetzende Landregen hat mich nun also das erste Mal in meinem Leben effektiv zum Heiden gemacht.
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