Rems-Murr-Kreis

In der Coronakrise: Rettungssanitäter gehen auf Abstand

DRK
Nach getaner Arbeit wieder aus dem Schutzanzug rauszukommen, ist die schwierigste Aufgabe für die Rettungssanitäter. Denn sie dürfen sich auch im Nachhinein nicht mit dem Coronavirus infizieren. © ALEXANDRA PALMIZI

„Heiß und stickig.“ So beschreibt Gabriel Schuster kurz und bündig das Gefühl, wie es sich im Schutzanzug arbeitet. Unter der Maske geht der Atem schwer. Die Brille beschlägt. Nach wenigen Minuten sind die vermummten Rettungssanitäter schweißgebadet. Jeder ist froh, nach dem Einsatz Maske, Brille, Handschuhe und Anzug loszuwerden. Doch nun beginnt erst der heikelste Moment des Einsatzes. Die möglicherweise infizierte Schutzausrüstung so auszuziehen, dass sich die Sanitäter nicht doch noch mit dem Coronavirus anstecken, vor dem sie die Vermummung eigentlich schützen soll.


Jörg Behrens demonstriert in der DRK-Rettungswache in Waiblingen die langwierigen Prozeduren des Ein- und Auskleidens bei den Schutzanzügen. Er ist einer der beiden Desinfektoren beim Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes. Ihre Fachkenntnis hat maßgeblich dafür gesorgt, dass sich kein Sanitäter beim DRK Rems-Murr während der vergangenen Einsätze mit dem Coronavirus infiziert hat. Im Januar, als sich Meldungen über eine neuartige Lungenkrankheit in China häuften, dachte Behrens erstmals an den Pandemieplan, den er und sein Kollege Holger Neuerer im Jahr 2015 vor dem Hintergrund der Ebola-Epidemie in Afrika für den Rems-Murr-Kreis ausgearbeitet hatten.

„Ich hätte nie gedacht, dass wir den Pandemieplan anwenden müssen“

Mitte Februar zog er den 50-seitigen Plan aus der Schublade, der darauf abzielt, wie der Betrieb des Rettungsdienstes während einer Pandemie aufrechterhalten werden kann. „Ich hätte nie gedacht, dass wir den jemals anwenden müssen“, sagt Behrens nun ein Vierteljahr später.

Neuerer und Behrens waren bei den ersten Einsätzen, bei denen ein Covid-19-Verdacht bestand, persönlich mit dabei. Sie packten mit an und sorgten dafür, dass die Sanitäter nicht zuletzt zu ihrem eigenen Schutz die Vorschriften beachteten. Er erinnert sich an die erste Covid-Fahrt im März, als das DRK zu einer Person gerufen wurde, die hustete, Fieber hatte und gerade aus China zurückgekehrt war. Sein erster Gedanke: „Jetzt ist der Fall da!“ Später zeigte sich, dass der Patient kein Covid-19 hatte. Aber die Pandemie rollte an und stellte den Rettungsdienst vor enorme Herausforderungen. Die rund 160 Sanitäterinnen und Sanitäter und die 30 Mitarbeiter in der integrierten Leitstelle, wo die Notrufe 112 und 116 117 einlaufen, mussten sich über Nacht auf eine neue, völlig unbekannte Lage einstellen.


„Die größte Schwierigkeit war, dass es sich bei dem Virus um etwas Unsichtbares handelt“, sagt Rettungsdienstleiter Marco Flittner. Die Sanitäter sind Nähe zum Patienten gewohnt. Nun war plötzlich jeder Patient ein potenzieller Träger des Coronavirus – und damit eine Gefahr. Abstand zu halten und zunächst Schlüsselfragen zu einer möglichen Cororaninfektion zu stellen, verstörte nicht nur viele Patienten („Ich habe doch kein Covid!“). Es irritierte auch die Sanitäter. Doch wenn ein paar Grundregeln eingehalten werden, ließe sich die Gefahr einer Epidemie eindämmen. Dieser richtige Umgang mit Patienten und Kollegen war im Pandemieplan bereits formuliert, sagt Flittner. „Wenn wir bei Null angefangen hätten, hätten wir's nicht so schnell geschafft.“

Ein zweiter Pluspunkt für das DRK Rems-Murr ist aus Sicht von Flittner, dass der Kreisverband schon vor Corona diese beiden Desinfektoren fest beschäftigte. Sie kümmern sich im Rettungsdienst, aber auch in den anderen Bereichen des Roten Kreuzes und in den Ortsvereinen um das weite Feld der Hygiene- und Infektionsprävention. In der Krise waren sie gefordert, zunächst den Rettungsdienst vor Corona zu schützen und aufrechtzuerhalten.

„Das Risiko, eine Rettungswache lahmzulegen, ist unverändert hoch“

So musste die integrierte Leitstelle, das Gehirn des Rettungsdienstes im Rems-Murr-Kreis, coronasicher gemacht werden. Nicht auszudenken, wenn eine Infektionswelle diese 30 Mitarbeiter erfasst hätte – und es beim Notruf 112 geheißen hätte: „Kein Anschluss unter dieser Nummer.“ Die fünf Mitarbeiter in einer Schicht arbeiten seither nicht mehr wie gewohnt Seite an Seite in einem engen Raum, sondern sie sind über den ganzen zweiten Stock verteilt. Es zeigte sich, dass es technisch sogar möglich wäre, die Leitstelle aus dem Home-Office funktionsfähig zu halten. Verändert hat sich jedoch die tägliche Arbeit, sagt Flittner. Nicht nur zum Vorteil. Kurze Zurufe von Schreibtisch zu Schreibtisch gibt es nun nicht mehr.

„Das Risiko, durch eine Infektion eine Rettungswache lahmzulegen, ist unverändert hoch“, sagt Flittner – ungeachtet der sinkenden Infektionsraten. Nach einem Vierteljahr zieht der Rettungsdienstleiter ein insgesamt positives Fazit unter das Geleistete. Grundsatz beim DRK war, sich strikt an die Vorgaben des Robert-Koch-Institutes zu halten und so das Risiko gering zu halten. Bei rund einem Dutzend DRK-Beschäftigter bestand eine Infektionsgefahr. Sie wurden sofort zwei Wochen in häusliche Isolation geschickt. Ein paar wenige Mitarbeiter steckten sich mit Corona an, aber keiner von ihnen bei DRK-Einsätzen, sondern durch private Kontakte, betont Flittner. „Wir hatten keine Infektionskette im Haus.“


Die Corona-Pandemie wirkt sich direkt auf die Kassenlage des DRK-Kreisverbandes aus. Durch den Lockdown sank die Zahl der Einsätze um rund ein Drittel. Es gab kaum noch Sport-, Schul- oder Arbeitsunfälle, die werktags normalerweise das Gros der Einsätze ausmacht. Für die Mitarbeiter ganz angenehm, nicht mehr im Dauerstress zu stehen. Stattdessen aber dauern Einsätze länger und sind anstrengender. Vor allem wenn Schutzausrüstung angezogen werden muss. Zudem müssten die Fahrzeuge nach jedem Einsatz sorgfältig desinfiziert werden. An den Kliniken in Schorndorf und Winnenden richtete das DRK deshalb zwei Dekontaminationsstationen ein, in denen die Fahrzeuge nach den Einsätzen gereinigt werden, um schneller für den nächsten Einsatz bereit zu sein.

Weniger Einsätze bedeuten für das DRK weniger Einnahmen. Gleichzeitig schnellten die Ausgaben in die Höhe. Die Schutzausrüstungen zu beschaffen, kostet eine Menge Geld. Flittner hofft, dass bei den Budgetverhandlungen mit den Krankenkassen eine Lösung gefunden wird, bei der die Rettungsdienste nicht auf ihren Verlusten sitzenbleiben. Finanziell weniger gut aufgestellten DRK-Kreisverbänden könnte der Schutz der Mitarbeiter sogar die Existenz kosten.

Viele Bürger gehen wegen des Coronavirus nicht ins Krankenhaus

Sorgen macht Flittner, dass viele Bürger wegen des Coronavirus einen Bogen um die Krankenhäuser machen. Sie fürchten eine Corona-Infektion. Seiner Meinung nach zu Unrecht. An den Zahlen der im Krankenhaus behandelten Schlaganfall- und Herz-Kreislauf-Patienten ließe sich jedoch diese fatale Entwicklung ablesen. Die große Gefahr sei, dass Krankheiten verschleppt werden und gerade bei diesen beiden Krankheitsbildern langwierige, oft unheilbare Folgeschäden auftreten. Keineswegs Einzelfälle seien auch Personen, die sich nach einem Unfall weigern, im Sani mitzufahren und sich in der Klinik weiterbehandeln zu lassen.


Wenn für die Sanitäter ein covidverdächtiger Einsatz endet, wollen sie möglichst schnell aus ihrer Schutzausrüstung raus. Beim Ausziehen sei besondere Sorgfalt gefragt, sagt Desinfektor Jörg Behrens und demonstriert, wie dies mit Hilfe eines Kollegen korrekt funktioniert: Handschuhe, Schuhe und Schutzanzug desinfizieren; Anzug am Rücken mit der Schere vorsichtig aufschneiden, diesen vorsichtig von hinten über den Kopf ziehen und in einer Plastiktüte entsorgen; Brille und Maske abnehmen. All dies sei inzwischen bei seinen Sanitätern zur Routine geworden, freut sich Behrens. Seine Angebote, sie bei Einsätzen zu unterstützen, werden abgelehnt und als nicht mehr notwendig erachtet. Die Sanitäter wüssten selbst genau, wie sie mit dem Virus umgehen müssen, um sich vor einer Coronainfektion schützen. Der Selbstschutz ist ihnen in Fleisch und Blut übergegangen.

„Heiß und stickig.“ So beschreibt Gabriel Schuster kurz und bündig das Gefühl, wie es sich im Schutzanzug arbeitet. Unter der Maske geht der Atem schwer. Die Brille beschlägt. Nach wenigen Minuten sind die vermummten Rettungssanitäter schweißgebadet. Jeder ist froh, nach dem Einsatz Maske, Brille, Handschuhe und Anzug loszuwerden. Doch nun beginnt erst der heikelste Moment des Einsatzes. Die möglicherweise infizierte Schutzausrüstung so auszuziehen, dass sich die Sanitäter nicht doch noch

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