Rems-Murr-Kreis

In der Schuldenfalle wegen Corona? Hilfe suchen!

Schuldnerberatung
Susanne Hardt, Schuldnerberaterin des Kreisdiakonieverbands in Schorndorf, schaut sich jeden Einzelfall ganz genau an. © Gabriel Habermann

Lieber zu früh den Rat von Experten in Anspruch nehmen, als erst dann, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Das gilt grundsätzlich, aber ganz besonders in Zeiten von Corona, sagen Schuldnerberaterin Susanne Hardt und der stellvertretende Geschäftsführer Reinhard Bihlmeyer vom Kreisdiakonieverband Rems-Murr. Und: In Geldnot zu geraten, ist nichts, wofür man sich schämen muss.

Der klassische Schuldner, so das Klischee, ist jemand, der seine Finanzen nicht im Griff hat, deshalb schlecht haushaltet oder schlicht über seine Verhältnisse lebt. Stimmt aber nicht, betont Reinhard Bihlmeyer. Er verweist auf die im jährlichen Schuldneratlas veröffentlichten Zahlen: Im Jahr 2019 galten 7,87 Prozent der Bevölkerung im Rems-Murr-Kreis als überschuldet, „aber im Regelfall war das kein Versagen des Einzelnen“. In der Tat waren rund 50 Prozent der Betroffenen wegen solcher Gründe in die finanzielle Schieflage geraten: Arbeitslosigkeit, Trennung, Scheidung, Tod des Partners, Erkrankung, Unfall.

Weniger Geld, aber Fixkosten bleiben 

Während der Coronakrise ist die Gefahr naturgemäß noch höher, unverschuldet Rechnungen nicht mehr bezahlen zu können. Zahlreiche Menschen müssen mit weniger Geld auskommen, während die Fixkosten konstant bleiben. Ein großes Problem sei der Wegfall von Minijobs, sagt Bihlmeyer. Susanne Hardt (41), die in Schorndorf für den Diakonieverband arbeitet, fügt hinzu: „Viele Leute sind in Kurzarbeit und bekommen nur noch 60, 70 Prozent ihres Gehalts. Und man weiß ja nicht, wie lange das noch so geht.“

Die Akzeptanz für Menschen in finanzieller Notlage sei wegen Corona derzeit besonders hoch, unterstreicht Reinhard Bihlmeyer. Der 50-Jährige weiß aber auch, dass es große Überwindung kostet, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Susanne Hardt sagt mit der Erfahrung von über zehn Jahren als Schuldnerberaterin: „Obwohl man vielleicht nichts für seine Lage kann, empfindet man viel Scham. Die Begriffe Schuldner und Schuld liegen eng beieinander.“ Doch es ist wie bei der Vorsorgeuntersuchung: Wer zu lange zögert, riskiert, dass es für eine Rettung zu spät ist.

Die Gefahr: Alle Fälle kommen auf einen Schlag

Wegen Corona sieht der Kreisdiakonieverband eine Welle auf die Schuldnerberater zukommen. Schon damit die Fälle nicht alle gleichzeitig eintreffen, werben Bihlmeyer und Hardt dafür, sich möglichst frühzeitig zu melden. Wer keinen Überblick mehr über seine Finanzen habe oder das Gefühl, es laufe etwas schief, solle sich nicht scheuen, zum Hörer zu greifen.

„Meist findet der Erstkontakt über unsere ehrenamtlichen Schuldnerberater statt. Da geht es darum, sich erst mal einen Überblick zu verschaffen“, erklärt Susanne Hardt. Zur eigentlichen Beratung kommen die Betroffenen normalerweise ins Büro, derzeit wird wegen der Kontaktsperre aber viel aufs Telefon zurückgegriffen. Muss ein Haushaltsplan aufgestellt werden? Herrscht Chaos in den Unterlagen und geht es erst einmal darum, Schuldensumme und Gläubiger zu ermitteln? Die Beraterinnen und Berater helfen da, wo’s nötig ist. Im Idealfall ist die Sache schnell erledigt.

Bihlmeyer: Vorsicht vor kommerziellen Anbietern

Susanne Hardt und Reinhard Bihlmeyer raten dringend dazu, sich bei Finanzproblemen an kommunale Schuldnerberater oder eben an jene der freien Träger – im Kreis Diakonie und Arbeiterwohlfahrt – zu wenden. Denn gewerbliche Anbieter, die Geld verlangen, seien nicht selten unseriös. „Viele bieten schlechte Beratung an. Das sind Schuldenregulierer“, warnt Bihlmeyer. Betroffene würden schnell ins Privatinsolvenzverfahren geschickt.

Und das sei oft gar nicht nötig – wenn die gesamte Lebenssituation eines Schuldners berücksichtigt werde. So wie bei der Diakonie: „Unsere Stellen können auf andere Kollegen zurückgreifen, zum Beispiel, wenn beim Betroffenen eine Suchtproblematik besteht.“ Heißt: Nur eine soziale Schuldnerberatung ist auch eine gute.

Lieber zu früh den Rat von Experten in Anspruch nehmen, als erst dann, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Das gilt grundsätzlich, aber ganz besonders in Zeiten von Corona, sagen Schuldnerberaterin Susanne Hardt und der stellvertretende Geschäftsführer Reinhard Bihlmeyer vom Kreisdiakonieverband Rems-Murr. Und: In Geldnot zu geraten, ist nichts, wofür man sich schämen muss.

Der klassische Schuldner, so das Klischee, ist jemand, der seine Finanzen nicht im Griff hat,

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