Rems-Murr-Kreis

In Kitas fehlt Personal: Rems-Murr-Kreis steht bei Kinder-Betreuung schlecht da

Kindergarten
Nie wurden mehr Kinder tagsüber betreut, und doch reichen die Plätze nicht aus. © ALEXANDRA PALMIZI

Zu wenig Plätze, ein weiterer Ausbau ist nötig, und doch gibt es schon jetzt zu wenig Personal: Die Kindertagesbetreuung im Rems-Murr-Kreis steht vor „riesigen Herausforderungen“, sagte Jugendhilfeplaner Andreas Ockert in der Sitzung des Jugendhilfeausschusses des Kreistags. In allen Bereichen werden zusätzliche Betreuungsplätze gebraucht, sowohl für unter dreijährige Kinder als auch für Kindergarten- und Schulkinder.

In jedem Fall wird das Geld kosten. Die zentrale Frage ist aber vor allem, wer die Kinder betreuen soll. Denn in den Kitas fehlt Personal. Dass seit September fehlende Fachkräfte durch die doppelte Zahl an nicht-pädagogischen Kräften ersetzt werden können, sofern der Mindestpersonalschlüssel um nicht mehr als 20 Prozent unterschritten wird, sei keine langfristige Lösung.

Den fehlenden Erzieherinnen und Erziehern steht eine immer größere Zahl von Kindern gegenüber. Die Zahl der Geburten im Rems-Murr-Kreis stieg von 3329 im Jahr 2010 auf konstant deutlich mehr als 4000 seit dem Jahr 2017. Eigentlich eine erfreuliche Entwicklung, die jedoch das Betreuungsproblem verschärft. Hinzu kommt eine steigende Zahl an Schutzsuchenden aus der Ukraine, deren Kinder einen Betreuungsplatz brauchen.

Die Betreuungsquoten variieren von Kommune zu Kommune

Auch der strukturelle Wandel in der Gesellschaft wirkt sich aus: In immer mehr Familien sind beide Elternteile berufstätig, Großeltern oder andere Verwandte oft nicht in der Nähe und die Zahl der Alleinerziehenden steigt. Sie alle sind in besonderem Maß auf eine verlässliche Kinderbetreuung angewiesen. Die Folge: Nie wurden mehr Kinder in einer Kindertagesbetreuung betreut als heute. Fast 18 000 Kinder werden 2022 im Rems-Murr-Kreis in einer Einrichtung betreut, weitere gut 1000 Kinder in der Kindertagespflege. Zum Vergleich: 2010 wurden gerade einmal knapp 15.000 Kinder in einer Einrichtung und knapp 600 in der Kindertagespflege betreut.

Am deutlichsten ist der Anstieg bei den unter Dreijährigen. Doppelt so viele Kinder in diesem Alter werden in Kindertageseinrichtungen 2022 betreut wie 2010. Dennoch hat der Kreis im Vergleich mit anderen Landkreisen eine mittelmäßige bis schlechte Betreuungsquote, so Ockert. 21 Prozent der unter Dreijährigen haben einen Betreuungsplatz in einer Einrichtung im Rems-Murr-Kreis. Teilweise könne dieses Defizit durch Tagespflege ausgeglichen werden, so werden knapp sechs Prozent der Kinder betreut. Bei Tageseltern gab es für unter Dreijährige einen leichten Zuwachs, während die Zahl der Tagespflegepersonen insgesamt leicht zurückging.

Wie groß die Chancen sind, einen Betreuungsplatz zu bekommen, hänge stark von Wohnort ab. Die schlechtesten Betreuungsquoten gebe es aktuell im Rems-Murr-Kreis in Kommunen mit 10.000 bis 25.000 Einwohnern.

Dabei haben Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Seit dem 1. August 2013 gibt es für Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz, entweder in einer Kindertageseinrichtung oder bei einer Tagesmutter oder einem Tagesvater. Sogar schon seit 1996 haben alle Kinder ab dem vollendeten dritten Lebensjahr bis zum Schuleintritt Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz.

Für diesen Anspruch ist in der Regel der Landkreis in der Gesamtverantwortung, auch wenn die örtliche Bedarfsplanung bei den Kommunen liegt. Kürzlich hatte das Verwaltungsgericht Stuttgart beispielsweise dem Landkreis Böblingen ein Zwangsgeld angedroht, wenn er einem dreijährigen Mädchen nicht innerhalb einer festgelegten Frist einen angemessenen Betreuungsplatz zur Verfügung stellt.

Situation wird sich weiter zuspitzen

Diese Verantwortlichkeit soll sich im Rems-Murr-Kreis nun ändern, die Kommunen künftig verantwortlich sein für die Erfüllung sowie auch für eventuelle Schadenersatzansprüche, die Eltern wegen Verdienstausfalls aufgrund fehlender Betreuung geltend machen können. Doch egal ob Landkreis oder Kommune letztlich verantwortlich sind: Der Rechtsanspruch kann von Eltern nur dann durchgesetzt werden, wenn es überhaupt freie Plätze gibt und damit ein Verschulden von Seiten der Kommune vorliegt.

Eine weitere Zuspitzung der ohnehin angespannten Lage bei der Kinderbetreuung erwartet das Kreisjugendamt von 2026 an, wenn auch für Kinder im Grundschulalter ein gesetzlicher Anspruch auf Ganztagsbetreuung gelten soll.

Allein: Rein rechnerisch ist praktisch keiner dieser Ansprüche flächendeckend umsetzbar, laut Ockert fehlen rund 1000 Mitarbeitende. Umso wichtiger sei deshalb die sogenannte Bedarfsplanung: Erstmals gab es ein kreisweites Informations- und Austauschforum in Präsenz. Es brauche eine „kluge Planung“, so Ockert. Der Trend gehe zurzeit dahin, dass beispielsweise verlängerte Öffnungszeiten von Kindertageseinrichtungen zurückgenommen würden, um weitere Plätze zu schaffen. In diesem Zusammenhang müsse auch darüber nachgedacht werden, wie vielleicht wieder verstärkt familiäre Netzwerke oder Familien gegenseitig bei der Betreuung einspringen könnten. Ein wichtiges Thema bei der Bedarfsplanung sei aber auch mehr Flexibilität in der Betreuung. Denn nicht alle Eltern brauchten fünf Tage pro Woche eine ganztägige Betreuung, sondern teilweise reichten auch ein Halbtagsplatz oder einzelne Nachmittage.

Zu wenig Plätze, ein weiterer Ausbau ist nötig, und doch gibt es schon jetzt zu wenig Personal: Die Kindertagesbetreuung im Rems-Murr-Kreis steht vor „riesigen Herausforderungen“, sagte Jugendhilfeplaner Andreas Ockert in der Sitzung des Jugendhilfeausschusses des Kreistags. In allen Bereichen werden zusätzliche Betreuungsplätze gebraucht, sowohl für unter dreijährige Kinder als auch für Kindergarten- und Schulkinder.

{element}

In jedem Fall wird das Geld kosten. Die zentrale Frage

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper