Rems-Murr-Kreis

In Max Müllers Spezial-Trauergruppe sprechen sogar Männer über Gefühle: "Jeder trauert anders"

Trauergruppe
Max Müller hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert. © Gabriel Habermann

Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Trauer vergeht nicht wie ein Schnupfen, Trauer bleibt. Mal tritt sie einem zarten Schleier gleich kaum spürbar in Erscheinung. Mal schnürt sie einem regelrecht den Hals zu.

Max Müllers Frau starb im März 2017 an Krebs, nur wenige Wochen nach der Diagnose. Sie wurde nur 66 Jahre alt. Kurz nach ihrem Tod begann Max Müllers Ruhestand. Sein Rentnerdasein hatte er sich anders vorgestellt.

Als liefe ein Film ab, erzählt der 68-Jährige die Geschichte. Er erinnert sich sehr genau an Daten, Uhrzeiten, Details. Und noch heute, dreieinhalb Jahre später, muss er innehalten und durchatmen, sobald die Erinnerung Raum greift und die Gefühle von damals wieder hochsteigen.

Wie fühlst du dich?

Jetzt geht’s dir doch aber wieder gut, oder? Jemand fragte ihn das sechs oder acht Wochen nach dem Tod seiner Frau, und solch ein unbedachter Satz trifft ins Mark. Trauer verändert sich zwar im Lauf der Zeit, aber „Trauer endet nicht“, sagt Max Müller. Mitmenschen legt er ans Herz, Trauernde nur dann nach dem Befinden zu fragen, wenn echtes Interesse besteht, „wenn man bereit ist, ins Gespräch zu kommen.“ Die Wie-geht’s-dir-Floskel eignet sich höchstens als Aufhänger für weitere Fragen: Was machst du? Wie fühlst du dich?

In seiner Trauergruppe speziell für Männer sprechen sie über diese Dinge. Trauern Männer anders? Mit dieser Frage kam Max Müller nach dem Tod seiner Frau recht schnell in Berührung, und sie lässt ihn seither nicht mehr los. In verschiedenen Gruppen fand er Halt und Hilfe, und in Gesprächen spürte er, „der Bedarf ist relativ groß, Hintergründe zu hören.“ Sein Interesse am Thema und die eigene Betroffenheit führten den Schwaikheimer zur Trauerbegleiter-Ausbildung. Die Seminarwochenenden nutzte er, um die eigene Geschichte aufzuarbeiten, anderen zuzuhören, sich tief auf die Thematik einzulassen. Ein Anruf später beim Kreisdiakonieverband genügte, und die Idee war geboren: Wir gründen eine Trauergruppe extra für Männer.

Unbefangenerer Austausch ohne Frauen

Männer seiner Generation „tun sich mit Gefühlen extrem schwer“, sagt der Schwaikheimer. In der Gruppe fällt es leichter, über Empfindungen zu sprechen, zumal alle ähnliche Situationen kennen. „Trauer ist ein Gefühl“, sagt Max Müller, und bei den Treffen „tut es allen sehr gut, darüber zu reden.“ Zudem plagen sich Witwer im Rentenalter mit anderen Schwierigkeiten als Frauen, die allein zurückbleiben. Max Müller hat so gut wie nie selbst gekocht, räumt er ein, und welche Kleidungsstücke man bei welcher Temperatur wäscht, musste er erst lernen. Die Tochter half, und der Schwaikheimer schrieb akribisch Merk-Kärtchen, notierte Rezepte, schweißte seine Notizen ein – und erarbeitete sich auf diese Weise eine Art Anleitung für den Alltag.

Über diese Alltagsdinge tauschen sich die Männer in der Trauergruppe unbefangener aus, eben weil keine Frauen dabei sind. Partnerinnensuche bleibt in einer reinen Männergruppe naturgemäß außen vor; auch das entlastet das Zusammensein. Es hat sich inzwischen ein harter Kern von sechs Männern gebildet, die ein Treffen nur versäumen, sofern ein echt triftiger Grund vorliegt.

Noch nach Jahren die Kleider im Schrank

Zu sehr sollte die Gruppe nicht wachsen, weshalb Max Müller eine neue Männergruppe eröffnen wird, sollten sich genügend Interessenten melden. Trauernden steht jetzt im Herbst eine Zeit bevor, die sich besonders belastend anfühlen kann. Die Adventszeit, dann Weihnachten – und nichts ist, wie es war. An Feiertagen, an Gedenktagen schmerzt der Verlust besonders schwer, zumindest empfinden viele Menschen das so. „Jeder trauert anders“, auch das ist eine Erkenntnis, die Max Müllers Umgang mit Betroffenen prägt. Er hat Menschen kennengelernt, die noch nach Jahren die Kleider ihrer verstorbenen Partnerin im Schrank hängen haben. Auf andere wirkt das unerträglich. Manche müssen unbedingt jeden Tag zum Friedhof, um dort innere Dialoge mit der Verstorbenen zu führen. Andere spüren die Verbundenheit unabhängig von einem bestimmten Ort, oder das Grab befindet sich auf einem Hunderte Kilometer entfernten Friedhof, so dass seltenen Besuchen dort ein ganz anderer Stellenwert zukommt. Kontakte zu Paaren, mit denen man früher viel unternommen hatte, pflegen Witwer weiterhin – oder sie ziehen sich zurück oder werden seltener eingeladen. Es gibt kein "Richtig" oder "Falsch", schon gar keine Regeln für die Zeiten der Trauer.

Bei einer Übung im Trauerbegleiter-Seminar führte ein Teilnehmer einen anderen, der die Augen verbunden hatte, durch einen Parcours, erzählt Max Müller. Dabei wurde ihm bewusst, „es ist nicht der Trauerbegleiter, der führt, sondern der Trauernde sagt, was er braucht.“

Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Trauer vergeht nicht wie ein Schnupfen, Trauer bleibt. Mal tritt sie einem zarten Schleier gleich kaum spürbar in Erscheinung. Mal schnürt sie einem regelrecht den Hals zu.

Max Müllers Frau starb im März 2017 an Krebs, nur wenige Wochen nach der Diagnose. Sie wurde nur 66 Jahre alt. Kurz nach ihrem Tod begann Max Müllers Ruhestand. Sein Rentnerdasein hatte er sich anders vorgestellt.

Als liefe ein Film ab, erzählt der 68-Jährige die Geschichte.

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