Rems-Murr-Kreis

Inzidenz Rems-Murr und Stuttgart: Corona-Rechnen für Durchgeknallte

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Wer soll da eigentlich noch durchblicken? © pixabay/RobinHiggins

Mist! Jetzt ist wieder alles anders. Unsere Inzidenz ist nicht mehr unter 100. Aber egal. Für die Aufarbeitung dieses Wahnsinns ist das nicht von Belang. Erinnern wir uns an den Donnerstag, der noch unter der 100er-Grenze lag. An diesem Tag wogte der Unmut: War das Landratsamt zu blöde? Hinkte es hinterher? Mal wieder?

Inzidenzen-Bürokratie und Corona-Tage-Zählerei

Normalerweise wird nicht aus der Redaktion geplaudert. Jetzt aber doch. Denn die zitierte Mail steht für die Gefühle eines Kreises, ach was, eines Bundeslandes, ganz Deutschlands. Es geht um die Corona-Tage-Zählerei. Um Inzidenzen-Bürokratie. Um das Warten auf Öffnung. Ums Leben und den ganzen Rest. Der Kollege schrieb: „Ich glaube nicht, dass die falsch zählen. Die zählen halt anders.“ Die existenzielle Frage lautete: „Warum sollte der Rems-Murr-Kreis das nicht auch so handhaben?“

Was war los? Wer zählte anders? Stuttgart! Die Landeshauptstadt. Der Sitz der Landesregierung. Der Regierungsbezirk von Frank Nopper, dem für seine furchtlos-schneidige Dynamik berühmten ehemaligen Meister der Murr-Metropole Backnang.

Stuttgart hatte verkündet: Am Pfingstmontag können alle Gaststätten öffnen. Am Pfingstmontag geschieht das „Pfingstwunder“. Stuttgart läutete den Fall der „Bundesnotbremse“ und den „Öffnungsschritt 1“ des „Stufenplans für sichere Öffnungsschritte“ ein. Stuttgart zählte Tage.

Damit war Stuttgart nicht allein. Auch im Rems-Murr-Kreis wurde gezählt. Denn wie Stuttgart war auch der Rems-Murr-Kreis bei den Inzidenzen unter die magische Grenze von 100 gerutscht.

Ein ausuferndes Vorschriftenwerk 

Was Corona betrifft, gibt es für alles ein ausuferndes Vorschriftenwerk, in dem durchgeknallte Rechenaufgaben integriert sind, deren Herausforderung in Wenns und Abers besteht, die durch Ausnahmen von der Regel ausgehebelt werden.

Das gilt auch für Öffnungsschritt 1. Sven Hahn, Geschäftsführer der City-Initiative Stuttgart, schrieb diesbezüglich eine nach Verzweiflung klingende Mail an Dr. Albrecht Stadler, den Leiter des Stuttgarter Ordnungsamts. Er fragte: „Sollten wir auch in den kommenden Tagen unter dem Wert von 100 bleiben, wann tritt die entsprechende Lockerung in Kraft?“ Stuttgart war am Dienstag, 18. Mai, erstmals unter 100.

Stadler antwortete mit einer Auflistung von Sätzen, Absätzen, Buchstaben, Zahlen: „Für die Bekanntmachung des Tages des Außerkrafttretens gilt Absatz 1 Satz 3 und 4 entsprechend. Ist die Ausnahme des Absatzes 1 Satz 1 Nummer 4 Halbsatz 2 Buchstabe b wegen Überschreitung des Schwellenwerts von 150 außer Kraft getreten, gelten die Sätze 1 bis 3 mit der Maßgabe entsprechend.“

Daraus schloss er: „Nach unserem Verständnis wären alle Einschränkungen der Bundesnotbremse und damit auch die vollständige Schließung der Gastro ab Pfingstmontag, 0 Uhr, außer Kraft.“

Damit der Leiter des Stuttgarter Ordnungsamts auch für den normal coronaverzweifelten Menschen zu verstehen ist: Die Regel für den Öffnungsschritt 1 verlangt, dass die Inzidenz an fünf Werktagen hintereinander unter 100 liegen muss. Samstage zählen als Werktag. Sonn- und Feiertage werden nicht mitgezählt. Am fünften Werktag kommt eine Bekanntmachung, die am übernächsten Tag in Kraft tritt. Dieser übernächste Tag ist der Tag der wiedergewonnenen Freiheit.

Vier volle Tage Verzögerung?

Wieso aber kam Stuttgart auf Pfingstmontag, 24. Mai, während der Rems-Murr-Kreis – nur einen einzigen Tag später dran mit der Inzidenz unter 100 – erst für frühestens Freitag, 28. Mai, die Öffnung erwartete? Vier volle Tage Verzögerung! Ewigkeiten!

„Ha!“, tönte es durch den Rems-Murr-Kreis. Die haben schon mal falsch gezählt. Click & Meet wollten sie auch erst ab Samstag, 22. Mai, erlauben. Da mussten sie zurückrudern, und es ging schon Freitag, 21. Mai, los. Auf Facebook wagte gar jemand zu urteilen: „Leute, wann merkt ihr endlich, dass wir nur verarscht werden und die ihre Zahlen machen, wie sie es brauchen, um uns weiter unter Kontrolle zu haben“.

Und noch eine Regel

Die Redaktion hat lange über die Click & Meet-Aufregung nachgedacht. Und ist jetzt überzeugt: Dieser glücklicherweise wieder rückgängig gemachte Fehler liegt am ausufernden Vorschriftenwerk, in dem durchgeknallte Rechenaufgaben ... Und daran, dass es noch eine Regel gibt. Es gilt nämlich als Zähl-Beginn-Termin die Verkündung der Inzidenz durch das Robert-Koch-Institut. Und die kommt stets mit einem Tag Verzögerung. Bei Click & Meet war der Kreis am Donnerstag, 13. Mai, erstmals unter 150 und meldete das dem RKI. Dieses verkündete Selbiges am Freitag. Wer ab da zählt, den Sonntag auslässt, den Puffertag einrechnet, kommt auf Freitag, 21. Mai. Das Landratsamt aber dachte an die Regel mit den nicht zählenden Feiertagen, dachte, dass die Verkündung des RKI vom Freitag nicht zählt, weil der Donnerstag Fronleichnam war. Falsch. Denn das RKI verkündete ja an einem Werktag. Nicht kapiert? Egal.

Der Zählbeginn aber ist elementar wichtig. Stuttgart nämlich zählte, um den Pfingstmontag anpeilen zu können, ab dem ersten Tag der Inzidenz unter 100. Also ab Dienstag. Das RKI verkündete diese Inzidenz aber erst am Mittwoch. Ab da gezählt, darf Stuttgart erst ab Donnerstag, 27. Mai, öffnen. Einen Tag vor dem Rems-Murr-Kreis. Das würde eher passen, oder?

Die Stuttgarter Zählweise

Nachgefragt bei der Stadt Stuttgart, hieß es dazu: „Wir greifen der nachgelagerten Zählung des RKI vor“ – was ein bisschen nach „alternative facts“ klingt.

Stuttgart ist mit dem Vorgreifen vom Nachgelagerten nicht durchgekommen. Das Sozialministerium schrieb in einer Mail an die Redaktion: „Leider wird das nicht funktionieren.“ Es klang nach leichtem Unmut.

Stuttgart ist zurückgerudert, der Rems-Murr-Kreis rehabilitiert. Und die Corona-Pandemie hat neben all dem Schrecklichen, was sie virusbedingt mit sich bringt, noch eine jetzt nachgewiesene Nebenwirkung. Sie hinterlässt Hirnverknotungen.

Mist! Jetzt ist wieder alles anders. Unsere Inzidenz ist nicht mehr unter 100. Aber egal. Für die Aufarbeitung dieses Wahnsinns ist das nicht von Belang. Erinnern wir uns an den Donnerstag, der noch unter der 100er-Grenze lag. An diesem Tag wogte der Unmut: War das Landratsamt zu blöde? Hinkte es hinterher? Mal wieder?

Inzidenzen-Bürokratie und Corona-Tage-Zählerei

Normalerweise wird nicht aus der Redaktion geplaudert. Jetzt aber doch. Denn die zitierte Mail steht für die

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