Rems-Murr-Kreis

Ist Corona seit Omikron nicht mehr gefährlich? Und die Varianten BA.4 und BA.5?

Corona Virus
Omikron und alle bisherigen Untervarianten sind hoch ansteckend – auch für Geimpfte und Genesene. © Pixabay

Die Corona-Variante Omikron mutiert vor sich hin und sorgt für hohe Inzidenzen, die jetzt mit dem Einbruch der kalten Jahreszeit noch zunehmen werden. Doch gibt es kaum mehr Covid-Intensivpatienten und „wenig“ -Tote. Ist Corona gar nicht mehr gefährlich? Wie risikoreich sind insbesondere die Omikron-Mutationen? Und: Was ist von den neuen Impfstoffen zu halten? Experten des Rems-Murr-Klinikums Winnenden, des Klinikums Stuttgart und des Robert-Bosch-Krankenhauses geben Antworten.

Die aktuelle Corona-Lage: „Nicht mehr akut“ – „gut“ – „kontrolliert“

In ganz Baden-Württemberg waren am Donnerstagnachmittag (15.9.) laut Divi-Intensivregister gerade einmal 2,9 Prozent der Intensivbetten von Covid-Patienten belegt. Anders gesagt: „Nur“ 63 Covid-Patienten sind momentan in intensivmedizinischer Behandlung im Ländle. „Die Lage ist längst nicht mehr akut. Die Zahlen sind deutlich zurückgegangen, das merken alle Krankenhäuser“, sagt Prof. Dr. Mark Dominik Alscher, Vorstandsvorsitzender des Robert-Bosch-Krankenhauses in Stuttgart. Im RBK würden aktuell sieben Covid-Patienten behandelt, davon einer intensivmedizinisch.

In den Rems-Murr-Kliniken sei die aktuelle Corona-Lage „gut“, sagt Dr. Torsten Ade, Chefarzt der Notaufnahme in Winnenden und Klinikhygieniker. Die RMK versorgten am Donnerstag laut eigenen Anganben 17 Covid-Patienten, davon wurde ein Patient auf der Intensivstation versorgt und beatmet.

Im Klinikum Stuttgart sei die Corona-Situation jetzt Mitte September „kontrolliert“, sagt Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Jan Steffen Jürgensen. „Die Corona-Patienten beeinträchtigen den Gesamtbetrieb nicht. Derzeit sind drei Patienten wegen Covid auf unserer Intensivstation, zwei davon beatmet. Weitere 22 Patienten sind überwiegend mit, nicht wegen Covid in unterschiedlichen Stationen des Klinikums und werden in der Regel wegen anderer Hauptdiagnosen stationär behandelt.“

Dass es sich bei dem überwiegenden Teil der „Covid-Patienten“ um solche handelt, die wegen anderer gesundheitlicher Probleme ins Krankenhaus kamen und dann positiv getestet wurden, bestätigen auch Dr. Ade für die Rems-Murr-Kliniken und Prof. Alscher für das RBK.

Intensivpatienten, seltene Todesfälle: Was weiß man über diese?

Covid-Todesfälle sind mittlerweile im Vergleich zur Hochzeit der Pandemie selten. „In den vergangen sechs Wochen erinnere ich nur einen Todesfall mit einer viralen Lungenentzündung“, sagt Dr. Torsten Ade. Die wenigen Covid-Intensivpatienten der Rems-Murr-Kliniken in den vergangenen Wochen und Monaten seien in der Regel 80+ gewesen und hatten Vorerkrankungen.

Seit Anfang Juni sind im Rems-Murr-Kreis laut Landratsamt 36 Menschen mit Corona-Infektion verstorben. Diese waren zwischen 58 und 95 Jahre alt. 20 der 36 waren geimpft und 25 hatten Vorerkrankungen. „Bei 15 Personen wurden keine Angaben zum Impfstatus gemacht“, so Rojda Firat von der Pressestelle des Landratsamtes. Eine Person sei ungeimpft gewesen. „Bei elf Personen wurden keine Angaben zu Vorerkrankungen gemacht.“

Auf der Intensivstation des Klinikums Stuttgart handelte es sich in den vergangenen Wochen „um Patienten über 60 Jahre, die entweder besondere Risiken durch Vorerkrankungen haben, immunsuppressiv behandelt werden müssen, eine Immunschwäche haben oder ungeimpft sind“, sagt Prof. Jürgensen.

Ähnliches berichtet Prof. Alscher vom Robert-Bosch-Krankenhaus. Er weist allerdings auch darauf hin, dass es jetzt immer mehr coronainfizierte Patienten und Klinikpersonal, das geimpft und/oder schon einmal genesen ist, gebe. „Zum Teil sehen wir auch Zweitinfektionen.“ Das liege an Omikron und seinen vielen neuen Varianten.

Wie gefährlich ist Corona noch, vor allem wegen Omikron und Mutationen?

Alle drei befragten Mediziner bestätigen: Omikron und seine Varianten scheinen bislang im Vergleich zum Corona-Wildtyp ansteckender zu sein. Omikron und seine Varianten führten dazu, dass das Virus den anfänglichen Immunschutz, der durch bisherige Impfungen und/oder Infektionen/ Genesungen entstanden ist, umgehen kann. Allerdings sind die Krankheitsverläufe deutlich milder als beim Corona-Wildtyp und das liege an der verbreiteten Grundimmunisierung durch Impfungen und Durchseuchung.

„Die Impfungen gegen den Wildtyp machen nach einer Grundimmunisierung und einem Booster genau das, was sie sollten, sie schützen trotz all der Mutationen weiterhin gegen schwere Verläufe“, sagt Dr. Ade von den Rems-Murr-Kliniken.

Die offizielle Impfquote liegt in Deutschland mittlerweile bei über 75 Prozent „und in den potenziell gefährdeten älteren Bevölkerungsgruppen nochmals deutlich höher“, sagt Prof. Jürgensen. „30 Millionen durchgemachte Infektionen wurden in Deutschland erfasst, die Dunkelziffer wird um den Faktor zwei bis drei höher eingeschätzt. In Summe ist das Immunitätsniveau also viel besser als in den Vorjahren und die Fähigkeit zum verantwortungsvollen Selbstschutz durch Masken, Testung, Kontakterfassung und Vermeidung von Risiken in Abhängigkeit vom individuellen Risiko haben viele gelernt.“

Gänzlich ungefährlich bleibt eine Corona-Infektion allerdings weiterhin nicht. „Infizierte können nach wie vor Post- und Long-Covid bekommen“, sagt Prof. Alscher. „Ich rate auch deshalb weiterhin davon ab, sich infizieren zu lassen und jedem, der noch nicht geimpft ist, sich impfen zu lassen.“

Laut einer aktuellen Studie des wissenschaftlichen Dienstes der AOK, ist seit Pandemiebeginn jeder vierte durchgängig bei der AOK Versicherte in Baden-Württemberg wegen eine Covid-Erkrankung zeitweise arbeitsunfähig gewesen (insgesamt 377.567). 2,9 Prozent davon länger aufgrund von Post- oder Long-Covid-Symptomen – diese fehlten durchschnittlich 45,7 Tage am Stück.

Was ist mit den neuen Impfstoffen Wildtyp/BA.1 und BA.4/BA.5?

Im Robert-Bosch-Krankenhaus und im Klinikum Stuttgart steht der neue mRNA-Impfstoff, der gegen den Wildtyp, Omikron und die Variante BA.1 schützen soll, für Klinikpersonal schon zur Verfügung. Impfungen damit sind in beiden Krankenhäusern angelaufen.

„Wir haben vom Impfstoff gegen BA.4/BA.5 bestellt, dieser Impfstoff hat keine Wildtypkomponente und ist zugelassen seit Montag (12.9.), das Lieferdatum ist aber noch offen“, sagt Dr. Ade von den Rems-Murr-Kliniken. Der Impfstoff gegen Wildtyp/BA.1 kann laut Ade „für erst ein- bis zweimal Geimpfte durchaus sinnvoll sein, als Überbrückung.“ Für Klinikmitarbeiter, die meist schon viermal geimpft sind, also zweimal geboostert oder zwei-/dreimal geimpft und genesen, sei möglicherweise ein Warten auf den zweiten neuen Impfstoff BA.4+BA.5 sinnvoll. Viele der Mitarbeiter der Rems-Murr-Kliniken hätten sich in der Impfsprechstunde auch dahingehend ausgesprochen, dass sie warten wollten. Die Impfquote innerhalb des Personals der RMK liege bei über 90 Prozent „und nicht wenige hatten schon ein- oder sogar zweimal Corona. Ich auch, einmal im April trotz vier Impfungen“, sagt Ade.

Dann sei da noch die Empfehlung zu beachten, einen zweiten Booster (also eine Viertimpfung) frühestens sechs Monate nach einem Ereignis (Impfung oder Infektion/Genesung) durchführen zu lassen, so Ade. „Die Empfehlung hängt damit zusammen, dass man innerhalb von sechs Monaten einfach noch sehr geschützt ist und eine zu frühe erneute Impfung nicht unbedingt eine Verbesserung der Immunität mit sich brächte.“ Dass die Stiko weiterhin empfehle, den zweiten Booster nur Ü-60-Jährigen, Risikopatienten, Klinik- und Pflegepersonal zu geben, sei ebenfalls sinnvoll, sagt Prof. Alscher. „Bei Jüngeren bringen Auffrischimpfungen eh nicht so viel. Die sind tendenziell sowieso sehr gut geschützt, schon nach zwei Impfungen.“

Alle drei befragten Mediziner sind gespannt, welche Empfehlungen die Stiko für die neuen Impfstoffe ausgeben wird und betonen geradezu gleichlautend: Wer schon grundimmunisiert ist (zwei, drei Wildtyp-Impfungen und/oder Infektionen/Genesungen hinter sich hat, ist momentan auch im Falle einer Infektion mit Omikron oder einer Omikron-Variante vor schweren Verläufen noch sehr gut geschützt.“

Die Corona-Variante Omikron mutiert vor sich hin und sorgt für hohe Inzidenzen, die jetzt mit dem Einbruch der kalten Jahreszeit noch zunehmen werden. Doch gibt es kaum mehr Covid-Intensivpatienten und „wenig“ -Tote. Ist Corona gar nicht mehr gefährlich? Wie risikoreich sind insbesondere die Omikron-Mutationen? Und: Was ist von den neuen Impfstoffen zu halten? Experten des Rems-Murr-Klinikums Winnenden, des Klinikums Stuttgart und des Robert-Bosch-Krankenhauses geben Antworten.

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