Rems-Murr-Kreis

Ist die Intensivbetten-Reserve in Winnenden, Stuttgart und Ludwigsburg abrufbar?

Intensivstation
Die Anzahl der belegten Intensivbetten ist auch ohne Corona-Pandemie gerade hoch. Was wäre, wenn die Anzahl der Covid-Patienten weiter zunähme? © Adobestock/Pirke

Die Corona-Maßnahmen werden verschärft bei der Erreichung bestimmter Grenzwerte der Krankenhausbelegung mit Covid-Patienten. Die Zahlen stagnieren gerade, doch was wäre, wenn sie schneller stiegen? Würden die Notfallreserven an Intensivbetten ausreichen? Gäbe es genügend Pflegepersonal, um mehr Covid-Patienten zu behandeln?

Die Rems-Murr-Kliniken hatten am 22. September 24 Covid-Patienten in stationärer Behandlung, davon liegen zehn Patienten auf der Intensivstation (ITS) und acht Patienten werden beatmet. Am 17. September waren es 26 und am 9. September 24 Covid-Patienten gewesen. Ihre Anzahl stagniert also, ähnlich wie in ganz Baden-Württemberg:

  • 9. September: 171 Covid-Patienten auf ITS, 83 beatmet;
  • 17. September: 205 Covid-Patienten auf ITS, 113 beatmet;
  • 22. September: 203 Covid-Patienten auf ITS, 103 beatmet.

Die Warnstufe mit Regelverschärfungen für Ungeimpfte wird gemäß der neuen Landes-Corona-Verordnung ausgerufen, wenn landesweit an zwei aufeinanderfolgenden Werktagen 250 Intensivbetten oder mehr durch Covid-Patienten belegt sind. Oder wenn die Einweisungsrate pro 100.000 Einwohner (Hospitalisierungsinzidenz) an fünf Werktagen in Folge den Wert von 8,0 erreicht. Die Hospitalisierungsinzidenz lag am 21. September bei 2,1.

Nur rund neun Prozent aller landesweit verfügbaren Intensivbetten sind mit Covid-Patienten besetzt. Auch während einer Pandemie muss der Krankenhaus-Normalbetrieb weitergehen. Laut DIVI-Intensivregister waren am 22. September in Baden-Württemberg 2025 von 2300 betriebenen Intensivbetten belegt und demnach nur noch 275 frei. Und von diesen 275 wären 162 covidspezifisch verwendbare Betten.

Was beim Abruf der Notfallreserve passieren würde

Darüber hinaus gibt es aber eine Notfallreserve: Innerhalb von sieben Tagen könnten landesweit zusätzlich 1312 Intensivbetten aufgestellt werden. Auf ganz Deutschland gesehen haben die Krankenhäuser derzeit eine Notfallreserve-Kapazität von 10.023 Intensivbetten. Doch könnten diese zusätzlichen Betten auch wirklich alle betrieben werden?

„Die Rems-Murr-Kliniken sind in der Lage, bis auf 90 Intensivbetten mit Beatmungsgeräten aufzustocken (beide Standorte Schorndorf und Winnenden zusammengenommen)“, sagt Angelina Weber von der Pressestelle der Kliniken. Das wären rund 65 mehr covidspezifische Intensivbetten, als momentan mit Covid-Patienten belegt sind. In einer solchen Ausnahmesituation wäre der Regelbetrieb jedoch so stark eingeschränkt, dass das Klinikpersonal von anderen Stationen zur Unterstützung der Intensivstationen herangezogen würde, so Angelina Weber.

Ähnliches schildert Prof. Dr. Jan Steffen Jürgensen, Vorstandsvorsitzender des Klinikums Stuttgart: „In jedem Fall ist in Deutschland nicht die Zahl der Betten oder Beatmungsgeräte limitierend, auch nicht die der Ärztinnen und Ärzte, sondern die Zahl des intensivmedizinisch geschulten Pflegepersonals.“

Innerhalb der Notfallreserve-Kapazität enthalten sind rund 215 zusätzliche Betten, die das Klinikum Stuttgart als größtes Haus in Baden-Württemberg bereitstellen könnte.

Im Klinikum Stuttgart arbeiten über 1000 Ärztinnen und Ärzte und „knapp 3000 Pflegekräfte, von denen mehrere Hundert Zusatzqualifikationen in Intensiv- und Beatmungsmedizin haben.“ Die Betreuung der Covid-Intensivpatienten sei jedoch sehr personalintensiv und sollte in der Regel mit der Betreuung von zwei Patienten durch eine Pflegekraft im Dreischichtbetrieb sieben Tage pro Woche erfolgen. In bestimmten Konstellationen (ECMO-Therapie) sei auch eine 1:1-Betreuung sinnvoll, so Jürgensen.

„Müsste man in Deutschland die Notfallreservekapazität mobilisieren, wäre das nur mit Qualitätsabstrichen, Hinzuziehung von Personal mit weniger Spezialkenntnissen und Betreuung von mehr als zwei Patienten je Pflegekraft realistisch“, sagt Prof. Jürgensen. Im ersten Schritt würde durch Verschiebung planbarer Operationen Anästhesiepersonal für die Covid-Patienten herangezogen wie in der ersten Welle. „Dieses Szenario wird aber in keiner der aktuellen Prognosen vorhergesagt, der Anstieg der Patienten ist derzeit allenfalls moderat“, betont der Vorstandsvorsitzende des Klinikums Stuttgart.

„Viel mehr Covid-Patienten dürfen es nicht werden“

Auch das Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart fährt während der vierten Welle eine sehr hohe Normalauslastung, erläuterte der Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. Dominik Alscher jüngst dieser Zeitung. „Viel mehr Covid-Patienten dürfen es nicht werden, unsere Intensivbetten sind nämlich im Regelfall jetzt schon zu 90 bis 95 Prozent ausgelastet“, so Alscher.

Das Robert-Bosch-Krankenhaus habe bereits jetzt schon bis zum machbaren Limit von 65 Intensivbetten aufgestockt. „Eine weitere Aufstockung wäre material- und gerätetechnisch vielleicht möglich, „uns fehlen aber schlichtweg die Fachkräfte“, sagte Prof. Alscher.

Das bestätigte Dorothee Hüppauf, Referentin der Geschäftsführung der RKH-Kliniken in Ludwigsburg und anderen Standorten: „Das Aufstocken der Intensivbetten wird aufgrund des größer gewordenen Personalmangels zunehmend schwieriger.“

Die baden-württembergische Krankenhausgesellschaft (BWKG) hat bereits 2019 über die Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu finden, berichtet. „Im Zuge der Corona-Pandemie hat sich diese Situation verschärft“, sagt Angelina Weber von den Rems-Murr-Kliniken. Die Nachwuchsgewinnung benötige Zeit, unabhängig von der Reform der Pflegeausbildung. „Während der Corona-Krise mussten die Rems-Murr-Kliniken ihre Leistungen reduzieren und konnten dennoch die Anzahl der Pflegekräfte deutlich erhöhen. Seit 2019 bis Juni dieses Jahres konnten rund 100 neue Stellen geschaffen und besetzt werden.

„Für das erste Halbjahr 2021 habe die Fluktuationsquote der Pflegekräfte auf den Intensivstationen der Rems-Murr-Kliniken 4,5 Prozent betragen. „Bei der Berechnung der Fluktuationsquote werden sowohl Ein- als auch Austritte gleichermaßen und gleichwertig berücksichtigt. Das bedeutet in Summe, dass wir den Personalstand halten konnten“, sagt Angelina Weber.

Im Klinikum Stuttgart sieht Vorstandsvorsitzender Prof. Jürgensen bei der Personalgewinnung gerade in der Pflege einen sehr positiven Trend. „Im Jahr 2020 verzeichneten wir einen Aufwuchs um circa 50 Vollkräfte in der Pflege. Auch die Zahl der Ausbildungsplätze haben wir jüngst erhöht und werden 2022 auf 1000 Ausbildungsplätze kommen. Die Nachfrage ist riesig.“

Schwärzer sieht der Präsident der Gesellschaft für Internistische Intensiv- und Notfallmedizin und wissenschaftliche Leiter des DIVI-Intensivregisters, Christian Karagiannidis. Er twitterte bereits am 25. August: „Die Zahl der betreibbaren Intensivbetten mit Beatmungsmöglichkeit geht von Monat zu Monat zurück auf jetzt etwa 9000. Viele Kliniken melden uns Personalprobleme. Das Personal ist müde und wird weniger.“

Die Corona-Maßnahmen werden verschärft bei der Erreichung bestimmter Grenzwerte der Krankenhausbelegung mit Covid-Patienten. Die Zahlen stagnieren gerade, doch was wäre, wenn sie schneller stiegen? Würden die Notfallreserven an Intensivbetten ausreichen? Gäbe es genügend Pflegepersonal, um mehr Covid-Patienten zu behandeln?

Die Rems-Murr-Kliniken hatten am 22. September 24 Covid-Patienten in stationärer Behandlung, davon liegen zehn Patienten auf der Intensivstation (ITS) und acht

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