Rems-Murr-Kreis

Jürgen Braun, AfD, steht zur Ukraine und nennt Björn Höckes Sprüche "infantil"

Jürgen Braun
Jürgen Braun. © Gabriel Habermann

Russland gegen Ukraine? „Ich stehe auf der Seite der angegriffenen Nation.“ Björn Höckes Sprüche? „Infantil.“ Parteichef Chrupalla? Erfülle bei „Eloquenz und Bildung“ nicht das Anforderungsprofil. In der AfD tobt wieder mal Streit – und Jürgen Braun, Bundestagsabgeordneter aus dem Wahlkreis Waiblingen, mischt sich verblüffend wuchtig ein. In der eigenen Partei nennen ihn jetzt manche einen "Kriegstreiber", der "raus" müsse.

Verräterische "Schnarchnasen": Jürgen Braun und andere am Pranger

Braun ist ein Verräter, aber der Tag der Abrechnung naht – so etwa lässt sich zusammenfassen, was neulich der sächsische AfD-Kreisrat Matthias Hofmann im Internet verkündet hat. Auslöser war eine Abstimmung im Bundestag. Es ging um Unterstützung für die Ukraine einschließlich schwerer Waffen. Von 73 anwesenden AfD-Leuten stimmten 66 mit Nein. Vier indes sagten Ja. Und drei enthielten sich; darunter Jürgen Braun. Worauf Hofmann die sieben Abweichler via Internet-Pranger aufzählte und schrieb: „Merkt euch die Namen und deren Umfeld für den Bundesparteitag!!“ Botschaft zwischen den Zeilen: Mitte Juni beim Treffen im sächsischen Riesa werdet ihr büßen. Darunter drängten sich Kommentare: „Raus aus der AfD mit solchen Kriegstreibern“ – „diese Schnarchnasen müssen raus, eine Schande ist das“ – „wenn es Gott gibt, wird er sicher richten.“

Wie hältst du es mit Russland? Ein gewichtiger Teil der Partei schwärmt traditionell für Putin. Immer wieder pilgerten AfD-Leute nach Moskau oder gar auf die besetzte Halbinsel Krim zu Ergebenheitsbesuchen. Diese eingespielte Russland-Freundlichkeit trieb, als der Krieg begann, groteske Blüten: AfD-Rechtsaußen Björn Höcke führte plötzlich, als sei er ein Grüner aus den 80er Jahren, den alten Slogan „Frieden schaffen ohne Waffen“ Gassi. Parteichef Tino Chrupalla (mehr zu seinen Positionen auch hier) erklärte derweil zum Frösteln kühl: Sich zu verteidigen, sei „die Aufgabe der Ukraine, nicht meine“.

„Frieden und Freiheit für die Ukraine“: Brauns Twitter-Statement

Ganz oben auf Jürgen Brauns Twitter-Account hingegen prangen ein blauer und ein gelber Balken; mit dem Schriftzug: „Frieden und Freiheit für die Ukraine“.

„Natürlich“, erklärt er auf Nachfrage, „stehe ich als freiheitlicher Mensch auf der Seite der angegriffenen Nation.“ Die AfD trete doch seit jeher „für den Nationalstaat in sicheren Grenzen ein“ – und genau dafür kämpfe derzeit die Ukraine. Sicher, man müsse zweifeln, wie sinnvoll der pauschale Ruf nach „schweren Waffen“ sei. Wären leicht bedienbare und transportable Systeme nicht „viel besser“? Aber das sind militärtaktische Feinheiten. Er halte, sagt Braun, zu dem „Volk, das überfallen wurde“. Und sei beileibe nicht der Einzige in seiner Partei. „Es gibt viele Mitglieder – auch im Rems-Murr-Kreis! –, die ukrainische Familien bei sich untergebracht haben.“

Aber Moment, Herr Braun, bei Björn „Frieden schaffen“ Höcke klingt das anders. Der Abgeordnete antwortet: „Schlechte Kirchentagsparolen aus infantiler Weltsicht sind immer falsch gewesen – und wenn wir so was bringen, wird es nicht besser.“

Tino Chrupalla, der angezählte Parteichef

In Sachen Höcke hat Braun schon öfter Tacheles geredet - er ist aber nicht der Einzige, der dieser Tage deutlich wird. Auch Joana Cotar und Alexander Wolf, Mitglieder im Bundesvorstand, haben Tino Chrupallas Russland-Kurs als „Irrweg“ bezeichnet. Chrupalla repräsentiere weder die ganze Partei noch erreiche er die Leute, er dürfe deshalb „als Bundessprecher nicht noch einmal antreten“. Das ist vor dem Parteitag in Riesa eine drastische Kampfansage.

Und Jürgen Braun legte neulich nach: Seit Anfang 2020 hat die AfD bei zehn Wahlen in Serie durchweg ihre früheren Ergebnisse nicht halten können. „Alle diese Wahlen“, folgerte Braun grausam präzise, „fielen exakt in die Amtszeit von Parteichef Tino Chrupalla“, die Ende 2019 begann.

Worauf Stephan Brandner, einer der Schrillsten aus dem anderen Lager, giftete: An Chrupallas Stuhl sägten Leute, die „die Partei seit Jahren quälen und lähmen“. Und Chrupalla selber ätzte: „Das ist wie früher beim Camping“ – da hätten „sich immer diejenigen beschwert, dass es nass im Zelt ist“, die selber „hineingepinkelt“ hätten.

Braun aber bleibt dabei: Es werde in Riesa Gegenkandidaten geben. „Ich weiß von Leuten, die bereit sind und es könnten“; Leute, die „eloquent und gebildet“ seien und damit „das Profil“ hätten, das Chrupalla „nicht erfülle“.

Mal wieder die Höcke-Show: Tritt er an, tut er’s nicht?

Wird auch Björn Höcke, der bislang bei allem Maulheldentum immer zurückgezuckt ist, bevor es zum Schwur kam, in Riesa endlich den Mut fassen, um zu kandidieren? Oft in vergangenen Jahren sagte Jürgen Braun und klang dabei glaubwürdig entspannt: Ach, Höcke – der werde überschätzt; so groß sei seine Hausmacht nicht. „Ich sehe“, sagt Braun auch nun wieder, „die Mehrheit nicht für ihn.“

Ein AfD-Parteitag gleicht immer einem Topf auf der heißen Herdplatte. Das Gebrodel kann jederzeit überkochen. Wer schafft es, vorab welche Intrigen einzufädeln? Wer bringt mit einem spontanen Ausbruch am Saalmikro die Stimmung zum Kippen? Wer schlägt sich – aus ideologischen oder karrieristischen Gründen – in letzter Sekunde von der einen auf die andere Seite? Diesmal kommt noch ein weiteres potenzielles Eskalationsmoment hinzu: Zwischen 2016 und 2019 eilte die Partei bei Wahlen von Triumph zu Triumph, regelrechte Goldgräberstimmung machte sich breit ob der Fülle saftig dotierter Mandate, die es da zu pflücken gab; das half, die Reihen bei allem Zwist dann doch immer wieder zu schließen, um den Erfolg nicht zu gefährden – diesmal aber liegen nach einer elend langen Niederlagenserie die Nerven blank. In solch einer kippeligen Situation ist vieles möglich; auch ein Höcke-Coup.

„All in“ zu gehen, sich auf eine Kampfkandidatur einzulassen, birgt aber auch für Höcke ein irres Risiko. Dass er der heimliche Kopf und das wahre Herz der AfD sei, kann er nur insinuieren, solange er sich nicht dem Praxistest einer Abstimmung aussetzt.

Greift er nach der Macht? Diese Spekulation anzuheizen, sei doch „eine typische Show“, die vor jedem Parteitag aufgeführt werde, sagt Braun – „mal von den Medien, mal von Höcke selber, mal von beiden“. Am Ende werde es wohl laufen wie immer: „Ich denke nicht, dass er antritt.“

Russland gegen Ukraine? „Ich stehe auf der Seite der angegriffenen Nation.“ Björn Höckes Sprüche? „Infantil.“ Parteichef Chrupalla? Erfülle bei „Eloquenz und Bildung“ nicht das Anforderungsprofil. In der AfD tobt wieder mal Streit – und Jürgen Braun, Bundestagsabgeordneter aus dem Wahlkreis Waiblingen, mischt sich verblüffend wuchtig ein. In der eigenen Partei nennen ihn jetzt manche einen "Kriegstreiber", der "raus" müsse.

Verräterische "Schnarchnasen": Jürgen Braun und andere am

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