Rems-Murr-Kreis

"Jugendheim Hohenlohe": Treffpunkt der rechtsextremen Szene im Nachbarlandkreis

Jugendheim Hohenlohe Herboldshausen Bund für Gotterkenntnis Ludendorff Schwäbisch Hall
Das "Jugendheim Hohenlohe" im Rems-Murr-Nachbarlandkreis Schwäbisch Hall. Rechtsextremisten aus der ganzen Bundesrepublik treffen sich dort. © Timo Büchner

In einem Teilort von Kirchberg an der Jagst, dem kleinen Dorf Herboldshausen, steht ein altes Bauernhaus: das „Jugendheim Hohenlohe“. Was harmlos klingt, ist in Wirklichkeit einer der zentralen Treffpunkte der rechtsextremen Szene im Süden – und laut Landesinnenministerium die einzig bekannte Immobilie in Baden-Württemberg, die sich im Besitz einer extremen Rechten befindet.

Was passiert dort in unserem Nachbarlandkreis? Journalist und Autor Timo Bücher hat mit dem Kollektiv „Recherche Nordwürttemberg“ eine Broschüre dazu veröffentlicht. Wir haben mit ihm darüber gesprochen.

Herr Büchner, wer betreibt das „Jugendheim Hohenlohe“?

Das „Jugendheim“ wird seit 50 Jahren vom „Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff) e.V.“ (kurz: BfG) betrieben. Das ist ein völkischer Verein mit Sitz in Tutzing (Bayern). Der Verein pflegt die „Deutsche Gotterkenntnis“, die antisemitische und rassistische Ideologie Mathilde Ludendorffs. Die Antisemitin war eine zentrale Akteurin der Völkischen Bewegung in der Weimarer Republik. 

Sie nennen das alte Bauernhaus in Herboldshausen in Ihrer Broschüre einen „zentrale[n] Treffpunkt der extremen Rechten in Süddeutschland“. Wer trifft sich dort – und warum?

Im „Jugendheim“ finden Treffen des BfG statt. Das sind „Brauchtumsfeiern“, „Sippentreffen“ und „Ludendorff-Kulturtagungen“. Das ist ein Mix aus Ideologie, Kultur und Vernetzung. Der BfG nutzt die ruhige Lage in Herboldshausen, um die Treffen im Verborgenen durchzuführen. Auch andere Organisationen der extremen Rechten nutzen die ruhige Lage. So fanden z. B. ein „Aktivistenwochenende“ der „Identitären Bewegung Schwaben“ und ein „Gemeinschaftstag Süd“ der NPD-Jugendorganisation „Junge Nationalisten“ statt.

Gibt es Hinweise darauf, dass auch Rechtsextremisten aus dem Rems-Murr-Kreis und der Region Stuttgart an diesen Veranstaltungen und Treffen teilnehmen?

Die Menschen reisen aus der gesamten Bundesrepublik an. Teilweise aus der Schweiz und Mecklenburg-Vorpommern. Jedoch kommen die meisten Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus Baden-Württemberg und Bayern. Der Rems-Murr-Kreis und die Region Stuttgart waren in der Vergangenheit mit Autokennzeichen aus Esslingen, Leonberg, Ludwigsburg, Reutlingen, Stuttgart und Waiblingen vertreten. 

Lassen Sie uns noch mal über die Besitzer sprechen. Der „Bund für Gotterkenntnis“ bezieht sich auf die Ärztin und NS-Theoretikerin Mathilde Ludendorff, die sich Hitler als „Führerin“ anbot. In Büchern hat sie ihre Ideologie ausgebreitet – wie lässt sich die zusammenfassen?

Mathilde Ludendorff unterschied zwischen „Lichtrassen“ und „Schattenrassen“. Sie behauptete, „Lichtrassen“ – die nordische „Rasse“, insbesondere das deutsche Volk – hätten die Fähigkeit zur „Gotterkenntnis“. Die „Schattenrassen“ – insbesondere das jüdische Volk – wollten die „Lichtrassen“ vernichten. Durch, wie Ludendorff schrieb, „Rassemischung“. Das ist Rassenlehre in Reinform.

Der Spiegel nannte Mathilde Ludendorff „die Urgroßmutter des deutschen Antisemitismus“. Ihr Hass auf Juden trieft nur so aus ihren Veröffentlichungen. Hat der „Bund für Gotterkenntnis“ das aufgearbeitet?

Eine Aufarbeitung des Antisemitismus, der in den Büchern Mathilde Ludendorffs verbreitet wurde, fand nicht statt. Im Gegenteil. Der BfG leugnet bis heute, dass Mathilde Ludendorff eine Antisemitin gewesen ist. Aber das ist Fakt. Noch 1939, wenige Monate nach den Novemberpogromen, forderte sie einen „volkrettenden Antisemitismus“. Mathilde Ludendorff machte aus ihrem Judenhass keinen Hehl.

Behörden haben auf Nachfrage bislang verlauten lassen, dass im Zusammenhang mit dem „Jugendheim in Hohenlohe“ keine Ordnungswidrigkeiten oder Straftaten bekannt sind. Der Bürgermeister äußert sich ähnlich. Also alles in Ordnung?

Ich habe den Eindruck, die Behörden haben die Dringlichkeit des Problems noch nicht begriffen. Sowohl der BfG als auch das „Jugendheim Hohenlohe“ werden unterschätzt. Entscheidend ist nicht die Frage, ob vor Ort bereits Straftaten begangen wurden. Entscheidend ist die Frage, wer ein- und ausgeht. Am „Jugendheim“ wird deutlich, wie eng die unterschiedlichen Spektren der extremen Rechten vernetzt sind. Zum Beispiel fand im Herbst 2021 ein geheimes Vernetzungstreffen der deutschen Neonazi-Szene statt. Unter den Teilnehmern waren militante Neonazis.

Ihre Broschüre trägt den Titel „Nur nette Nachbarn?“ – dass mehr dahintersteckt, haben wir, denke ich, mittlerweile geklärt. Aber wie reagiert die Zivilgesellschaft vor Ort auf die rechten Umtriebe? Gibt es Protest?

In den vergangenen Monaten habe ich insgesamt drei Vorträge in Kirchberg an der Jagst gehalten. Das Interesse war riesig. Nun, am 18. Juni, fand zum ersten Mal eine Demonstration gegen das „Jugendheim Hohenlohe“ statt. Das Motto lautete: „Für Herboldshausen, aber ohne Rechtsaußen!“ Mehr als 200 Menschen nahmen an der Demonstration teil. Trotz Hitze. Es hatte rund 35 Grad …

Sie haben eine Broschüre zum „Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff)“ veröffentlicht, sprechen auf Veranstaltungen darüber, haben selbst journalistische Artikel dazu publiziert – wie reagieren der Verein und die Szene darauf?

Als ich 2020 über eine Veranstaltung der „Jungen Nationalisten“ im „Jugendheim“ berichtete, veröffentlichte der BfG eine offizielle Stellungnahme. Man suchte eine Erklärung für die Veranstaltung der Neonazis. Inzwischen habe ich über eine Reihe weiterer Veranstaltungen in der Immobilie berichtet. Aber der BfG schweigt. Nun ist die Broschüre erschienen – und der BfG schweigt. Ich vermute, man hat gemerkt, dass Stellungnahmen nichts mehr bringen. Es gibt einfach keine Ausreden mehr.

In einem Teilort von Kirchberg an der Jagst, dem kleinen Dorf Herboldshausen, steht ein altes Bauernhaus: das „Jugendheim Hohenlohe“. Was harmlos klingt, ist in Wirklichkeit einer der zentralen Treffpunkte der rechtsextremen Szene im Süden – und laut Landesinnenministerium die einzig bekannte Immobilie in Baden-Württemberg, die sich im Besitz einer extremen Rechten befindet.

Was passiert dort in unserem Nachbarlandkreis? Journalist und Autor Timo Bücher hat mit dem Kollektiv

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