Rems-Murr-Kreis

Jugendliche nicht zum Impfen drängen: Allgemeinmedizinerin Dr. Anja Joedecke fordert Solidarität von der mittleren Generation

Impftruck
Symbolbild. © Alexandra Palmizi

Als Ärztin rät Dr. Anja Joedecke dringend zur Impfung gegen Covid-19 – aber nicht in jedem Fall: Als Mutter dreier Kinder im Jugendalter spürt sie mittlerweile einen „gewissen Druck“ speziell auf die ganz Jungen, sich jetzt impfen zu lassen – und genau das missfällt der Allgemeinmedizinerin. In einer Reaktion auf ein Schreiben des Kultusministeriums, in welchem die Behörde nachdrücklich fürs Impfen wirbt, wählt die Ärztin klare Worte: „Nicht die Jugend muss jetzt geimpft werden, um – mal wieder – den Rest der Gesellschaft zu schützen, zumal das so ohnehin nicht funktioniert. Sondern die Masse an Menschen mittleren und höheren Alters muss sich impfen lassen, damit die Jugend wieder ihre Freiheiten zurückbekommen kann, die sie für ihre gesunde Entwicklung mehr braucht als jede andere gesellschaftliche Gruppe. Diese Solidarität ist jetzt gefordert“, schreibt die 50-Jährige, die in einer Schorndorfer Arztpraxis arbeitet.

Nicht ohne Grund, so Joedecke, empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) die Impfung gegen Covid-19 für alle Personen erst ab 18 Jahren und für Jüngere nur unter bestimmten Voraussetzungen. Dessen ungeachtet wird seitens der Politik, so empfindet es die Ärztin, Druck auf junge Menschen gemacht, sie mögen sich impfen lassen. Aus ihrer Sicht sollte jedoch „die Impfkampagne nicht mit Nachdruck auf gesunde jüngere Menschen ausgeweitet werden, sondern wir sollten uns nach wie vor auf die Menschen konzentrieren, die individuell ein Risiko durch eine Covid-Erkrankung haben. Das sind aus meiner Sicht allgemein Menschen ab einem Alter von etwa 25 Jahren“, heißt es in Joedeckes Schreiben an Kultusministerin Theresa Schopper und Sozialminister Manne Lucha.

Covid-19-Erkrankung birgt viel höheres Risiko als die Impfung

„Mit einiger Sicherheit“ sei zwar, schreibt Joedecke weiter, das Risiko bei einer Impfung unter 18-Jähriger „gering“ – aber: Die Impfstoffe werden erst seit kurzem angewandt, weshalb momentan niemand neue Erkenntnisse zu Impffolgen ausschließen kann. Anja Joedecke ist sich sehr wohl bewusst, dass sie mit dieser Aussage leicht in eine Ecke gerückt werden könnte, in welche sie nicht gehört – aber: „Ich bin schon so lange Ärztin, dass ich etliche unerwartete und in der Theorie zuvor nicht extrapolierte, unerwünschte Arzneimittelwirkungen erlebt habe, die nach ein paar Jahren zur Marktrücknahme der entsprechenden Präparate geführt haben. Bei keinem der Covid-Impfstoffe sind wir so weit, dass wir solche Effekte ausschließen können.“

Um es nochmals zu betonen: Die Ärztin plädiert fürs genaue Abwägen beim Impfen Jüngerer – während sie alle Personen im Alter ab 25 oder 30 Jahren regelrecht „beknien“ würde, sich impfen zu lassen. Ganz einfach deshalb, weil deren Risiko, einen schweren Verlauf zu erleiden oder Langzeitfolgen davonzutragen, viel höher liegt, während Jugendliche mit solchen Problemen nur sehr selten konfrontiert seien.

Langzeitfolgen nach Covid-19-Erkrankung für Betroffene sehr belastend

Apropos Langzeitfolgen: In der Alterskategorie um die 30 hat die Medizinerin bereits eine ganze Reihe von Patienten erlebt, die Monate nach einer Covid-19-Erkrankung noch immer nicht auf die Beine kommen, und „man weiß nicht, ob sie wieder fit werden.“ Das Phänomen „Long Covid“ bleibt schwer zu fassen, ist in Statistiken bisher nicht einordenbar, für Betroffene aber zweifellos sehr belastend: Ein weiterer Grund, der fürs Impfen spricht, betont Dr. Joedecke.

Am Impfaufruf aus dem Kultusministerium stört sie unterdessen, dass man „gekonnt mit den Formulierungen so umherkurvt, dass der Brief indirekt eine Impfaufforderung auch an alle Schüler impliziert – für die es ja bekanntlich keine allgemeine Impfempfehlung gibt“, moniert die Ärztin. Das verstärkt ihren Eindruck, wonach es in der Öffentlichkeit „immer nur heißt: Wer sich impfen lässt, bekommt Freiheiten und verhält sich solidarisch.“ Eine solche Sichtweise greift aber, betont die Ärztin, „in der Altersgruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen einfach zu kurz.“ Zumal auch Geimpfte das Virus übertragen können, verweist die Ärztin an Erfahrungen aus der Praxis, in der sie arbeitet: „Das bedeutet, dass die Impfung vor allem einen individuellen Schutz vor schwerer Covid-Erkrankung bietet, der Schutz des Umfelds aber nur ein relativer ist – zumal sich aus meiner Erfahrung Geimpfte bisweilen in falscher Sicherheit wiegen und sich eher riskanter bezüglich Infektionsschutz verhalten als Ungeimpfte.“

Der Impfaufruf des Kultusministeriums ist unterdessen explizit an Eltern, Erziehungsberechtigte und volljährige Schülerinnen und Schüler gerichtet. Darin heißt es unter anderem: „Schützen Sie sich selbst, schützen Sie Ihre Angehörigen und tragen Sie dazu bei, Schulen und Kindertagesstätten auch nach den Sommerferien regulär im Präsenzbetrieb offen zu halten. Nur Präsenzunterricht ist langfristig ein Garant für Bildungs- und Chancengleichheit, für erfolgreiche Bildungsbiografien und für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.“

Impfung verpflichtend für Schulbesuch: „Das gibt es nicht“

Mittlerweile ist bei Dr. Joedecke ein Antwortschreiben aus dem Ministerium eingegangen. Man habe im Zuge der Impfkampagne keineswegs Druck auf Schüler/-innen und deren Familien ausüben wollen, heißt es dort. Der Fokus bei den Impfungen müsse auch weiterhin bei den Erwachsenen liegen, schreibt eine Bürgerreferentin – aber: „Bei individuellem Wunsch und nach ärztlicher Aufklärung und Risikoakzeptanz des Kindes oder Jugendlichen sowie der Sorgeberechtigten“ sei, so verweist die Referentin auf die Stiko, eine Impfung von Kindern und Jugendlichen ab einem Alter von zwölf Jahren „ausdrücklich möglich“. Interessierten 12- bis 17-Jährigen und ihren Eltern „wollen wir die Möglichkeit geben, eine Impfung zu erhalten. Es handelt sich jedoch lediglich um ein Angebot.“

Es folgt im Schreiben ein Zusatz, obwohl Joedecke mögliche Folgen einer Nicht-Impfung auf den Schulbesuch gar nicht ins Gespräch gebracht hatte: „Eine Verknüpfung von Schulbesuch und Corona-Impfung, also, dass eine Corona-Impfung Pflicht für den Schulbesuch ist, gibt es nicht.“

Als Ärztin rät Dr. Anja Joedecke dringend zur Impfung gegen Covid-19 – aber nicht in jedem Fall: Als Mutter dreier Kinder im Jugendalter spürt sie mittlerweile einen „gewissen Druck“ speziell auf die ganz Jungen, sich jetzt impfen zu lassen – und genau das missfällt der Allgemeinmedizinerin. In einer Reaktion auf ein Schreiben des Kultusministeriums, in welchem die Behörde nachdrücklich fürs Impfen wirbt, wählt die Ärztin klare Worte: „Nicht die Jugend muss jetzt geimpft werden, um – mal

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper