Rems-Murr-Kreis

Karina und Kristina aus der Ukraine: Chaos und Fotos

Ausländerbehörde
Hier bitte unterschreiben: Christina Lazic vom Ausländeramt (Mitte) mit Karina (links) und Kristina (rechts). Mit dem kleinen, viereckigen Gerät auf dem Tisch wird der Fingerabdruck genommen. © Alexandra Palmizi

Dieser Artikel ist auf der Gefühlsachterbahn geschrieben. Es ist der Wahnsinn. Und in der Schwaikheim-Ukraine-Whatsapp-Gruppe sprühen die Emotionen Funken. Ich kann total erleichtert sein: Karina und Kristina haben den richtigen Pass. Alles gut. Keine Komplikationen. Mal abgesehen davon, dass ich in Formular-Bezeichnungen ertrinke und meine zwei Ukrainerinnen auf dem Amt mit großen Augen aufs vollkommen Unverständliche gucken. Aber was andere Freiwillige hier wuppen müssen!

Offizielle Übersetzung, Besuch beim Generalkonsulat, Apostille – was noch?

Die Info in der Whatsapp-Gruppe kommt ganz nüchtern: „Wir sind gerade bei der Ausländerbehörde und es ist ein Problem aufgetreten: Die Kinder haben nur Geburtsurkunden. Jetzt brauchen wir für den Aufenthaltstitel eine offizielle Übersetzung der Urkunden und im Anschluss eine Apostille des Konsulats.“ Termine im Konsulat, so heißt es weiter, gebe es erst im Juni wieder. Du lieber Gott. An diesem Termin hängt die offizielle, gültige Aufenthaltsberechtigung. Und was ist mit der finanziellen Unterstützung? Überhaupt, was ist eine Apostille?

  • Apostille: Beglaubigungsform im internationalen Urkundenverkehr.
  • Sie bestätigt die Echtheit der Unterschrift, die Eigenschaft, in welcher der Unterzeichner gehandelt hat, und gegebenenfalls die Echtheit des Siegels oder Stempels, mit dem die Urkunde versehen ist.
  • Die Apostille wird auf Urkunden gesetzt, also etwa auf Geburtsurkunden.
  • Die Apostille ist „mittels eines Stempels in der Form eines Quadrates mit einer Seitenlänge von mindestens neun Zentimetern darzustellen ... Es werden darin genau zehn durchnummerierte Punkte (Daten) angegeben“. Die Überschrift ist auf Französisch. (Quelle: Wikipedia)

Wer hatte mit so was je zu tun? Und wer hat mit so was gerechnet? Wer kann einfach so einen Ausflug zum Konsulat – Generalkonsulat – machen, das mitnichten in, na, beispielsweise Schorndorf sitzt, sondern entweder in München oder in Frankfurt? Und wer hätte gedacht, dass die amtlichen Übersetzer mit ihren Diensten so gut verdienen? Über 100 Euro zahlte eine Gastfamilie für zwei Dokumente. Darf das sein? Kann’s da keine andere Lösung geben? Und wie „sollen das die Flüchtlinge eigentlich stemmen, die nicht von einem von uns betreut werden?“, fragt’s in der Whatsapp-Gruppe.

Wir haben auch einen Termin im Ausländeramt. Karina und Kristina warten schon sehnlichst. Ich kriege Magendrücken. Ich versuche erst gar nicht, bei den beiden Ukrainerinnen nach ihren Dokumenten zu fragen. Erstens blicke ich selbst nicht durch und zweitens ist die Translator-App hin und wieder ausgesprochen kreativ.

Und dann: alles gut. Karina und Kristina – die zwei Frauen, die noch nie in ihrem Leben eine Urlaubsreise gemacht haben, die größte Schwierigkeiten haben, einen Sicherheitsgurt im Auto richtig anzulegen – haben einen europaweit anerkannten, biometrischen Reisepass in kyrillischer und lateinischer Schrift, mit Chip, noch bis 2031 gültig! So ein edles Stück habe ich nicht. Wir müssen nirgendwohin. Die zwei haben vorgesorgt. Mir fällt ein Stein vom Herzen.

Es folgen: Formulare, Unterschriften, die Erfassung von Körpergröße und Augenfarbe, die neu gemachten biometrischen Passbilder werden abgegeben, die Abdrücke der Zeigefinger genommen. Erst mal. Beim PIK-Termin in der PIK-Station, die glücklicherweise im Waiblinger Rathaus angesiedelt ist, werden dann alle Fingerabdrücke eingescannt. PIK? Was soll das heißen?

„Personalisierungsinfrastrukturkomponente“: Behörden-Slang für Geflüchtete

Die Übersetzung der Abkürzung findet sich nach langem Suchen auf der Internetseite des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge BaMF. PIK heißt „Personalisierungsinfrastrukturkomponente“. Ich verzichte auf den Versuch, die Erklärung des BaMF zu erklären. Letztlich geht's um die zentrale Erfassung der Daten all jener, die aus Nicht-EU-Ländern nach Deutschland einreisen.

Die Termine in der Waiblinger PIK-Station sind rar. Wir haben einen Anfang April. Nur mit der PIK-Registrierung gibt's den Ausweis, der amtlichst bescheinigt, dass Karina und Kristina hier sein dürfen.

Vor Ort im Ausländeramt gab's gerade die „Vorsprachebescheinigung“, das sind zwei Zettel, auf denen im Prinzip jedes Mal draufsteht, dass Karina und Kristina ordnungsgemäß im Ausländeramt waren. Jetzt gibt's die „Fiktionsbescheinigung“. Die sieht sehr kunstvoll aus. Aber Fiktion? Das hier ist die reine Wirklichkeit! Ich versuche, Ordnung in das Chaos in meinem Kopf zu bringen, Begriffe zu sortieren. Doch anstatt, dass mir's klarer wird, wird alles immer wirrer. Christina Lazic vom Ausländeramt, mit diesem Phänomen vermutlich dauernd konfrontiert, lacht. Die Pressesprecherin des Landratsamts gibt zu, dass sie kurz mal googeln musste: Die Fiktionsbescheinigung ist die vorläufige Aufenthaltserlaubnis; offiziell heißt das „Aufenthaltstitel“.

Zum Abschied gibt's Zettel in die Hand. Den Antrag auf Erteilung der Aufenthaltserlaubnis“. Also, die endgültige, die im Zusammenhang mit der „Personalisierungsinfrastrukturkomponente“ steht. Hausaufgabe.

Wir sind am Sonntagmittag zwei Stunden an diesen Formularen gesessen. Ohne unseren Übersetzer Marian wären wir gescheitert. Nicht nur, dass Karina und Kristina erläutern müssen, ob gegen sie „wegen des Verdachts auf eine Straftat oder eine Ordnungswidrigkeit“ ermittelt wird, ob sie Vermögen besitzen, Schulden haben, krankenversichert sind – es werden auch die Daten der Familie abgefragt.

Das ganze Leben – zusammengepackt in einem Paket

Karina kommt mit einem großen Paket aus ihrem Zimmer zurück. Darin wirklich und wahrhaftig die uralten Papiere ihrer Eltern. 1948. Sowjetzeit. Handgeschrieben. Marian buchstabiert sich die Fakten zusammen. Karina packt Fotos aus. Vom Vater, der Mutter, der Großmutter – „Babushka“. Und von ihrem Sohn. Ein kleiner Kerle in kurzen Hosen ist das. Er ist gestorben. „Das alles“, sagt Karina und zeigt auf das Paket, „das ist mein Leben.“

Dieser Artikel ist auf der Gefühlsachterbahn geschrieben. Es ist der Wahnsinn. Und in der Schwaikheim-Ukraine-Whatsapp-Gruppe sprühen die Emotionen Funken. Ich kann total erleichtert sein: Karina und Kristina haben den richtigen Pass. Alles gut. Keine Komplikationen. Mal abgesehen davon, dass ich in Formular-Bezeichnungen ertrinke und meine zwei Ukrainerinnen auf dem Amt mit großen Augen aufs vollkommen Unverständliche gucken. Aber was andere Freiwillige hier wuppen

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