Rems-Murr-Kreis

Karina und Kristina aus der Ukraine: Das nötige Geld

Karina und Kristina
Karina und Kristina auf dem Weg zur Bank: Das wichtigste Dokument, den Pass, hat Kristina (rechts) in der Hand. Doch das reicht nicht: Damit die Kontoeröffnung über die Bühne gehen kann, brauchen die zwei unbedingt jemanden, der die Vertragsbedingungen übersetzen kann. © Alexandra Palmizi

Stellen Sie sich vor, Sie müssten, wenn der Kühlschrank leer ist und der Geldbeutel auch nichts mehr hergibt, immer zu Ihren Nachbarn gehen und drum bitten, dass beides gefüllt wird. Das wäre – ja was? Erniedrigend? Beängstigend? Sie verlören die Kontrolle über sich selbst und ihr eigenständiges Leben. Sie wären abhängig vom Wohlwollen anderer. Jenen Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet und direkt bei Privatleuten untergekommen sind, geht es so. Auch Karina und Kristina.

Ich hab’s schnell gemerkt: Es war Karina und Kristina elend peinlich, wenn sie nach Geld fragen mussten. Die ersten Tage war ich mit ihnen zum Einkaufen gelaufen – sie sollten ja den Weg kennenlernen; wissen, wo sie wie abbiegen müssen. Denn die Straßenschilder helfen ihnen nichts: Kyrillische Buchstaben sind den unseren überhaupt nicht ähnlich. Toll war das nicht. Wer will schon als erwachsener Mensch wie ein Kind begleitet werden? Also versorgen bald ich, bald meine Nachbarn die Frauen mit Geld. Große Dankbarkeit? Sogar überschwängliche. Ein gutes Gefühl für die zwei? Bestimmt nicht. Wie geht’s weiter?

Asylbewerberleistungsgesetz: 367 Euro im Monat für jeden Geflüchteten

Ukrainische Geflüchtete werden, obwohl sie keinen Asylantrag stellen müssen, bislang nach dem Asylbewerberleistungsgesetz versorgt. Das heißt: Monatlich stehen den Menschen 367 Euro zu, die von der Leistungsstelle im Landratsamt ausbezahlt werden. Bevor dieses Geld kommt, muss aber erst einiges über die Bühne gegangen sein: die Anmeldung im Rathaus der Gemeinde, in der die Geflüchteten Unterkunft gefunden haben. Dann geht’s mit der Meldebescheinigung ins Ausländeramt. Wenn das geschafft ist, kommt die Leistungsstelle dran. Das wichtigste Formular hier: der „Antrag auf Leistungen nach § 3 Asylbewerberleistungsgesetz (AsylblG)“. Hier müssen die persönlichen Daten rein. Und Auskünfte über den Besitz. Karina und Kristina besitzen nichts. Wir mussten immer nur „Nein“ ankreuzen. Wer in der Ukraine gut verdient hat, womöglich ein Auto, „wertvolle Sammlungen“, Grundbesitz oder Erbansprüche hat, muss das beziffern. Eine Ukrainerin aus der Schwaikheimer Gruppe erzählte, sie habe in Kiew eine Wohnung gekauft. Die zahle sie noch immer ab. Obwohl sie längst kaputtgebombt sei. Was für eine Welt.

Bei der Papierbergebearbeitung hilft der Gedanke, dass dadurch die Geflüchteten geschützt werden

Der Antrag muss so schnell wie möglich abgegeben werden. Denn es kommen in den Ämtern immer mehr Anträge an. Im Ausländeramt, in der Leistungsstelle arbeiten die Menschen längst über die üblichen Öffnungszeiten hinaus. Zum Antrag braucht’s noch die Meldebescheinigung, Kopien der Pässe, die Fiktions- und die Vorsprachebescheinigungen. Papierberge. Bei der Bearbeitung hilft aber der Gedanke, dass nur durch all diese Schritte die geflüchteten Menschen geschützt werden. Und auch unsere Ämter. Und damit letztlich unser für diese sozialen Zwecke ausgegebenes Geld.

Die Leistungsstelle braucht auch eine Bankverbindung. Bankverbindung? Karina und Kristina haben kein Girokonto. Wir müssen zur Bank. Aber wie erkläre ich ihnen, was dort gemacht wird? Wie erkläre ich ihnen, was ein Girokonto ist? Die zwei sind diesbezüglich nicht erfahren. Karina und Kristina haben in der Ukraine am Abend den Lohn vom Tag in die Hand bekommen. Das ist auch in der Ukraine eigentlich nicht üblich. Aber in diesem Fall ist’s halt so. Wir müssen das hinkriegen.

Mehrere Banken bieten Menschen aus der Ukraine ein Girokonto an, das eine Zeit lang kostenlos ist. Es lohnt sich, sich schlauzumachen. Die Bedingungen sind nicht überall gleich. Wir gehen zur Kreissparkasse. Dort sind die Konten auf jeden Fall bis 30. September 2023 gebührenfrei. Was danach kommt, weiß eh noch keiner.

Ohne Dolmetscherin kann das Girokonto nicht eröffnet werden

Wir müssen unbedingt einen Dolmetscher mitbringen, heißt’s aus der Kreissparkasse. Es geht schließlich um wichtige Verträge. Es geht ums Geld. Kateryna Garkava kommt mit. Sie ist Ukrainerin, lebt aber schon länger in Schwaikheim. Sie hat allen in der Schwaikheim-Ukraine-Whatsapp-Gruppe ihre Hilfe angeboten. Dieser schreckliche Krieg, diese grauenhafte Krise haben tatsächlich etwas Gutes: Menschen, die sich vorher nie gesehen haben, finden zusammen und geben. Einfach so. Ohne Hintergedanken und von Herzen. Darf ich so formulieren? Was Gutes? Es ist gut. Punktum.

Katerynas Begleitung zur Bank ist ein Segen. Nicht nur, weil Karina und Kristina dank ihrer verstehen, was sie da unterschreiben. Sie verstehen, dass sie sich wegen Überziehungszinsen keine Sorgen machen müssen, denn das Konto wird nicht ins Minus rutschen. Ist nichts drauf, kann nichts mehr geholt werden.

Keiner weiß, was die Zukunft bringt: Es ist sinnvoll, wenn deutsche Helfer eine Kontovollmacht bekommen

Kateryna bringt vor allem auch schon Erfahrung mit. Sie kennt nämlich Fälle von früher, von vor dem Krieg, in denen Menschen zurück in die Heimat gegangen sind, aber ihr Konto nicht aufgelöst haben. Und dann kam Mahnung auf Mahnung. Auf den Konten war nichts mehr, doch die Gebühren wurden weiterhin fällig. Es wuchsen Schuldenberge heran. Wir machen eine Kontovollmacht für mich. Keiner kann heute ahnen, was die Zukunft bringt.

Und dann ist unser nächster Termin gekommen. In der Leistungsstelle gibt’s das erste Geld. Als Scheck auf die Hand. Damit es schnell verfügbar ist. Überwiesen wird ab dem folgenden Monat. Wir haben’s geschafft. Wir haben die Ämtergänge hinter uns. Und dann, sagt uns die Sachbearbeiterin in der Leistungsstelle, „dann läuft es“. Das fühlt sich gut an. Richtig gut.

Karina will von ihrem ersten Geld sofort einen ordentlichen Anteil in die Ukraine überweisen. Ihre Tochter leidet Not.

Stellen Sie sich vor, Sie müssten, wenn der Kühlschrank leer ist und der Geldbeutel auch nichts mehr hergibt, immer zu Ihren Nachbarn gehen und drum bitten, dass beides gefüllt wird. Das wäre – ja was? Erniedrigend? Beängstigend? Sie verlören die Kontrolle über sich selbst und ihr eigenständiges Leben. Sie wären abhängig vom Wohlwollen anderer. Jenen Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet und direkt bei Privatleuten untergekommen sind, geht es so. Auch Karina und Kristina.

Ich hab’s

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