Rems-Murr-Kreis

Karina und Kristina aus der Ukraine: Erste Schritte im neuen Leben

PiaUkraine
Marian Grau (links) hilft Kristina (Mitte) und Karina im Schwaikheimer Bürgerbüro beim Ausfüllen der Meldeformulare. © Gaby Schneider

Was ist das Wichtigste für einen Menschen, der die Heimat verloren hat und in einem so fremden Land gestrandet ist, dass der Unterschied zu einem Aufenthalt auf dem Mond nicht mehr groß scheint? Das Smartphone. Doch Karina und Kristina und alle anderen Menschen aus der Ukraine müssen auch andere wichtigste Dinge bewältigen. Die Anmeldung im Rathaus zum Beispiel.

Karina telefoniert. Sie hat das Handy am Ohr und es wirkt, als ob sie um das Gerät herum schmilzt. Sie beugt sich tief, schirmt die Außenwelt ab. Sie ist wie in einem Kokon. Die Stimme ist leise, sanft und traurig. Ich sehe sie, ich kann ihr nicht helfen, ich möchte sagen: Karina, alles wird gut. Irgendwann. Aber wird's das? Karina telefoniert mit ihrer 22 Jahre alten Tochter. Die junge Frau darf die Ukraine nicht verlassen. Sie arbeitet beim Militär.

Marian – der weltgrößte Glücksfall für die Schwaikheim–Ukraine-Gruppe

Karina telefoniert noch mit einer SIM-Karte, die sie mitgebracht hat. Zu welchen Bedingungen sie hier in Schwaikheim, in Deutschland, damit nach Hause anruft, wage ich gar nicht zu fragen. „Roaming“ zeigt das Handy an. Wenn’s eine Prepaid-Karte ist, wird sie wohl innerhalb kürzester Zeit leer sein. Hier muss Abhilfe her. Und da kommt Marian ins Spiel.

Marian ist der weltgrößte Glücksfall für die Schwaikheim-Ukraine-Gruppe. Er ist 19 Jahre alt, hat vor sechs Monaten angefangen, Russisch zu lernen, weil er findet, dass Kirgistan „das schönste Land der Welt ist“, war dann dort und in Russland, bis der Krieg begann, und spricht inzwischen diese Sprache, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Marian dolmetscht und verschickt Info-Whatsapp-Nachrichten auf Kyrillisch. Ohne Marian, ohne ganz viele andere, die helfen, sich schlaumachen, finanziell unterstützen und auch einfach mit dabei sind, wäre die Betreuung der Menschen kaum zu schaffen.

Marian organisiert einen Ausflug zum Telekomshop. Die Telekom nämlich – andere Provider, zum Beispiel Vodafone, machen das auch – gibt an ukrainische Flüchtlinge kostenlos SIM-Karten aus. Die Krux: Jeder, der eine will, muss persönlich vorbeikommen. Marian läuft mit 23 Leuten los, Erwachsenen und Kindern.

Sie fahren mit der S-Bahn – die Nutzung ist zumindest bis Ende März für die Geflüchteten kostenlos. Wichtig ist dabei der Pass. Und dann geht’s rund im Telekom-Shop:

  • Pro Flüchtling wird eine Karte ausgegeben.
  • Zwecks Legitimation muss ein gültiger ukrainischer Ausweis gezeigt werden. Der Grund: In Deutschland dürfen SIM-Karten nur personalisiert zur Verfügung gestellt werden.
  • Die Aktivierung der Karten erfolgt binnen 24 Stunden nach der Ausgabe.
  • Die SIM-Karten ermöglichen unbegrenzte Telefonie, auch die Datennutzung ist nicht limitiert.
  • Die SIM-Karten können „mindestens bis zum 30. Juni kostenlos genutzt werden“, heißt es bei der Telekom. Was danach ist? Ist noch offen.
  • Die Mobilfunk-Rufnummer steht nicht auf dem Papier der Telekom und auch nicht auf dem Plastikrahmen um die Eiskarte. Man erfährt sie auf dem Smartphone über die Kurzwahl: *135#

Das Ganze, sagt Marian, habe für alle 23 Leute keine Stunde gedauert. Die Daten würden erfasst, die aktuelle Wohnadresse hinterlegt und gut sei. Alle waren glücklich.

„Registratsiya“, Registrierung: Alle wissen, dass das sehr wichtig ist

Und dann gibt’s da noch diesen anderen wichtigen – Quatsch, superwichtigen – Schritt. Karina und Kristina haben schon an ihrem ersten Tag, nach den ersten paar Stunden Schlaf danach gefragt: „Registratsiya? Registratsiya!“ Es war Samstag. Wie sollte ich ihnen sagen, dass am Wochenende so was nicht geht? Wie sollte ich ihnen sagen, dass womöglich auch am Montag noch nichts passiert, dass man in die Behörden in Deutschland besser nicht einfach reinstolpert, sondern einen Termin ausmacht. Vor allem, wenn die Behörden aufgrund der aktuellen Situation in Arbeit schon fast ertrinken?

Der erste offizielle Gang, den die Geflüchteten machen müssen, ist der Gang zum Rathaus des Ortes, an dem sie wohnen. Hier wird der Wohnsitz angemeldet. Und dafür braucht’s natürlich Unterlagen.

  • Die Geflüchteten brauchen ihren Ausweis.
  • Die Gastgeber, ganz gleich, ob sie die Geflüchteten in ein Zimmer im privaten Zuhause aufnehmen oder ihnen eine eigene Wohnung vermieten, müssen die Wohnungsgeberbestätigung ausfüllen. Die findet sich üblicherweise auf den Homepages der Kommunen, kann runtergeladen und schon vorab ausgefüllt werden.
  • Die Geflüchteten bekommen dann eine Meldebestätigung. Die ist höchst wichtig für die nächsten Meldeschritte beim Landratsamt.
  • Der Gastgeber sollte sich die Wohnungsgeberbestätigung kopieren lassen. Damit kann beim Landratsamt eine Kostenpauschale bei Aufnahme in einzelnen Zimmern beantragt werden.

Karina, Kristina und alle anderen durften sich am Dienstag, am vierten Tag nach der Ankunft, anmelden. Das ging wirklich schnell. Die Registrierung an sich brauchte dann Zeit und Geduld. Die Aufnahme der Personalien, die Kontrolle der Pässe, die ganzen Formalitäten – alles erfordert viel Getippe am Computer. Und, tja, da ist wieder diese vermaledeite Sprachbarriere: Leicht verzweifelt guckt Nicole Fischer vom Schwaikheimer Bürgerbüro, die mit  Geduld und Freundlichkeit für die Leute da ist, auf Karinas und Kristinas Ausweise. Sie könne die Namen der Geburtsorte einfach nicht lesen. Ja klar, die stehen auf Kyrillisch da. Und außerdem heißen die Städte in den Landessprachen oft anders, als wir sie bezeichnen. Lemberg heißt Lwiw- das bekannteste Beispiel. Aber wir haben Marian. Marian liest, spricht, übersetzt, vermittelt, erklärt. Eine Familie nach der anderen holt er rein ins Rathaus. Die anderen stehen draußen und warten.

Fürs kleine Glück: Händeweise Schokoriegel von den Nachbarn

Vor der Rathaustür fällt der Nieselregen und die ersten Geschichten werden erzählt. Ein Mädchen hat heute Geburtstag. Sie bekommt ein Ständchen: „Happy Birthday to you“ – die Mama kann sich der Tränen kaum erwehren. Eine andere Frau, Kateryna heißt sie, hat ihre beiden Kinder – den zwölfjährigen Denys und die sechsjährige Mascha – ganz eng bei sich und atmet tief die feuchte Luft ein. „You have such a fresh air“, sagt sie. Die Luft sei hier so frisch und gut. Und sie lächelt. Und dann gibt’s händeweise Schokoriegel von den Nachbarn, die den Aufmarsch erst erstaunt beobachtet und dann wohl entschieden haben, dass Duplo und Co glücklich machen und beim Warten helfen.

Drinnen will Nicole Fischer von mir wissen, ob ich Karina und Kristina eine eigene Wohnung vermiete. Nein, ich vermiete nicht, aber eine eigene Wohnung ist’s irgendwie schon. Ach, es ist kompliziert ... „Ich will’s nur wegen des Müllbescheids wissen“, sagt Nicole Fischer. Müllbescheid? Flüchtlingskriegskrise? Ach je: Mit zwei Menschen mehr im Haushalt steigen meine Müllgebühren. Und oh Gott: Irgendwann muss ich Karina und Kristina unser kompliziertes Mülltrennungssystem näherbringen. Aber ganz bestimmt nicht heute.

Was ist das Wichtigste für einen Menschen, der die Heimat verloren hat und in einem so fremden Land gestrandet ist, dass der Unterschied zu einem Aufenthalt auf dem Mond nicht mehr groß scheint? Das Smartphone. Doch Karina und Kristina und alle anderen Menschen aus der Ukraine müssen auch andere wichtigste Dinge bewältigen. Die Anmeldung im Rathaus zum Beispiel.

Karina telefoniert. Sie hat das Handy am Ohr und es wirkt, als ob sie um das Gerät herum schmilzt. Sie beugt sich tief,

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