Rems-Murr-Kreis

Karina und Kristina aus der Ukraine: Geflüchtete kommen in Schwaikheim an

PiaUkraine
Kristina (links) kann schon ein bisschen in die Kamera lächeln; Karina bleibt ernst. Die Schwestern sind am Samstag, 12. März, in Schwaikheim angekommen. © Gaby Schneider

Zu einem Lächeln wie auf diesem Foto war Kristina nicht in der Lage, als sie zusammen mit ihrer Schwester Karina am Samstag, 12. März, in Schwaikheim ankam. Die Schwestern sind, gemeinsam mit einer ganzen Gruppe Geflüchteter, aus der Ukraine gekommen. Sie haben eine furchtbare Zeit hinter sich, und die kommende wird auch nicht leicht. Wir wollen sie und die anderen und all jene, die die Menschen aufgenommen haben, durch die erste Zeit begleiten.

Warum diese Lebensgeschichten so erzählt werden und nicht anders

Eins vorab, bevor dieser Bericht wirklich beginnt: Meine tiefe Überzeugung ist, dass ich als Journalistin nur in den allerseltensten Fällen wichtig bin. Ich bin diejenige, die von anderen Menschen erzählt. Diese anderen Menschen sind wichtig. Und wer ist zurzeit wichtiger als all die, die aus der Ukraine geflohen und bei uns angekommen sind? Über ihr Leben, ihre Erlebnisse und ihre ersten Schritte ins neue Leben will ich berichten. Doch hier steht unverrückbar eine unüberwindliche Sprachbarriere: Karina und Kristina sprechen – natürlich – kein Wort Deutsch. Aber auch kein Wort Englisch. Sie sprechen nur Russisch. „Russkiy“. Davon habe ich keine Ahnung. Und für Google Translator waren wir, zumindest am Anfang, irgendwie zu ungeschickt. Ich kann sie nicht fragen, sie können mir nicht erzählen. So bleibt an vielen Stellen doch nur die Möglichkeit, von mir zu erzählen. Denn das, was ich hier erlebe, erleben Karina und Kristina ja auch. Nur noch viel schlimmer.

Nach fast 1300 Kilometern: Ankunft in finsterer Nacht

Als Karina und Kristina ankamen, war’s stockfinstere Nacht. Die Nachrichten in der Whatsapp-Gruppe Schwaikheim-Ukraine – versehen mit Flagge und dickem Herzchen – waren die ganze Nacht durch eingelaufen: „Wir sind auf der Höhe Zwickau“, „Wir sind nun bereits am Parkplatz Mühlbuck losgefahren“, „Wir sind auf der Höhe Korb“. Das war um 4.11 Uhr und nach fast 1300 Kilometern. Und dann standen sie da auf dem Parkplatz bei der Gemeindehalle: zwei Frauen, drei kleine Koffer, zwei Taschen. Die Gesichter erstarrt, die Erschöpfung mit Händen zu greifen. Rein ins Auto, ab in Richtung Wohnung. Und dann?

„Wollt ihr einen Kaffee? – Kaffee?“ Große Augen, Antworten, die in den Ohren klingen aber für mich keinen Sinn ergeben. „Coffee?“ „Kofe“, antworten sie. Das klingt ähnlich, die Botschaft ist wohl angekommen. Aber sie sagen noch anderes. Was nur? Sie schütteln beide heftigst den Kopf. Es hilft die international-zwischenmenschliche Gebärdensprache: Ich lege die zusammengelegten Hände an die Wange, halte den Kopf schief und schließe die Augen. „Da!“, sagen sie, „da, da!“ – Ja, ja, ja. Die Erleichterung ist groß. Zeit zum Ausruhen.

Danach geht’s eigentlich erst richtig los. Ich weiß nicht: Was brauchen die zwei Frauen? Ist das, was meine Nachbarn, die sich so liebens- und bewundernswert mitengagieren, in den Kühlschrank gepackt haben, das Richtige? Soll ich die zwei zu mir rüber holen? Aber wie reden wir dann? Das ist doch nur anstrengend und peinlich. Was erwarten die zwei Frauen von mir? Kochen sie selber? Ich bringe vorsichtshalber mal Essen rüber. Mögen sie das aber überhaupt? Und ganz ehrlich, das stehe ich nicht auf immer durch. Unser Familienleben und mein Arbeitsleben haben einen strammen Rhythmus. Was tun die zwei Frauen überhaupt den ganzen Tag? Einen Fernseher haben wir in der kleinen Gästewohnung nämlich nicht. Und ob sie Smartphones haben, weiß ich noch nicht. Geschweige denn, ob sie hier funktionieren. Muss ich mit ihnen gleich durch den Ort spazieren? Wie packe ich das alles in meinen Tag? Und überhaupt: Wie heißen die zwei? Ich bin innerhalb kürzester Zeit völlig ausgelaugt. Ich bin hin und her gerissen zwischen: Das sind erwachsene Frauen, die können auch auf sich selbst aufpassen. Und: Ich muss hier helfen. Ich denke: Es ist die Hölle. Und dann schäme ich mich für dieses Gejammer. Denn wenn ich schon denke, dass es die Hölle ist, dann muss es für die zwei Frauen die höllischste Hölle aller Höllen sein.

Irgendwann weiß ich die Namen – und dass sie gerne Waschlappen hätten

Irgendwann weiß ich ihre Namen. Und Gebärdensprache hilft. Kristina zerrt mich ins Bad, greift sich einen Putzschwamm und reibt sich wie wild über Arme und Leib. Sie will Waschlappen. Geht klar.

Irgendwann kommt auch Olga. Olga lebt schon lange in Schwaikheim, ist aber Russin. Das ist perfekt. Mit Olga wird schon mal vieles gut. Wir sitzen am Tisch und – lachen! Und Kristina und Karina erzählen, dass sie aus Saporischschja kommen. Die Stadt liegt am Djnepr, der auch durch Kiew fließt. Aber ganz unten im Süden, fast am Schwarzen Meer. Dort, wo die Kämpfe ganz früh ganz schrecklich wurden. Dort, erzählt Kristina, wurde, als der Krieg Einzug hielt, alles, alles dichtgemacht. Kristina und Karina arbeiteten als Verkäuferinnen an Marktständen. Niemanden habe interessiert, dass den kleinen Leuten, dass ihnen plötzlich jegliche Lebensgrundlage entzogen war.

Einmal quer durch die Heimat: von Saporischschja nach Korczowa Dolina

Bevor Karina und Kristina von Korczowa Dolina an der polnisch-ukrainischen Grenze in den Rems-Murr-Kreis gefahren sind, waren sie schon quer durch ihre Heimat gezogen. Noch mal weit über 1000 Kilometer. Jetzt stehen sie in der Fremde vor einem Kühlschrank und dank Olga wird klar: Naturjoghurt ist nicht so beliebt, genauso wenig wie Tomaten oder Salat. Stattdessen brauchen sie dringend Brotbelag. Und wie der am Abend noch eingekauft wird, kommt raus: Sie lieben auch Chips. „Chips“ ist offenbar ein internationales Wort.

Zu einem Lächeln wie auf diesem Foto war Kristina nicht in der Lage, als sie zusammen mit ihrer Schwester Karina am Samstag, 12. März, in Schwaikheim ankam. Die Schwestern sind, gemeinsam mit einer ganzen Gruppe Geflüchteter, aus der Ukraine gekommen. Sie haben eine furchtbare Zeit hinter sich, und die kommende wird auch nicht leicht. Wir wollen sie und die anderen und all jene, die die Menschen aufgenommen haben, durch die erste Zeit begleiten.

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