Rems-Murr-Kreis

Katholische Kirche Rems-Murr: Dekan Kessler für Segnung homosexueller Paare

Katholische Kirche
„Wenn Menschen sich lieben und ein Treueversprechen geben, sollen sie den Segen dafür erhalten!“ Wolfgang Kessler, katholischer Dekan des Rems-Murr-Kreises. © Benjamin Büttner

Lockerung des Zölibats, Priesteramt für Frauen, Segnung für homosexuelle Paare, mehr Mitspracherecht für die Gemeinde: In der Katholischen Kirche werden die Forderungen nach echten Reformen tosend laut. Wie denken führende Köpfe bei uns darüber? Ein Interview mit dem Schorndorfer Pfarrer Wolfgang Kessler, Dekan des Rems-Murr-Kreises; dem Backnanger Pfarrer Wolfgang Beck, Stellvertreter des Dekans; und Marcel Dagenbach, Geschäftsführer des katholischen Dekanats.

Wie erleben Sie derzeit, nach all den Missbrauchsenthüllungen, die Stimmung bei Ihrem Kirchenvolk?

Kessler: Ich nehme eine enorm große Enttäuschung der ehrenamtlich Engagierten wahr. Ob im Dekanatsrat oder im Kirchengemeinderat Schorndorf: Enttäuschung, Fassungslosigkeit, Wut, Entsetzen. In dieser emotionalen Tiefe. Erschütterung. Und die Frage: Wie kann es, wie soll es weitergehen?

Beck: Ich sehe das als systemische Krise, die schon lange da ist und jetzt vollends sichtbar wird.

Welche Dimensionen hat diese systemische Krise?

Kessler: Im synodalen Prozess, den die Kirche eingeleitet hat, sind vier große und dringende Themen benannt worden: Umgang mit Macht in der Kirche; Aufgaben und Dienste der Frauen; die Lebensform der Priester; und die Sexualmoral der Kirche.

Beck: Diese systemische Krise fing schon vor Jahrzehnten an – man hat es nach dem Zweiten Vatikanum nicht geschafft, den offenen Katholizismus-Begriff, den das Konzil in den 60er Jahren entwickelt hatte, auch umzusetzen. Die Kirche hat diese Erneuerung nicht richtig vollzogen, hat nicht konsequent genug das Konzil fortgesetzt und gelebt. Wir müssen jetzt grundsätzlich für Reformen kämpfen. Sonst sehe ich wenig Chancen.

Gehen wir also die vier Stichworte durch. Erstens: Macht.

Kessler: Es geht darum, dass die Kirche nicht mehr fokussiert ist allein auf Bischöfe und Pfarrer; dass nicht die kirchlichen Hierarchien alleine entscheiden. Es geht darum, wie einzelne Personen ihr Amt verstehen: kommunikativ, partizipativ – nicht autoritativ. Und es geht auch darum, dass Gremien ausgebaut werden. In der Diözese Rottenburg-Stuttgart gibt es immerhin im Kirchengemeinderat eine Doppelspitze, ein Pfarrer und der oder die gewählte Vorsitzende bilden gemeinsam die Leitung. Das Rottenburger Modell ist aber in dieser Form einzigartig in Deutschland ...

Beck: ... und auch hier bei uns brauchen die Gemeinden noch mehr Selbstständigkeit. Es kann nicht sein, dass sich Zentralismus noch mehr durchsetzt.

Kessler: Die Institution gibt vieles vor. Wenn Prozesse durch das Ordinariat in Rottenburg zu eng vorstrukturiert werden, bleibt kaum Gestaltungsspielraum vor Ort.

Die Entscheidungsprozesse müssten also demokratischer werden? Parlamentarisch quasi.

Kessler: Oder synodal, wie das kirchliche Wort dafür heißt. Was letztlich trägt, ist die Gemeinschaft der Glaubenden vor Ort. Kirche verwirklicht sich in Ortskirchen und Gemeinden, nicht in Verwaltungsstrukturen. Unser Staat, das sind auch nicht nur die Regierung und die Behörden, sondern die Gesellschaft, die Bürger. So ist es auch in der Kirche: Sie hängt nicht nur von den Bischöfen und vom Papst ab.

Beck: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“

Zweitens: die Rolle der Frau.

Kessler: Die Initiative „Maria 2.0“ ist zum Beispiel in Waiblingen sehr engagiert und benennt aus meiner Sicht berechtigte Anliegen: Es ist nicht mehr nachvollziehbar, warum Frauen heute nicht Aufgaben auch im sakramentalen Amt übernehmen können – und zwar nicht nur als Diakoninnen, sondern auch das Priesteramt!

In der deutschen Kirche scheint das zumindest an der Basis glasklar mehrheitsfähig. Aber in der Weltkirche?

Kessler: In Afrika und Asien werden manche Fragen ganz anders gesehen. Kann es da überhaupt einheitliche Regeln geben? Oder bräuchte man je nach Kulturkreis unterschiedliche Ausprägungen? Heißt Einheit Einheitlichkeit? Oder kann Einheit nicht auch heißen: verbunden sein im Glauben, aber mit unterschiedlicher Ausprägung? Man könnte doch sagen: Der Weg der Kirche in Europa hat diese und jene Schwerpunkte – der Weg in Afrika kann anders aussehen. Muss alles einheitlich sein, trotz unterschiedlicher kultureller Kontexte? Das ist, glaube ich, die Quadratur des Kreises.

Aber Katholische Kirche hat viel mit Tradition zu tun. Und traditionell ist derlei nicht vorgesehen.

Beck: Tradition muss immer wieder neu gedacht werden! Tradition ist nicht einfach das, was man weitertransportiert und nicht lassen und nicht verändern kann. Tradition ist die ständige Übersetzung des Evangeliums in die jeweilige, in die heutige Zeit.

Kessler: Es geht darum, die spirituelle Sehnsucht und den Wunsch nach ethischer Orientierung in adäquater Weise aufzugreifen. Nicht mit Formeln und Floskeln.

Beck: Es geht um eine offene Ethik. Nehmen wir das Beispiel „Out in Church“ ...

... eine Initiative von Menschen, die in der Römisch-Katholischen Kirche tätig sind und sich als lesbisch, schwul oder in anderer Weise von der heterosexuellen Üblichkeit abweichend geoutet haben. Sie berichten von teilweise jahrzehntelanger Ausgrenzung.

Beck: Was da sichtbar wird, ist, dass die Kirche es gar nicht geschafft hat, ihre Ethik zu ändern!

Womit wir bei drittens wären: der Sexualmoral. Aber da warnen auch manche: Die Kirche werde unverbindlich, wenn sie ihre Ethik anpasse und modernisiere, wie es gerade in den Zeitgeist passe.

Dagenbach: Die Antwort ist die Synodalität – dass man gemeinsam aufeinander hört und miteinander die Fragen klärt.

Kessler: Es geht nicht um Unverbindlichkeit, sondern um Glaubensentwicklung. Wir sprechen vom sensus fidelium, dem Glaubenssinn der Gläubigen, den es einzubeziehen gilt im Diskurs, um letztlich zu einer Aussage zu kommen.

Dagenbach: Es reicht nicht, sich nur auf Lehrinhalte zu stützen.

Beck: Wir dürfen nicht über Gott verfügen. Sondern sollten gemeinsam Gott suchen als Kirche.

Kessler: Die Kirche als fester hierarchischer Block, das ist das alte Bild. Aber jetzt stehen wir an der Schwelle zu einem Epochenwandel: hin zur Synodalität, wie es auch Papst Franziskus immer wieder betont. Ich glaube, da kehrt sich was um. Dabei sollten nicht nur die Gläubigen auf die Bischöfe hören. Jetzt müssen auch die Bischöfe auf die Gläubigen hören! Es geht nur im Miteinander, nicht, indem jemand einseitig die Richtung vorgibt. Das ist mühsam. Aber in der Situation sind wir als Kirche.

Beck: Und dabei müssen die Oberen sich zurücknehmen. Erst zuhören und am Ende dann doch wieder allein die Entscheidung treffen? Das wäre zu wenig!

Und für die Segnung homosexueller Paare heißt das nun was genau?

Kessler: Es geht bei einer Beziehung um Liebe, um Vertrauen, um Treue – das sind die Wesenspunkte, das ist der Kern. Und wenn Menschen sich dieses Versprechen geben, sollen sie den Segen dafür erhalten! Es geht also nicht um Beliebigkeit und „Alles ist egal“ – es geht darum, die grundlegenden Werte zu würdigen und zu schätzen.

Viertens: Zölibat.

Beck: Ich glaube, dass durch eine Veränderung beim Zölibat die ungesunde Überhöhung des Priesteramtes ein Stück weit gekappt wäre.

Kessler: Priester leben heutzutage nicht in einer abgehobenen Sonderwelt.

Beck: Aber es ist typisch katholisch, bestimmte Einrichtungen für immer gültige Besonderheiten zu erklären.

Für unveränderbar. Unumstößlich.

Beck: Ja. Wenn mal was so ist, dann ist es immer so.

Kessler: Dabei spricht doch schon das zweite Vatikanum vom gemeinsamen Priestertum der Gläubigen durch die Taufe – das ist ein Punkt, der zu entfalten wäre.

Das heißt konkret?

Dagenbach: Wir sind dafür, dass der Zölibat freiwillig gestellt werden soll.

Kessler: Theologisch wäre es möglich. Das Zweite Vatikanische Konzil hat festgestellt: Ehelosigkeit ist keine wesensnotwendige Voraussetzung für den priesterlichen Dienst.

Beck: Und ich würde jedem Menschen auch zugestehen, dass sich in seinem Leben etwas verändern kann. Auch wenn jemand mal den Zölibat angetreten hat, kann durchaus etwas Neues passieren in einem Leben. Ein Leben ist ein offener Prozess und darf es auch sein, das ist auch was Schönes; und das gilt auch für andere Lebensformen.

Kessler: Im Übrigen gibt es ja bereits verheiratete katholische Priester.

Wie bitte?

Dagenbach: In Deutschland gibt es 200 verheiratete katholische Priester, sie waren ehemals evangelische oder anglikanische Pfarrer – als sie zur Katholischen Kirche übertraten, blieben sie verheiratet.

Kessler: Und in der katholischen Ostkirche gibt es seit langem verheiratete Priester. Das ist ein deutliches Beispiel für eine mögliche Vielfalt in der Kirche.

Haben Sie Hoffnung, dass nun endlich tatsächlich grundlegend was passiert?

Dagenbach: Ich habe die Hoffnung, dass in der Krise und im Versagen Neues aufleuchtet, die Hoffnung, dass die Kraft des Evangeliums sich durchsetzen wird, dass im Zerbrochenen sich eine neue Perspektive ergibt. Dass da nicht nur ein Abgrund ist.

Beck: Es wird auf jeden Fall weitergehen! Das Evangelium ist so eine Kraft! Da bin ich ganz sicher.

Kessler: Wir dürfen den Inhalt des Evangeliums nicht von einer bestimmten institutionellen Form abhängig machen. Dann habe ich keinen Zweifel, dass die Botschaft weiterträgt.

Aber glauben die Ehrenamtlichen noch an die Reformfähigkeit der Kirche? Haben nicht viele längst resigniert?

Beck: Manche sagen das. Aber das ist nicht die Mehrheit. Die da sind, wollen sich engagieren.

Dagenbach: Wir haben einen sehr engagierten Dekanatsrat. Wie viel Herzblut da drin steckt! Da ist keine Ermattung zu spüren. Bestimmte Themen ziehen sogar neue Ehrenamtliche an. Als es um die Flüchtlingsfrage ging zum Beispiel.

Kessler: Oder Kurse für Wortgottesdienstleiter, ehrenamtlichen Krankenhausdienst, Hospizarbeit – kaum sind die Kurse ausgeschrieben, sind sie schon voll.

Beck: Die Identifikation mit der Katholischen Kirche ist nicht mehr so stark – aber sie machen es um der Sache willen!

Kessler: Ich nehme da Energie wahr. Energie und Frust. Das sind zwei Seiten ein und derselben Medaille.

Lockerung des Zölibats, Priesteramt für Frauen, Segnung für homosexuelle Paare, mehr Mitspracherecht für die Gemeinde: In der Katholischen Kirche werden die Forderungen nach echten Reformen tosend laut. Wie denken führende Köpfe bei uns darüber? Ein Interview mit dem Schorndorfer Pfarrer Wolfgang Kessler, Dekan des Rems-Murr-Kreises; dem Backnanger Pfarrer Wolfgang Beck, Stellvertreter des Dekans; und Marcel Dagenbach, Geschäftsführer des katholischen

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