Rems-Murr-Kreis

Kein Hausarzt für den alten Herrn

Unhappy old man with cane feel lonely at home
Was soll nur werden? Manchmal stehen alte Menschen und ihre Angehörigen vor fast unlösbaren Problemen. © Adobestock/Fizkes

Wenn sie davon erzählt, klingt es noch immer, als drücke eine Riesenlast sie nieder. Dabei ist ja inzwischen alles gut: Ihr Vater ist ärztlich versorgt. Doch das ging nur über Beziehungen. „Kann das denn sein?“, fragte sie sich. Dürfen Hausärzte einen alten Herrn einfach im Stich lassen?

Ihr Vater ist 85 Jahre alt und nicht mehr ganz gut beieinander. Bis vor kurzem lebte er noch zu Hause, mit der Hilfe einer Pflegekraft. Doch deren Unterstützung reichte nicht mehr aus. Der alte Herr stürzte mehrfach und brauchte auch nachts immer mehr Hilfe. Die Sorge um ihn drückte – die Familie machte sich auf die Suche nach einem Heimplatz. Das war schon schwer genug.

Nach dem Umzug ins Heim wollte der Hausarzt nicht mehr betreuen

Doch das Problem, das sich an den gefundenen Heimplatz anschloss, war noch viel schlimmer: Da der Senior mit dem Umzug von der eigenen Wohnung ins Heim auch den Wohnort wechselte, wollte sein Hausarzt, bei dem er, so erzählt sie, seit Jahrzehnten in Behandlung war, ihn nicht mehr betreuen. Die Familie telefonierte Ärzte ab, die eigenen und fremde: Keiner war bereit, den alten Herrn als Patienten aufzunehmen. Mal hieß es, man mache grundsätzlich keine Hausbesuche, mal, die Fahrt sei zu weit. Nicht einmal in dem Ort, in dem das Pflegeheim liegt, wollten Ärzte die Hausbesuche machen. Nur, wenn die Angehörigen den alten Herrn immer zum Arzt gefahren hätten, wäre er untergekommen. Doch das ist für die Familie nicht zu leisten.

Der Familie ist so manches bitter aufgestoßen: Eine Praxis wollte erst über eine Aufnahme entscheiden, wenn die medizinischen Unterlagen vorlagen. Sollte der Aspekt der Lukrativität hier eine Rolle spielen? Die Praxis lehnte dann ab.

Jeder Vertragsarzt ist zur Behandlung verpflichtet - im Prinzip

Der alte Herr ist übrigens sogar privat krankenversichert – Ärzte hätten also höher abrechnen können. Dieser Fakt erleichtert die Pressesprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg: So sehe man sich immerhin nicht dem Vorwurf einer Zweiklassenmedizin ausgesetzt. Der Fall aber, Art der Versicherung hin oder her, sei „sehr bedauerlich“. Kein Patient dürfe ohne Betreuung bleiben. Außerdem sei im Prinzip jeder Vertragsarzt zur Behandlung verpflichtet. Aber der Arzt könne „in begründeten Fällen“ auch ablehnen. Als Grund gilt beispielsweise die Auslastung der Praxis: Hat ein Arzt schon zu viele Patienten, darf er neue ablehnen, weil sonst nicht mehr adäquat behandelt werden kann.

Es werde zunehmend schwieriger: „Wir haben viele offene Hausarztstellen, für die es keine Nachfolger gibt.“ Tatsächlich zeigt die Karte auf der Homepage der Kassenärztlichen Vereinigung für den gesamten Rems-Murr-Kreis offene Hausarztstellen an.

„Wir haben seit Jahren ein Problem mit den Hausbesuchen“, sagt der Sprecher der Ärzteschaft im Kreis, Dr. Karl-Michael Hess, ein Schorndorfer Kardiologe, der außerdem ein Dialysezentrum betreut. Das liege nicht nur am Finanziellen, wobei ein Hausbesuch bei einem Kassenpatienten nur mit zwischen zehn und 15 Euro entlohnt werde. Vor allem aber sei es ein logistisches Problem: Die Hausarztpraxen seien so überlaufen, dass Hausebesuche schlicht nicht mehr unterzubringen seien. Erst wer todkrank sei und palliativ versorgt werde, komme über die Spezialisierte ambulante Palliativversorgung SAPV wieder zu einer sehr guten Betreuung daheim.

Das neue Modell: Ärzteteams für Pflegeheime

Die Kassenärztliche Vereinigung versucht, „mit neuen Versorgungsmodellen gegenzusteuern“. Es mache schließlich in Pflegeheimen wenig Sinn, wenn mehrere Hausärzte ins Haus kämen und jeweils nur wenige Patienten betreuten. Deshalb bilde man inzwischen ärztliche Teams, die im Pflegeheim die Bewohner gemeinsam betreuten. Auch gebe es telemedizinische Ansätze als Ergänzung zu den Hausbesuchen. Aber da sei man immer auf die Innovationsbereitschaft der Ärzte vor Ort angewiesen.

Der Pflegestützpunkt im Rems-Murr-Kreis, ein kostenloser und unabhängiger Lotse bei Fragen rund um das Thema Pflege, empfiehlt in solchen Fällen, die Heimleitung zur Arztsuche hinzuzuziehen. Denn die Ärzte, die schon ins Heim kämen, seien oft bereit, noch einen weiteren Patienten aufzunehmen. Auf diesem Wege hatte es am Ende bei dem alten Herrn auch geklappt – allerdings nicht, als die Familie mit diesem Argument in Praxen angefragt hatte. Da musste schon die Heimleitung selbst agieren. Das aber, also die Unterstützung der Angehörigen, so heißt es aus dem Landratsamt, „gehört ja auch zum Service der Pflegeheime“.

Seit Jahren wird es immer schwerer, Ärzte für Heimbewohner zu finden

Allerdings: Schon im letzten Kreispflegeplan, er wurde 2016 geschrieben, geht es um die zunehmende Schwierigkeit, Hausärzte für Heimbewohner zu finden. In diesem Kreispflegeplan bezieht man sich auf Zahlen, die schon aus dem Jahr 2013 waren: „Bei ihrem Einzug ins Pflegeheim hatten Bewohner von 13 der 56 Pflegeheime Schwierigkeiten, einen Hausarzt zu finden.“ Das Problem ist also wahrlich nicht neu. Zitiert wird hier ein Heim, das bei 15 Arztpraxen in der näheren Umgebung nachgefragt hatte, ob von dort aus Hausbesuche in der Einrichtung durchgeführt werden könnten. Nur eine Praxis habe zugesagt. „Bei allen anderen erhielten wir die Absage mit der Begründung, dass sich das für die Praxis nicht lohne.“ Geht es also doch um die Lukrativität?

Vor allem findet bei der Ärzteschaft zurzeit ein Wandel statt. Viele der niedergelassenen Hausärzte kommen ins Rentenalter, junge Ärzte legen oft keinen Wert mehr auf Selbstständigkeit und wünschen sich eher ein Angestelltenverhältnis, oft auch Teilzeit. Der Rems-Murr-Kreis, heißt es aus dem Landratsamt, habe sich diesbezüglich gewappnet: Die Rems-Murr-Kliniken können nach einer Satzungsänderung auch im Bereich „Medizinische Versorgungszentren“ tätig werden. Arztsitze, die keinen Nachfolger finden, können zukünftig in Absprache mit den niedergelassenen Ärzten von den Rems-Murr-Kliniken übernommen und mit angestellten Ärzten betrieben werden. Das allerdings ist noch Zukunftsmusik.

Wenn sie davon erzählt, klingt es noch immer, als drücke eine Riesenlast sie nieder. Dabei ist ja inzwischen alles gut: Ihr Vater ist ärztlich versorgt. Doch das ging nur über Beziehungen. „Kann das denn sein?“, fragte sie sich. Dürfen Hausärzte einen alten Herrn einfach im Stich lassen?

Ihr Vater ist 85 Jahre alt und nicht mehr ganz gut beieinander. Bis vor kurzem lebte er noch zu Hause, mit der Hilfe einer Pflegekraft. Doch deren Unterstützung reichte nicht mehr aus. Der alte Herr

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper