Rems-Murr-Kreis

Kein Mord, nur Totschlag? Neue Hintergründe zum Tötungsdelikt Weinstadt

Symbolfotobahnhofendersbach
Tatort Bahnhof Endersbach: Zu den Hintergründen des Tötungsdelikts hält die Polizei sich weiterhin bedeckt. © Gaby Schneider

Zum Tötungsdelikt Anfang Juni in Weinstadt halten sich Staatsanwaltschaft und Polizei weiterhin auffällig bedeckt – eine wichtige neue Information aber gibt es: Offenbar wird es eher nicht zu einer Anklage wegen Mordes kommen, sondern lediglich wegen Totschlags. Was bedeutet das?

Ein Jugendlicher tatverdächtig - das hat Folgen

Gegen 5.30 Uhr am Freitagmorgen, 4. Juni, wurde am Bahnhof Endersbach eine Leiche aufgefunden. Schon der erste Augenschein legte nahe: Der Mann war umgebracht worden. Eine Obduktion bestätigte: Das Opfer „wurde durch massive äußere Gewaltanwendung getötet“, wie es in einer Pressemitteilung der Polizei hieß. Bei dem Toten handelte es sich um einen 48-Jährigen aus dem Rems-Murr-Kreis, möglicherweise einen Wohnsitzlosen. Noch am selben Freitag ermittelte die Kripo Waiblingen den Tatverdächtigen: einen 17-Jährigen. Am Samstag, 5. Juni, wurde er festgenommen und befindet sich nun in U-Haft.

Seither geben Polizei und Staatsanwaltschaft nur wenig preis. Das hat einen Grund: Bei minderjährigen Tatverdächtigen sind weitreichende Schutzregeln zu beachten.

Andererseits gibt es natürlich ein sehr berechtigtes allgemeines Interesse, mehr zu erfahren – das Verbrechen hat sich im öffentlichen Raum abgespielt und ist damit geeignet, das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung schwer zu erschüttern.

Mord oder Totschlag - eine juristisch wichtige Unterscheidung

Immerhin, ein Schlüsseldetail hat eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft mittlerweile offenbart: Es bestehe der „Verdacht des Totschlags“. Offenbar also geht die Behörde nicht von Mord aus.

Verbreiteter Irrtum: „Totschlag“ sei so etwas wie ein Versehen, eine aus dem Ruder gelaufene Körperverletzung. Dafür aber gibt es einen eigenen Tatbestand: „ Körperverletzung mit Todesfolge“. Sie liegt laut Gesetz vor, „wenn der Täter zwar eine Verletzung beabsichtigt hat, aber das Opfer nicht töten wollte“.

Der Totschlag hingegen bezeichnet die vorsätzliche Tötung eines Menschen; bei der allerdings die Kriterien für Mord nicht erfüllt sind.

Als Mordmerkmale gelten:

  • Niedrige Beweggründe – dazu gehören zum Beispiel Handeln aus selbstzweckhafter Mordlust (wenn es dem Täter allein darum geht, einen Menschen sterben zu sehen oder sich die Zeit zu vertreiben), zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier (Raubmord, bezahlter Auftragsmord) oder sonstigen niedrigen Beweggründen (wie Ausländer- und Rassenhass).
  • Verwerfliche Begehungsweise – dazu gehören zum Beispiel Heimtücke (einen Schlafenden oder völlig Arg- und Ahnungslosen hinterrücks überfallen), ein besonderes Maß an Grausamkeit (Foltermord) oder der Einsatz eines gemeingefährlichen Mittels (Zündung einer Bombe an einem belebten Ort oder Brandstiftung in einem von mehreren Personen bewohnten Haus).
  • Um einen Mord handelt es sich auch, wenn jemand einen Menschen tötet, um eine andere Straftat zu vertuschen oder zu ermöglichen.

Im Weinstädter Fall scheint die Staatsanwaltschaft all das also auszuschließen. Was bleibt? Hörensagen geht um; nichts davon ist gesichert oder polizeilich bestätigt. Wir können solche Gerüchte nur unter deutlichem Vorbehalt wiedergeben: Angeblich sei keine Waffe im Spiel gewesen, das Opfer sei Schlägen und Tritten erlegen. Ein sich aufschaukelnder Streit? Spekulation.

Höchststrafe zehn Jahre - das steht bereits fest

Ob der Fall jemals in aller Breite vor der Öffentlichkeit dargelegt wird, ist zweifelhaft. Mit mindestens einer weiteren Pressemitteilung ist im Lauf der kommenden Wochen oder Monate zwar zu rechnen – der Gerichtsprozess aber wird nichtöffentlich ablaufen, ohne Zuschauer, auch ohne Medien, da es sich beim Angeklagten um einen Minderjährigen handelt. Anders sähe es aus, wenn mehrere Leute gemeinschaftlich die Tat begangen hätten und einer von ihnen älter als 18 wäre. Dann würde dieser eine Beteiligte das ganze Verfahren quasi für die Öffentlichkeit aufschließen.

Eines steht ebenfalls schon fest: Der 17-Jährige wird definitiv zu maximal zehn Jahren Haft verurteilt werden. Minderjährige werden nach Jugendstrafrecht verurteilt, und da liegt die Höchststrafe – selbst im Falle eines Mordes – bei zehn Jahren, es gibt keine Ausnahme. Auch für Totschlag könnte es prinzipiell wohl zehn Jahre geben; praktisch aber eher weniger.

Anders sähe es bei einem Heranwachsenden – einem jungen Menschen zwischen 18 und 21 Jahren – aus: Meist kommt zwar auch bei so jemandem noch Jugendrecht zur Anwendung; aber im Falle eines Mordes und darüber hinaus einer „besonderen Schwere der Schuld“ beträgt der Strafrahmen dann 15 Jahre. Der entsprechende Passus im Jugendgerichtsgesetz wurde erst vor wenigen Jahren eingefügt – in Reaktion auf den Mordfall Yvan Schneider.

Schneider wurde im August 2007 auf einer Streuobstwiese in Rommelshausen brutal erschlagen, aus vollkommen nichtigem Anlass. Der Haupttäter Deniz E. war damals Heranwachsender, schon volljährig, noch keine 21. Er wurde zur seinerzeit höchstmöglichen Strafe von zehn Jahren Jugendhaft verurteilt. Das sprach dem Gerechtigkeitsempfinden derart breiter Bevölkerungsteile nicht nur im Remstal so heftig Hohn, dass der Gesetzgeber reagierte.

Zum Tötungsdelikt Anfang Juni in Weinstadt halten sich Staatsanwaltschaft und Polizei weiterhin auffällig bedeckt – eine wichtige neue Information aber gibt es: Offenbar wird es eher nicht zu einer Anklage wegen Mordes kommen, sondern lediglich wegen Totschlags. Was bedeutet das?

Ein Jugendlicher tatverdächtig - das hat Folgen

Gegen 5.30 Uhr am Freitagmorgen, 4. Juni, wurde am Bahnhof Endersbach eine Leiche aufgefunden. Schon der erste Augenschein legte nahe: Der Mann war

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