Rems-Murr-Kreis

Kein russisches Gas mehr - und dann? Steigt die Arbeitslosigkeit immens?

Christine Käferle Leiterin Arbeitsagentur Waiblingen
Christine Käferle leitet die Agentur für Arbeit Waiblingen. © Büttner

Auf Twitter tobt zurzeit eine Schlammschlacht unter Leuten, die als Top-Ökonomen wahrgenommen werden wollen. Es geht um diese Frage: Was würde passieren, sollte aus Russland kein Gas mehr nach Deutschland gelangen? Welche Folgen hätte das für die heimische Wirtschaft, für den Arbeitsmarkt? Hätte ein von Deutschland veranlasster Kaufstopp überhaupt die gewünschten Auswirkungen auf Putins Krieg?

Dass Antworten auf solch schwierige Fragen mit höchster Unsicherheit behaftet sein müssen und hochpolitisch sind, liegt auf der Hand. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) hält gar öffentlich kommunizierte Prognosen, wonach das Bruttoinlandsprodukt um 0,5 bis drei Prozent zurückgehen könnte, für „nicht ungefährlich“: Entsprechende Rechenmodelle darf man sich gespickt mit Fallstricken vorstellen; „ein falsches Modell, dessen Ergebnisse an die Öffentlichkeit gebracht werden, kann schlimmer sein, als keines zu haben“, findet IMK-Direktor Sebastian Dullien.

"... dass er irgendwen mit einer Torte abwirft"

Im wohlstandsverwöhnten Deutschland diskutiert man munter über mutmaßliche Folgen eines Lieferstopps oder Energie-Embargos, während in der Ukraine Menschen sterben. Wäre die Lage dort nicht so ernst und wäre es nicht so unsagbar traurig, was vor den Augen der Welt jeden Tag geschieht – könnte man sich entspannt über die in Twitter-Kommentaren unverhohlen zur Schau gestellte Eitelkeit diverser Expert/-innen amüsieren. „So wie er auf Twitter immer ausrastet, muss man ja Angst haben, dass er irgendwen mit einer Torte oder Banane abwirft“, heißt es als Reaktion auf die Info, ein bestimmter Ökonom habe es in Markus Lanz’ Talkshow geschafft. „Von XY zitiert werden ist fast so geil wie von YX blockiert werden“, heißt es an anderer Stelle – in etwa in diesem Stil verläuft ein Teil der Kommunikation, während sich andere um Sachlichkeit bemühen.

In einem Interview mit der taz sagt der Wirtschaftsweise Achim Truger, er rechne mit mehreren 100 000 zusätzlichen Arbeitslosen, sollte Deutschland ein Energie-Embargo gegen Russland verhängen. Der Staat könnte zwar eine Wirtschaftskrise mutmaßlich abfedern, doch „jetzt stehen die Strukturen der industriellen Produktion zur Diskussion. Der tiefgreifende Strukturwandel von fossiler zu erneuerbarer Energie muss nun viel schneller kommen“, so Truger im Interview.

Nach wie vor sehr gesucht: Qualifiziertes Fachpersonal

Was wäre, wenn: Zu Spekulationen welcher Art auch immer lässt sich freilich die Waiblinger Arbeitsagentur nicht hinreißen, das ist auch gar nicht ihre Aufgabe. Im jüngsten Bericht, die Rems-Murr-Arbeitsmarktlage im März betreffend, verweist Agenturleiterin Christine Käferle auf den anhaltenden Bedarf an qualifizierten Mitarbeiter/-innen.

Während im Agenturbezirk die Arbeitslosenquote junger Menschen unter 25 Jahren in den vergangenen vier Wochen um 0,1 Prozentpunkte auf 2,3 Prozent anstieg, ging diese bei den über 50-Jährigen um 0,2 auf 3,8 Prozent zurück, wie es im jüngsten Bericht der Arbeitsagentur heißt. „Um diese Zeit enden die dreieinhalbjährigen Berufsausbildungen, und nicht alle Auszubildenden werden nach abgeschlossener Prüfung vom Ausbildungsbetrieb übernommen. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit bei dieser Altersgruppe ist daher durchaus üblich. Erfahrungsgemäß finden diese frisch ausgebildeten Fachkräfte jedoch schnell wieder eine Stelle“, wird Christine Käferle in der Mitteilung der Arbeitsagentur zitiert. Besonders erfreut zeigt sich die Leiterin darüber, dass in den vergangenen Wochen auch Personengruppen, die sich bislang auf dem Arbeitsmarkt eher schwertaten, von der hohen Nachfrage profitieren konnten: Ältere Personen wie auch von Langzeitarbeitslosigkeit Betroffene konnten demnach vermehrt ihre Arbeitslosigkeit beenden.

Auf Twitter tobt zurzeit eine Schlammschlacht unter Leuten, die als Top-Ökonomen wahrgenommen werden wollen. Es geht um diese Frage: Was würde passieren, sollte aus Russland kein Gas mehr nach Deutschland gelangen? Welche Folgen hätte das für die heimische Wirtschaft, für den Arbeitsmarkt? Hätte ein von Deutschland veranlasster Kaufstopp überhaupt die gewünschten Auswirkungen auf Putins Krieg?

Dass Antworten auf solch schwierige Fragen mit höchster Unsicherheit behaftet sein müssen

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