Rems-Murr-Kreis

Kinder jetzt gegen Corona impfen? Kinderärzte im Rems-Murr-Kreis sehr kritisch

Impfung Corona
Sollen auch Kinder unter zwölf Jahren gegen Corona geimpft werden? Selbst Fachärzte haben hier unterschiedliche Meinungen. © Benjamin Büttner

Die Corona-Welle überrollt den Kreis, und viele Eltern haben Angst um ihre Kinder. Für unter Zwölfjährige gibt es jedoch noch keinen zugelassenen Impfstoff, ganz zu schweigen von einer Empfehlung der Ständigen Impfkommission Stiko. Der Wunsch kommt auf, die Kinder trotzdem zu impfen. Aber: Die Kinderärztinnen und Kinderärzte im Kreis bieten keine „Off-Label“-Impfungen – also Impfungen schon vor Zulassung und Empfehlung – für Kinder an. Dr. Ralf Brügel, Sprecher der Kinderärzte, fasst die Überzeugung seiner Kolleginnen und Kollegen so zusammen: „Wären zehn Millionen Erwachsene mehr geimpft, dann bräuchten wir diesen ganzen Zinnober nicht.“

Prof. Dr. Ralf Rauch, Chef der Kinderklinik im Rems-Murr-Klinikum Winnenden, ist der festen Überzeugung, dass auch die Jüngeren mit einer Impfung vor Corona geschützt werden müssen. Er hat schwere Fälle auf seiner Station behandelt, auch Kinder mit PIMS-Syndrom, jener Corona-Folge, bei der sich die Organe im Körper entzünden. Er hat gesehen, wie die Kinder leiden. Er hat deshalb schon Impfungen an unter Zwölf-jährige verabreicht.

Kinderarztpraxen völlig überlastet – aber nicht wegen Corona-Patienten

Ralf Brügel – er hat eine Praxis in Schorndorf – hat vor wenigen Tagen verzweifelt versucht, ein schwer krankes Baby in einer der umliegenden Kinderkliniken unterzubringen. Das Baby allerdings hatte nicht Corona, sondern eine Atemwegserkrankung namens RSV. Das „Respiratory Syncytial Virus“ ist für Kinder ab zwei oder drei Jahren meist harmlos. Sie bekommen eine Erkältung. Kleinere aber können schwerst daran erkranken. Die Kinderarztpraxen sind zurzeit voll mit RSV-erkrankten Kindern. Die Kinderarztpraxen seien sowieso aktuell „pickepackevoll“, sagt Brügel. Allerdings, so die einmütige Auskunft, nicht mit Corona-Patienten. Brügel sagt, er selbst habe, Stand jetzt, kein einziges Kind wegen Corona ins Krankenhaus einweisen müssen.

Jetzt aber laufen in diese bedrückend überlasteten Praxen immer mehr Anfragen nach "Off-Label"-Corona-Impfungen ein. Die Kinderärztinnen und -ärzte im Rems-Murr-Kreis erklären einhellig: Impfungen bei Kindern unter zwölf möchte keine Praxis anbieten. Nicht, solange die Stiko die Impfung nicht empfohlen hat. Überhaupt, erklärt Brügel, sei die Mehrheit der Kolleginnen und Kollegen beim Impfen von Kindern unter zwölf weiterhin sehr zurückhaltend.

Stiko-Chef Mertens verlangt: Impfstoff muss sehr sicher sein

Die niedergelassenen Kinderärzte schließen sich hier der Meinung von Stiko-Chef Thomas Mertens an. Er hatte erklärt, es lägen noch nicht genügend Daten vor, um den Biontech-Impfstoff auch für Kinder empfehlen zu können. Seltene Nebenwirkungen könnten aktuell noch nicht erfasst werden. Außerdem gebe es noch immer wenig Daten zu Langzeitfolgen einer Infektion mit dem Coronavirus bei Kindern. Diese Langzeitfolgen müssten aber gegen mögliche Nebenwirkungen der Impfung abgewogen werden. Da man wisse, dass die Krankheitslast bei Kindern gering ist – das heißt, dass Kinder selten sehr schwer erkranken –, müsse man auch sicher sein, dass der Impfstoff sehr sicher sei.

Ein Kinderarzt aus dem Kreis schrieb Brügel in einer Mail: „Eine Impfung für Kinder unter zwölf Jahren halte ich aktuell für nicht indiziert.“ Dieser Arzt bietet auch für Jugendliche ab zwölf nur „vereinzelt“ Impfungen an.

Natürlich: Ausnahmen gibt es immer. Ralf Brügel hat selbst schon Kinder gegen Corona geimpft. Allerdings litten diese an sehr schweren Vorerkrankungen. Der Arzt, der sich in der Mail so kritisch äußert, führt ebenfalls eine Ausnahme an: „Vater Neudiagnose Krebs“.

Sobald der Impfstoff zugelassen ist, bietet die Kinderklinik Impfaktionen an

Was aber sollen Eltern tun, die trotz der ausgesprochenen Zurückhaltung der Kinderärzte ihre Kinder gegen Corona impfen lassen wollen? Noch heißt es auf jeden Fall warten. Und zwar, bis die europäische Arzneimittelagentur EMA den Impfstoff für Kinder im Alter zwischen fünf und zwölf zugelassen hat. Biontech hat die Zulassung beantragt, in den USA ist der Impfstoff für Kinder seit dem 2. November zugelassen. Die EMA kündigte an, noch vor Weihnachten entscheiden zu wollen. Bis die Stiko ihre Empfehlung ausspricht, wird es allerdings deutlich länger dauern.

Doch auf die Stiko-Empfehlung wollen das Landratsamt und die Kinderklinik nach der EMA-Zulassung nicht warten. Man wolle wieder „schnell ein Impfangebot“ machen. Schon im Sommer gab es eine Impfaktion für Jugendliche ab zwölf, noch bevor die Stiko eine Empfehlung für diese Altersgruppe ausgesprochen hatte.

So soll es jetzt auch wieder passieren. Landrat Dr. Richard Sigel will damit auch die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte entlasten, die sich angesichts ihrer Überlastung eine Ausweitung ihres Impfangebots in der Mehrzahl kaum vorstellen können.

Kinderklinik-Chef Ralf Rauch sagt: „Sobald die Zulassung da ist und die Eltern das wollen, werden wir daher Impfangebote machen und planen Impfaktionen in der Kinderklinik der Rems-Murr-Kliniken.“

Die Corona-Welle überrollt den Kreis, und viele Eltern haben Angst um ihre Kinder. Für unter Zwölfjährige gibt es jedoch noch keinen zugelassenen Impfstoff, ganz zu schweigen von einer Empfehlung der Ständigen Impfkommission Stiko. Der Wunsch kommt auf, die Kinder trotzdem zu impfen. Aber: Die Kinderärztinnen und Kinderärzte im Kreis bieten keine „Off-Label“-Impfungen – also Impfungen schon vor Zulassung und Empfehlung – für Kinder an. Dr. Ralf Brügel, Sprecher der Kinderärzte, fasst die

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