Rems-Murr-Kreis

Kinder und der Ukraine-Krieg: Was uns hilft, um dem Trauma zu begegnen

Pretzell Psychotherapeutin
Hanna Judith Pretzell. © ZVW / Rainer Bernhardt

Das rote Monster hat kein Gesicht, dafür aber Schnellfeuerwaffen. Es überragt das kleine Männchen, das lediglich einen Stein vor sein Gesicht hält, um sich zu verteidigen. „Kann das Gute überhaupt siegen?“, fragt der fünfjährige Junge, der die Szene während einer Therapiestunde aufgebaut hat.

„Es war nicht klar, ob der Junge in dieser archetypisch an David und Goliath erinnernden Szene das Gute innerseelisch gemeint hat oder sich auf den Ukraine-Krieg bezog“, berichtet Hanna Judith Pretzell, die seit vielen Jahren als Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin in Weinstadt praktiziert. Wichtig sei im ersten Schritt auch nicht die Interpretation, sondern dass Kinder Ausdrucksmöglichkeiten finden für das, was sie bewegt. Und dass wir Erwachsenen sie dabei unterstützen – ohne zu bewerten. Die genaue Bedeutung ergebe sich dann meist im Verlauf der Behandlung.

Wenn Kinder extreme Szenen darstellen

„Wir dürfen nicht geschockt reagieren, sondern sollten uns zurücknehmen, wenn Kinder aggressive oder gewaltvolle Szenen darstellen“, erklärt die Psychotherapeutin. Zunächst einmal lernten Kinder über Archetypen - also über extreme Pole - die Dimensionen des menschlichen Lebens kennen. „Je jünger das Kind, desto schwarz-weißer drückt es sich aus“, sagt Pretzell. Das sei aber in den allermeisten Fällen nicht wörtlich beziehungsweise konkret zu verstehen, sondern sinnbildlich. Besonders kleine Kinder experimentierten oft im symbolischen Zusammenhang mit Aggression und Gewalt, ähnlich wie im Märchen, wenn das Böse gegen das Gute kämpft. Über Malen, Spielen, über Musik und mit Hilfe von Erwachsenen, die ihre Gefühle spiegelten, erforschten Kinder dann mehr und mehr die Zwischentöne und lernen letztlich, sich differenziert und authentisch mitzuteilen.

Die Konfrontation mit dem Krieg 

Das Böse, Aggression und Gewalt, all das liege in der menschlichen Natur. Eine Tatsache, die viele Erwachsene im Alltag verdrängten. Nun geht das nicht mehr. Der Ukraine-Krieg stellt unsere Vorstellung einer sicheren, friedlichen Welt infrage und schafft Angst. Aber es liege an uns, so Pretzell, ob wir uns von der Angst beherrschen lassen und stressbedingt – also in Extremen - reagieren oder unsere Gefühle und Möglichkeiten in ihrer vollen Bandbreite wahrnehmen, verarbeiten und angemessen ausdrücken. Und das auch Kindern spiegeln und vorleben.

Aber wenn jetzt mehr und mehr ukrainische, womöglich schwer traumatisierte Kinder in die ohnehin überfüllten Kitas und Schulklassen kommen – rollt da nicht ein gewaltiges Problem auf uns zu?

„Es kommt auf unsere Perspektive an“, sagt die Psychotherapeutin. „Wir sollten uns nicht die Katastrophe vorstellen, sondern die Wirklichkeit im Moment wahrnehmen und den Blick auf die Möglichkeiten und Ressourcen der Menschen, die bei uns ankommen, richten und kreativ sein.“ Denn wenn wir glauben, dass die Integration ukrainischer Flüchtlinge gelingen kann, wenn wir wahrnehmen, was wir auch von ihnen lernen können, dann fördern wir eine positive Zukunft schon allein mit unserem Denken.

Das bedeutet zunächst einmal, ukrainische Kinder mit einer Willkommenskultur, die bislang schon bemerkenswert sei, anzunehmen und nicht gleich mit dem Stempel „Trauma“ zu stigmatisieren.

"Nicht so viel reden" - dafür die Selbstwirksamkeit fördern

Ideen, was dann konkret helfen kann, hat Pretzell viele: Viel Struktur und Autonomie im Alltag - sowohl für geflüchtete Kinder als auch ihre Angehörigen - förderten ein Gefühl von Sicherheit und Selbstwirksamkeit. Besonders bei Kindern gelte: „Nicht zu viel reden“. Dafür aber Angebote zu schaffen, bei denen die Kinder die Möglichkeit haben, kreativ zu sein und das Tempo selbst zu bestimmen. „Dieser Freiraum ist besonders wichtig“, sagt Pretzell. Dabei müsse das direkte Erleben in den Vordergrund gerückt werden, Medienkonsum hingegen sei sehr vorsichtig zu dosieren. Besonders bei jüngeren Kindern.

Angebote in der Natur seien besonders gut für die Seele. Nicht nur für Kinder. Nicht nur für Menschen, die ein Trauma erlebt haben. Zudem könne man bei gemeinsamen Unternehmungen, etwa Ausflügen, Naturerlebnistagen, sportlichen Aktivitäten oder eben über künstlerische und musikalische Angebote gut in Kontakt kommen, ohne dass Sprachbarrieren im Vordergrund stünden. Rollenspiele, Pantomime, Musizieren, Malen und Gestalten – all das seien international verständliche Ausdrucksmöglichkeiten, die nicht nur das soziale Miteinander, sondern auch die Selbstwirksamkeit stärkten. Denn: „Selbstwirksamkeit ist einer der größten Heilfaktoren – gerade bei Traumata“, erklärt Pretzell.

Wäre denn zu viel Neues, zu viel Kontakt in fremder Sprache überhaupt verkraftbar? Oder sollten ukrainische Flüchtlinge nicht besser zunächst vor allem miteinander vernetzt bleiben und rein ukrainische Klassen und Spielgruppen bilden?

„Aus entwicklungspsychologischer Sicht wäre beides wünschenswert“, sagt die Psychotherapeutin. Es wäre beispielsweise hilfreich, wenn ukrainische Mütter möglichst unbürokratisch in den Schul- und Kita-Alltag einbezogen werden könnten. Als zusätzliche Kräfte, die sicher gebraucht würden.

Eine ihrer Ideen wäre auch, Praktika für Psychotherapie-Studenten in Schulklassen zu ermöglichen. „Gruppentherapie“ als reguläres Unterrichtsfach sozusagen, um das soziale Lernen und die psychische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen zu fördern und mit zunehmendem Alter vielleicht auch das Thema Krieg seelisch zu bearbeiten.

Für geflüchtete Jugendliche, die sich naturgemäß gerade von ihren Eltern abnabeln und nun ad hoc ihren Freundeskreis verloren haben, sei die Situation besonders herausfordernd. „Von ihnen wird eine hohe Anpassungsleistung gefordert“, erklärt die Psychotherapeutin. Im Jugendalter sollten Eltern daher auch bei uns durchaus den Krieg thematisieren. Am besten über das persönliche Gespräch und nur wenig, und wenn, dann kritisch-reflektiert mittels Bildschirmmedien. „Aber auch bei Jugendlichen gilt, Eltern können aufklären, sensibilisieren. Sie sollten ihre Kinder aber nicht ‚pushen‘, ukrainischen Jugendlichen zu helfen. Die Motivation dafür muss von den Jugendlichen selbst kommen.“

Das rote Monster hat kein Gesicht, dafür aber Schnellfeuerwaffen. Es überragt das kleine Männchen, das lediglich einen Stein vor sein Gesicht hält, um sich zu verteidigen. „Kann das Gute überhaupt siegen?“, fragt der fünfjährige Junge, der die Szene während einer Therapiestunde aufgebaut hat.

„Es war nicht klar, ob der Junge in dieser archetypisch an David und Goliath erinnernden Szene das Gute innerseelisch gemeint hat oder sich auf den Ukraine-Krieg bezog“, berichtet Hanna Judith

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