Rems-Murr-Kreis

Kinderpornografie in Chat-Gruppen: Wenn Kinder und Jugendliche zu Tätern werden

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Vielen Jugendlichen ist nicht bewusst, dass die Verbreitung, der Besitz oder die Herstellung von Kinder-Pornografie strafbar ist. © Davide Angelini / adobe.stock

Straftaten im Zusammenhang mit Kinderpornografie-Fällen sind in Baden-Württemberg im vergangenen Jahr deutlich gestiegen. Auch im Rems-Murr-Kreis nahm die Zahl zu. Immer häufiger sind es vor allem Jugendliche, die ins Visier der Ermittler geraten. Im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Aalen gab es in den letzten fünf Jahren folgende Entwicklungen:

Kinder (unter 14 Jahre) als Tatverdächtige wegen der Verbreitung, des Erwerbs, des Besitzes oder der Herstellung von Kinder-Pornografie:

  •  2017: 0
  • 2018: 3
  • 2019: 4
  • 2020: 8
  • 2021: 36

Jugendliche (14-17 Jahre) als Tatverdächtige wegen der Verbreitung, des Erwerbs, des Besitzes oder der Herstellung von Kinder-Pornografie:

  • 2017: 5
  • 2018: 5
  • 2019: 20
  • 2020: 50
  • 2021: 71

Ob die Tatverdächtigen sich in Chatgruppen bewegten, wird aus der polizeilichen Kriminalstatistik nicht ersichtlich. Die Statistik listet lediglich die Zahlen für die Verbreitung, den Erwerb, den Besitz und die Herstellung von Kinder- und Jugendpornographie durch Kinder und Jugendliche auf.

Warum verbreiten Jugendliche Kinder- und Jugendpornografie?

Doch warum werden Kinder und Jugendliche zu „Tätern“? Darüber haben wir mit Heidrun Heidenfelder gesprochen. Die 52-Jährige ist Diplom-Sozialpädagogin und Systemische Therapeutin. Sie arbeitet bei der Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt des Kreisjugendamtes. Ihr Schwerpunkt ist die Arbeit mit betroffenen Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die Sozialpädagogin weist darauf hin, dass bei der Anlaufstelle auch Beschuldigte betreut und beraten werden, dass die Stelle jedoch momentan nicht besetzt ist.

Den Begriff „Täter“ möchte sie im Zusammenhang mit Kindern und Jugendlichen eigentlich nicht verwenden. Das begründet sie damit, dass das Fehlverhalten im Lebensabschnitt oftmals noch durch Interventionen korrigiert werden kann und den Kindern und Jugendlichen das Bewusstsein für eine Straftat oft fehle.

Fehlendes Bewusstsein für eine Straftat

„Kinder und Jugendliche verbreiten diese Bilder oft auch aus Unwissenheit.“ Einerseits eben aus fehlendem Bewusstsein, dass sie eine Straftat begehen, andererseits können sie nicht nachvollziehen, dass andere Kinder und Jugendliche in diesen Videos oder Bildern massive Gewalt erleben.

Das mache sich auch in ihrer Vorgehensweise bemerkbar. „Kinder versuchen erst gar nicht, ihre Handlungen zu vertuschen, wohingegen Erwachsene, die Kinderpornografie konsumieren oder verbreiten wollen, das verdeckt und mit sehr viel technischer Raffinesse machen.“ 

Fehlende Empathie für die Opfer

Wenn Heidrun Heidenfelder mit Beschuldigten über ihre Beweggründe spricht, erklärten diese ihre Handlung beispielsweise damit, dass sie unter einem Gruppendruck gestanden haben. Viele würden auch gar nicht darüber nachdenken. Sie seien selber so entsetzt über die Bilder, die sie auf ihr Handy bekommen, dass sie die Bilder in diesem Entsetzen auch selber verbreiten. Zudem fehle es an Empathie für die Opfer, die in den Videos dargestellt werden.

„Wir haben aber auch oft mit Kindern und Jugendlichen zu tun, die Bilder von sich selbst verschicken, zum Beispiel Selbstbefriedigungsvideos“. Den Kindern und Jugendlichen sei dabei nicht bewusst, dass das eigentlich auch Pornografie ist – Kinderpornografie, wenn sie unter 14 Jahren sind. Das ist in Deutschland komplett verboten - nicht nur die Weiterverbreitung, sondern auch das Herstellen ist strafbar. Viele Kinder seien völlig entsetzt, wenn sie das erfahren, sagt die Sozialpädagogin.

Zahl der jugendlichen „Tatverdächtigen“ hat sich mehr als verzehnfacht

Im Übrigen sei auch der Begriff der „Kinderpornografie“ problematisch und falsch, weil er falsche Assoziationen hervorrufe. „Das wurde auch im Gesetz geändert. Richtig ist, hier von Missbrauchsdarstellungen zu sprechen“, erklärt die Expertin.

Warum die Zahl in den letzten Jahren so stark angestiegen ist, sei auch Corona geschuldet. „Kinder und Jugendliche saßen sehr viel länger am PC und hatten viel Onlinekonfrontation.“ Das zeige sich daran, dass die Zahl der Verbreitung von Missbrauchsdarstellungen von Kindern und Jugendlichen sich in Baden-Württemberg mehr als verzehnfacht habe. „Laut Polizeistatistik gab es im Jahr 2018 circa 1300 Tatverdächtige unter 18 Jahren, also Kinder und Jugendliche. 2021 lag die Zahl bei circa 14.500 Tatverdächtigen“, so Heidrun Heidenfelder.

Nach Angaben der Pressestelle des Polizeipräsidiums Aalen hängt der Anstieg auch damit zusammen, dass zum Beispiel das National Center for Missing and Exploited Children (Nationales Zentrum für vermisste und ausgebeutete Kinder) aus den USA die Polizei in Deutschland viel häufiger über die Verbreitung von kinder- oder jugendpornografischen Inhalten informiert.

Woher kommen die kinder- und jugendpornografischen Videos?

Wie die Kinder und Jugendlichen an solche Videos und Bilder herankommen, sei nicht so leicht nachzuvollziehen, so Heidrun Heidenfelder. Oft werden solche Sachen in Klassenchats geteilt. Die Sozialpädagogin hatte es unlängst mit Kindern zu tun, die bereits in der dritten Klasse solche Bilder erhalten hatten. Das Entsetzen darüber könne einerseits dazu führen, dass die Kinder gar nichts sagen. Andererseits kann es aber auch passieren, dass sie die Bilder und Videos an Freunde weiterschicken. Und das gehe im Zeitalter von Smartphones sehr schnell.

Neben der Verbreitung von Bildern und Videos komme es manchmal auch zu realen Übergriffen in Form von Mobbing, Mutproben oder Machtausübung. So werden zum Beispiel manchmal Selbstbefriedigungsvideos, Bilder von einer Brust, Scheide oder einem Penis im Rahmen von Sexting, also in einer bestehenden Beziehung, versendet. Geht die Beziehung dann zu Ende, werden die Bilder missbräuchlich weiterverbreitet, um den anderen bloßzustellen oder zu demütigen. 

Zu den familiären Hintergründen gefragt, sagt die Pädagogin, dass angefangen von der Förderschule bis hin zum Gymnasium alle sozialen Schichten sich unter den Beschuldigten befinden. Es sei einfach so, dass, je mehr Zeit man im Internet verbringt, desto eher werde man Opfer oder auch Täter. „Die letzten zweieinhalb Jahre waren die Kinder und Jugendlichen stundenlang im Internet – oft auch ohne Anleitung oder ohne Begleitung.“

Welche Sanktionen drohen Kindern und Jugendlichen?

Werden die Kinder oder Jugendlichen dabei erwischt, solche Bilder oder Videos zu verbreiten, droht eine Anzeige. Dabei komme es auch darauf an, wie alt die Beschuldigten sind. Unter 14 Jahren sei zwar mit eine Anzeige zu rechnen, die werde aber aufgrund des Alters eingestellt. Die Anzeige ist dann allerdings vermerkt, das bedeutet, dass die Beschuldigten bei der Polizei bekannt sind. Sind die Betroffenen über 14 Jahre, kann es tatsächlich zu einer Anzeige kommen, die auch Konsequenzen haben kann. Gesetzlich gesehen, ist es ein Straftatbestand.

Die „Täter“ zu ermitteln sei allerdings schwierig. Wo hat das Video oder Bild seinen Anfang genommen? „Wenn solche Dateien im Klassenchat verschickt werden, ist es wie ein Lauffeuer. Das Video wird auf Hunderte von Handys verschickt. Das zurückzuverfolgen an den Ursprung, ist schwierig“, so Heidrun Heidenfelder. Aufklärung, Wissensvermittlung und Sensibilisierung für das Thema sind sehr wichtig, die Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt bietet deshalb – manchmal in Kooperation mit der Polizei – Workshops zum Thema in Schulklassen.

Was können Eltern tun, um ihre Kinder zu schützen?

Die beste Möglichkeit, Kinder und Jugendliche zu schützen, ist Aufklärung zu leisten, sagt Heidrun Heidenfelder. Besonders wichtig sei, Interesse daran zu zeigen, was Kinder im Internet tun, ohne dabei zu sehr zu kontrollieren. „Eine gute Prävention ist, wenn Eltern sich zeigen lassen, was ihre Kinder im Internet machen, für welche Videos sie sich interessieren oder welche Spiele sie gerade spielen“.

Kinder, die aufgeklärt sind, seien besser geschützt – gerade auch was das Thema Sex betrifft. „Ich hatte vor zwei Jahren einen Neunjährigen, der das Handy seiner Mutter zum Spielen hatte. Die Mutter war einkaufen und er hat dann bei Google Sex eingegeben. Die Bilder, die er da gesehen hat, bekam er nicht mehr aus dem Kopf.“

Daher sollten Eltern offen mit Kindern über das Internet sprechen, wie etwa, dass sie auf Bilder oder Videos stoßen könnten, die ein unangenehmes Gefühl auslösen. Und dass man sich in solchen Fällen auch Hilfe holen darf – zum Beispiel bei der Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt. Das Argument, dass man sich mit dem Internet nicht auskenne, will Heidrun Heidenfelder dabei nicht gelten lassen.

„Eltern sollten die Verantwortung dafür nicht an Schulen oder sonstige Institutionen abgeben. Sie müssen sich für die Lebenswelt ihrer Kinder interessieren“.

Straftaten im Zusammenhang mit Kinderpornografie-Fällen sind in Baden-Württemberg im vergangenen Jahr deutlich gestiegen. Auch im Rems-Murr-Kreis nahm die Zahl zu. Immer häufiger sind es vor allem Jugendliche, die ins Visier der Ermittler geraten. Im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Aalen gab es in den letzten fünf Jahren folgende Entwicklungen:

Kinder (unter 14 Jahre) als Tatverdächtige wegen der Verbreitung, des Erwerbs, des Besitzes oder der Herstellung von

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