Rems-Murr-Kreis

Kirchen im Rems-Murr-Kreis: Warum immer mehr Menschen austreten

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Die Kirchen werden leerer, nicht nur während der Corona-Pandemie. © Gaby Schneider

2019 haben die evangelische und katholische Kirche so viele Mitglieder verloren wie nie zuvor. Zwar sind 2020 weniger Menschen aus den beiden großen christlichen Kirchen ausgetreten, dennoch bleibt der Mitgliederrückgang auf hohem Niveau. 38.330 Katholiken haben im vergangenen Jahr in Baden-Württemberg der Kirche den Rücken gekehrt, 20.593 Mitglieder die Evangelische Landeskirche in Württemberg verlassen.

Die württembergische und die westfälische Landeskirche wollten wissen, warum, und haben seit Oktober 2020 wurden dafür 464 Telefoninterviews mit Personen geführt, die im Vormonat ausgetreten waren. Das Ergebnis der Pilotstudie: Innere Distanz zum christlichen Glauben und die Kirchensteuer sind die beiden am häufigsten genannten Motive für einen Austritt aus der evangelischen Kirche. Glaubensverlust und Nutzen-Abwägung beeinflussen vor allem die Entscheidung der Befragten unter 40 Jahren. Als konkrete Anlässe für einen Austritt wurden aktuelle Themen wie zum Beispiel Missbrauchsskandale genannt oder auch persönliche Erlebnisse wie Ärger mit kirchlichen Mitarbeitenden.

707 Austritte im evangelischen Kirchenbezirk Waiblingen

Das Thema bewegt auch die Gemeinden im Rems-Murr-Kreis. „Jeder Austritt ist einer zu viel“, sagt Timmo Hertneck, Dekan des evangelischen Kirchenbezirks Waiblingen. Der Kirchenbezirk Waiblingen zählt aktuell 62.582 Mitglieder, 707 Menschen sind im vergangenen Jahr ausgetreten. Zum Vergleich: 2019 wurden 830 Austritte verzeichnet, 2016 waren es 577.

Die finanzielle Belastung durch die Kirchensteuer sei manchmal ausschlaggebend, entscheidender sind laut Hertneck aber innere Gründe: „Religion und Glaube werden ins Private verdrängt, man spricht nicht mehr darüber und wendet sich ab.“ Außerdem beobachtet er, dass alle Institutionen zunehmend misstrauisch beäugt würden. „Die Kirche als Institution wird in ihrer Bedeutung nicht mehr für wert geachtet, dass man Mitglied sein will.“ Timmo Hertneck würde die Frage gerne umformulieren: „Man sollte sich auch einmal fragen, was ein Dorf wäre, wenn keine Kirche mehr darin stünde“, sagt der Dekan und verweist auf die Bedeutung der Kirchen für Diakonie und Gemeinwesen.

425 Austritte im Bezirk Backnang, 473 im Bezirk Schorndorf

Auch in den beiden anderen evangelischen Kirchenbezirken im Rems-Murr-Kreis gehen die Mitgliederzahlen zurück. 39.121 Mitglieder zählt der Kirchenbezirk Backnang (Stand 31. Dezember 2020), 415 Menschen waren im vergangenen Jahr ausgetreten. Im Kirchenbezirk Schorndorf sind 2020 473 Mitglieder ausgetreten, aktuell zählt der Bezirk 48.281 Mitglieder.

Die Schorndorfer Dekanin Juliane Baur sorgt sich um die Zukunft. Der gesellschaftliche Trend geht zu einer immer größeren Individualisierung, es sei nicht mehr selbstverständlich, Mitglied der Kirche zu sein, vielmehr konkurriere die Kirche mit vielen anderen Möglichkeiten. Vor dieser Entwicklung dürfe man nun aber nicht stehen wie das Kaninchen vor der Schlange: „Jeder Mensch braucht etwas, das ihm hilft, das eigene Leben in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Wir müssen zeigen, dass der Glaube das kann und dass die Kirche Aufgaben übernimmt, die allen dienen.“ Die Kirche dürfe nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass die Menschen kommen, sondern müsse auf diese zugehen, auch abseits der traditionellen Wege, zum Beispiel in sozialen Medien und in Familienzentren.

966 Menschen verlassen die katholischen Gemeinden im Kreis

Auch die katholische Kirche will künftig noch mehr auf die Menschen zugehen und vermitteln, was Glaube bedeutet und wie er gelebt werden kann, sagt der katholische Dekan des Rems-Murr-Kreises, Wolfgang Kessler, denn: „Glaube ist nicht mehr selbstverständlich.“ Im April habe der Dekanatsrat deshalb beschlossen, eine 75-Prozent-Stelle für Glaubenskommunikation zu schaffen. Im Dekanatsbezirk leben derzeit 83.600 Katholiken, der Trend ist rückläufig. 966 Austritte wurden 2020 verzeichnet, 2019 waren es sogar 1155.

Die Gründe für den Austritt seien in jedem Einzelfall zu betrachten, sagt Kessler. Überwiegend vermutet er neben finanziellen Überlegungen und generellem Desinteresse Kritik an der Kirche als Institution. So wirke sich etwa der Missbrauchsskandal im Erzbistum Köln stark aus. Kesslers Erfahrung nach treten fast nur Menschen aus der Kirche aus, die keinen oder nur wenig Kontakt zur Kirchengemeinde vor Ort haben. „In den Gruppen und Kirchengemeinderäten der Gemeinden erlebe ich ein hohes Engagement.“

2019 haben die evangelische und katholische Kirche so viele Mitglieder verloren wie nie zuvor. Zwar sind 2020 weniger Menschen aus den beiden großen christlichen Kirchen ausgetreten, dennoch bleibt der Mitgliederrückgang auf hohem Niveau. 38.330 Katholiken haben im vergangenen Jahr in Baden-Württemberg der Kirche den Rücken gekehrt, 20.593 Mitglieder die Evangelische Landeskirche in Württemberg verlassen.

Die württembergische und die westfälische Landeskirche wollten wissen, warum,

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