Rems-Murr-Kreis

Kita-Streik: Mangelnde Wertschätzung und Gemecker - eine Erzieherin berichtet

Kita Streik
Symbolbild. © Alexandra Palmizi

„Ich finde den Streik der Erzieherinnen absolut verständlich und er betrifft uns alle“, sagt Sandra Roth, deren dreijähriger Sohn eine Waiblinger Kita besucht. „Schließlich geht es in erster Linie um das Wohl unserer Kinder.“ Gleichzeitig sei der Streik für Familien "knüppelhart". Eine Kitaleiterin aus dem Rems-Murr-Kreis, die sich anonym äußert, wünscht sich indes Solidarität.

Personalmangel, die Forderungen nach geringeren Betreuungsschlüsseln und mehr Kindern in einer Gruppe betrachtet die Mutter Sandra Roth mit großer Sorge. „Unserem Sohn geht es gut in seiner Kita. Wir sind zufrieden. Aber das ist längst nicht mehr der Normalfall. Und was soll erst mit den Kindern werden, die künftig in die Kitas kommen?“ 

Aber: „Für uns Familien ist der Streik gerade jetzt nach zwei Jahren Pandemie zermürbend und knüppelhart.“ Seit März müsse sie derzeit quasi wöchentlich eine alternative Betreuungsmöglichkeit suchen oder auf das Verständnis des Arbeitgebers hoffen. „Es gibt ja auch Eltern, die keine Großeltern vor Ort haben oder eben nicht im Home-Office arbeiten können.“  

„Mir ist klar, der Streik muss wehtun, sonst zeigt er keine Wirkung. Auch wenn das jetzt zu unseren Lasten geht.“ Roths großer Wunsch wäre jedoch, dass die Stadt Waiblingen oder andere Kita-Träger die Situation nicht einfach als gegeben voraussetzen, sondern gemeinsam mit den Eltern nach Lösungen suchen. „Es gibt bestimmt viele Eltern, die würden bei Kürzungen der Betreuungszeiten im Krankheitsfall oder eben an Streiktagen aushelfen, um die Gruppe offen zu lassen.“  

Kitaleiterin: Dauernde Meckereien und fehlende Wertschätzung

Auch eine Kita-Leiterin aus dem Rems-Murr-Kreis fühlt sich nach zwei anstrengenden Jahren Pandemie zermürbt. Sie möchte sich anonym äußern, weil sie sich ohnehin schon „dauernden Meckereien“ und fehlender Wertschätzung seitens der Eltern ausgesetzt sieht - und zudem auch die Rückendeckung ihres Trägers in einigen Situationen vermisst hat.

„Wir haben beim ersten Streiktag nicht mitgemacht. Den Kindern zuliebe“, erklärt sie. Aber nachdem von den Eltern keine Reaktion gekommen sei, kein „Dankeschön“, kein nichts – da habe man sich entschieden, doch zu streiken.

Aber: „Wir haben den Eltern auch schon vorgeschlagen, mit uns zu demonstrieren. Das wäre ein Zeichen. Denn eigentlich müssten wir doch an einem Strang ziehen.“

Sie könne sich nicht vorstellen, dass  Eltern glücklich damit sein könnten, ihre Kinder künftig in überfüllten Gruppen mit einer einzelnen Fachkraft betreuen zu lassen.  „Ich verstehe schon, dass nach dem Lockdown der Streik extrem hart ist für die Eltern. Das wissen wir übrigens auch aus eigener Erfahrung. Denn 80 Prozent der Erzieherinnen sind Mütter und können an Streiktagen oft gar nicht arbeiten, weil ihre eigene Kita geschlossen hat.“

Corona hat die Probleme verschärft

In den vergangenen zwei Jahren der Corona-Pandemie sei die Personalsituation auf ein ohnehin bedenkliches Maß heruntergefahren worden. Darunter habe die Qualität der Betreuung gelitten. „Das war in der letzten Zeit schon ein sehr angespanntes Arbeiten. Die Vorbereitungszeiten wurden immer mehr gekürzt. Dadurch blieben Integrationsmaßnahmen oder  gezielte Förderangebote, Ausflüge oder Bildungsangebote oft auf der Strecke.“

Zeitgleich hätten soziale und emotionale Probleme der Kinder durch die Pandemie stark zugenommen. „Wir beobachten im Alltag beispielsweise deutlich mehr körperliche Auseinandersetzungen, etwa Hauen oder Beißen. Den Kindern fehlt noch die Kompetenz, ihre Konflikte anders auszutragen. Ältere Kinder spielen zudem viel länger interessensgesteuert für sich und suchen erst später soziale Anknüpfungspunkte“, berichtet sie.

Das soziale Lernen in Krabbelgruppen oder in der Kita habe während des Lockdowns nicht stattfinden können. Wenn die unvorbereiteten Kleinkinder jedoch in die immer größeren Kitas kämen, seien sie häufig völlig überfordert. Dann wiederum fehle aber das Personal, um angemessen auf ihre Bedürfnisse einzugehen. „Es ist einfach ein Rattenschwanz, der immer weiter geht“, sagt sie.

Auch die besondere Aufgabe der Kita, auf das Schulsystem vorzubereiten, in dem von den Kindern noch höhere Anpassungsleistungen gefordert würden, könne häufig nicht mehr erfüllt werden.

Nicht umsonst hätten Erzieherinnen eine mehrjährige Ausbildung oder ein Studium absolviert. „Da frage ich mich angesichts der fehlenden Wertschätzung schon ,Warum habe ich das gemacht?'"

„Ich finde den Streik der Erzieherinnen absolut verständlich und er betrifft uns alle“, sagt Sandra Roth, deren dreijähriger Sohn eine Waiblinger Kita besucht. „Schließlich geht es in erster Linie um das Wohl unserer Kinder.“ Gleichzeitig sei der Streik für Familien "knüppelhart". Eine Kitaleiterin aus dem Rems-Murr-Kreis, die sich anonym äußert, wünscht sich indes Solidarität.

Personalmangel, die Forderungen nach geringeren Betreuungsschlüsseln und mehr Kindern in einer Gruppe

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