Rems-Murr-Kreis

Kitas vor dem Kollaps? So reagieren Eltern aus dem Rems-Murr-Kreis auf sinkende Standards

Tagesmütter
Weil immer mehr Erzieherinnen fehlen, müssen Eltern sich häufiger auf verkürzte Betreuungszeiten einstellen. © Alexandra Palmizi

Der Erzieherinnenmangel greift um sich. Immer häufiger müssen sich Eltern im Rems-Murr-Kreis auf verkürzte Betreuungszeiten einstellen - oder bekommen erst gar keinen Kita-Platz.

Mehr als 150 Forschende sehen das deutsche Kita-System bereits vor dem Kollaps und fordern die Politik in einem Positionspapier zum Handeln auf. Sie befürchten „eine Beschleunigung der Abwärtsspirale der Qualität“ und einen Zusammenbruch des Systems, so Initiator Professor Klaus Fröhlich-Gildhoff vom Zentrum für Kinder- und Jugendforschung an der Evangelischen Hochschule Freiburg Anfang September. Es drohe „die Gefahr, dass die Kindertageseinrichtungen von Lern- und Lebensorten für Kinder und Familien wieder zu reinen Aufbewahrungsstätten werden“.

Baden-Württemberg geht nun einen Schritt in diese Richtung: Es werde nichts anderes übrigbleiben, als die Standards in den Kitas weiter abzusenken, sagte der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann gegenüber dem SWR. Konkret heißt das nach jetzigem Stand: Der Mindestpersonalschlüssel soll weiterhin - wie während der in der Corona-Pandemie erlassenen Ausnahmeregelung - um 20 Prozent unterschritten werden dürfen. Eine Fachkraft kann zudem künftig dauerhaft von zwei Hilfskräften, im Notfall bis zu acht Wochen auch von nur einer Hilfskraft, ersetzt werden. Die maximale Gruppengröße soll von bisher 28 Kindern weiter erhöht werden - die genaue Zahl steht noch nicht fest. Der erste Entwurf einer neuen Verordnung, die rückwirkend zum 1. September gültig sein soll, ist bereits online.  (Montag, 19.9.2022, 7.30 Uhr)

Doch was bedeutet das für die betroffenen Kinder und ihre Familien? Eltern aus dem Rems-Murr-Kreis äußern sich:

Es führt kein Weg daran vorbei   

Maximilian Freiherr von Gaisberg-Schöckingen, Vorsitzender des Gesamtelternbeirats der Kindergärten in Weinstadt, sieht keine Alternative: "Auch wenn es nicht optimal ist, dass der Betreuungsschlüssel sich ändern wird, führt aktuell kein Weg daran vorbei." Die Gemeinden sind in der rechtlichen Verpflichtung, Betreuungsplätze zur Verfügung zu stellen, die Eltern sind darauf angewiesen. Auch die Option, Schadenersatz zu erhalten, wenn es nicht genug Plätze gibt, hilft nur wenig weiter. Die Qualität der Betreuung wird sicherlich darunter leiden, aber faktisch ist es aktuell der einzige Weg, dem Fachkräftemangel zu begegnen. Auch wenn dabei andere Wege - die aber längere Zeit brauchen, bis sie wirken - nicht vernachlässigt werden dürfen." Er selbst kompensiere Ausfälle und Einschränkungen als Selbstständiger über die Verlegung der Arbeitszeit in den Abend. 

Dann laufen die Fachkräfte davon

Caroline Böhme, Lehrerin in Korb und Mutter, warnt: "Da ich selber in einem pädagogischen Beruf arbeite, sehe ich in erster Linie die Nachteile für die Entwicklung der Kinder, da nicht ausreichend Zeit bleibt, um sich um die Bedürfnisse der Kinder zu kümmern. Die dringend notwendigen Elterngespräche werden auf ein Minimum reduziert, weil da im Alltag kein Platz mehr ist. Es wird nur noch an Defiziten oder mit Problemfällen gearbeitet." Hilfskräfte seien eine tolle Ergänzung, aber die Verantwortung liege ja weiterhin bei der Fachkraft. Erzieher fühlten sich doch bereits jetzt oft ausgebrannt, missverstanden und nicht wertgeschätzt. "Mal von der Bezahlung abgesehen, haben Erzieherinnen eine enorme, übrigens auch emotionale Belastung durch Lautstärke, Gruppengrößen und den fehlenden Entwicklungs- und Entfaltungsraum", schreibt Böhme. Hinzu käme der Druck, Kinder für die Schule fit zu machen, Flüchtlingskinder einzugliedern und Inklusionskinder zu betreuen." Gruppen zu vergrößern und dabei womöglich die Bezahlung beibehalten zu wollen, sei keine Lösung. "Dann haben wir nämlich bald keine Fachkräfte mehr, die mit Herzblut und Engagement in einem Kindergarten arbeiten wollen", findet Böhme.

Pläne auf Kosten von Kindern und ihren Familien

Eine Mutter aus Neustadt, die als Erzieherin arbeitet und deswegen nicht namentlich genannt werden möchte, findet die Pläne "schrecklich und unvorstellbar". Es sei bereits jetzt eine Herausforderung, den Alltag pädagogisch zu meistern, wenn die Gruppe nicht gut besetzt sei. Es gehe nicht nur um die Verwahrung, sondern auch um den Bildungsauftrag. Die Fachkräfte sorgen dafür, dass sich Kinder sicher fühlen und sich dadurch gut entwickeln können. Sie bereiten sie vor, selbstständig Aufgaben zu erledigen. Als Mutter und als Erzieherin kenne sie beide Seiten und warnt: "Vieles, was jemand 'oben' entscheidet, geht auf die Kosten der Kinder und Familien, die nichts dafür können." Der Beruf müsse attraktiver werden. "Schließlich sind die Kinder unsere Zukunft und das, was man in den ersten Jahren macht, prägt sie." 

Elena Ehrmann aus Weinstadt, Mutter eines Kindergartenkindes, sieht das ähnlich: "Ein solcher Vorschlag bewirkt meiner Meinung nach das Gegenteil: Die Arbeitsbedingungen werden noch schlechter, so dass sich der Mangel verstärkt und letztlich vor allem die Kinder darunter leiden." Eine fairere Entlohnung, attraktivere Arbeits- und Ausbildungsbedingungen und mehr gesellschaftliche Anerkennung  für den Erzieherberuf hält sie für essenziell, um den Erziehermangel zu bekämpfen.

Inklusion nicht mitgedacht

Carina Mainke aus Berglen ist Mutter von zwei Kindern. Ihr sechsjähriger Sohn Paul hat einen seltenen Gendefekt und dadurch Integrationsbedarf. Er gehe in  einen Regelkindergarten und werde dort sehr gut betreut. Doch Mainke macht sich Sorgen. Sie befürchtet, "dass bei der vorgeschlagenen Gruppenvergrößerung eine Inklusion noch schwieriger möglich ist und diese Gruppe an Kindern bei dem Konzept nicht mitgedacht wurde." Inklusion sei in Regel-Kindergärten bereits heute schwierig. Paul und befreundete Kinder mit Behinderung hätten in der Vergangenheit zeitweise aufgrund des Fachkräftemangels überhaupt nicht betreut werden können.

"Ich fürchte daher, dass unsere Kinder noch weniger in diversen Gruppen aufwachsen und Kinder mit Behinderung weiter an den Rand der Gesellschaft rücken. Dabei würde ich mir für meine beiden Kinder wünschen, dass sie Behinderungen in jeglicher Form im Alltag viel mehr erleben und als normal kennenlernen dürfen - auch schon im Kindergarten."

Warum nicht Rentner einbinden?

Auch Ralf Müller, der mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Waiblingen lebt, findet den vorgeschlagenen Betreuungsschlüssel "fast schon fatal". Da sei keinerlei persönliche Betreuung mehr möglich. Wer etwas anderes behaupte, habe keine Vorstellung davon, was Kinder bräuchten. Die Politik sei am Zug, den Beruf viel attraktiver zu gestalten und zudem Modelle zu finden, dass Betreuung auch wieder vermehrt zu Hause stattfinden könne. "Früher konnte eine Familie noch von einem Gehalt leben. Doch die Zeiten sind längst vorbei", sagt er.

"Ich fände es superschön, wenn man aktiv Leute einbinden könnte, die bereits in Rente sind", sagt Müller. "Warum macht man das nicht unkompliziert? Ich habe da kein Patentrezept, aber es gibt so viele Rentner, die besondere Talente haben, Handwerker sind, backen oder kochen können."  Er findet, sie könnten Kindern sehr viel beibringen, und berichtet von einem Großvater, der zweimal in der Woche in der Kita mit den Kindern mit Werkzeugen wie Säge, Bohrer oder Stemmeisen gearbeitet habe. "Das war sicherlich nicht ungefährlich", sagt Müller. Aber die Kinder seien begeistert und motiviert gewesen. Müller: "Ich denke, mit so einem Modell wäre einiges erreichbar."

Der Erzieherinnenmangel greift um sich. Immer häufiger müssen sich Eltern im Rems-Murr-Kreis auf verkürzte Betreuungszeiten einstellen - oder bekommen erst gar keinen Kita-Platz.

Mehr als 150 Forschende sehen das deutsche Kita-System bereits vor dem Kollaps und fordern die Politik in einem Positionspapier zum Handeln auf. Sie befürchten „eine Beschleunigung der Abwärtsspirale der Qualität“ und einen Zusammenbruch des Systems, so Initiator Professor Klaus Fröhlich-Gildhoff vom Zentrum

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper