Rems-Murr-Kreis

Kliniken am Limit: Verdruss, Überbelastung und Patientenverlegungen

Feature Krankenhaus
Nicht einen Mangel an intensivmedizinischen Geräten gibt es in den Krankenhäusern Baden-Württembergs, sondern einen Mangel an qualifiziertem Klinik-Personal, das nach zwei Jahren Pandemie obendrein erschöpft ist. © Habermann

Patienten-Verlegungen in andere Bundesländer werden wohl bald bittere Realität. „Wenn die vierte Welle, zum Beispiel durch einen Lockdown, nicht jetzt gebrochen wird, wird sich die Anzahl der Covid-Intensivpatienten in den Krankenhäusern Baden-Württembergs in spätestens zwei Wochen verdoppelt haben“, betont Prof. Dr. Mark Dominik Alscher, Vorstandsvorsitzender des Robert-Bosch-Krankenhauses (RBK). „Dies als zeitversetzte Nachwirkung der Inzidenzen. Das ist simple Mathematik.“ Das wären dann circa Ende November landesweit rund 900 Covid-Intensivpatienten, im RBK 90 bis 100: „Für uns und alle anderen Kliniken die definierte Obergrenze. Wir werden dann, wenn noch mehr dazukäme, um Patienten-Verlegungen in andere Bundesländer, die höhere Impfquoten und deren Krankenhäuser weniger belastet sind, nicht herumkommen“, so Alscher.

Patienten-Verlegungen innerhalb des Krankenhausclusters Stuttgart/Ludwigsburg, zu dem auch der Rems-Murr-Kreis und Esslingen gehören, würden jetzt schon gemacht. „Die Landesregierung hat die universitären Kliniken in Tübingen, Heidelberg, Ulm und Freiburg zwar entsprechend mit Finanzmitteln breit aufgestellt. Die haben noch etwas mehr Kapazitäten. Aber auch die werden schnell an ihre Grenzen kommen.“

„Bereits heute Mangelverwaltung“

In anderen Clustern sehe es nicht weniger angespannt aus, sagt Alscher. „Viele Kliniken im Land müssen wie wir jetzt schon tagtäglich über Bettenbelegungen diskutieren, sagen Operationen ab oder verschieben sie, melden wegen Überbelastung die Notaufnahme immer häufiger und länger von der Leitstelle ab. Aber die Menschen kommen ja trotzdem weiter in die Krankenhäuser, auch mit anderen Notfällen als Covid. Wir sind also bereits heute in der Mangelverwaltung.“

Zusätzlich zu den prognostizierten 900 Covid-Intensivpatienten wird es noch die anderen, im Durchschnitt drei- bis fünfmal so vielen (also 2700 bis 4500) stationär aufgenommenen Covid-Patienten geben, die neben allen anderen Patienten behandelt und versorgt werden müssen.

„Jeder dritte Covid-Intensivpatient stirbt“

Von bitteren Realitäten berichtet auch Prof. Dr. Jan Steffen Jürgensen, Vorstandsvorsitzender des Klinikums Stuttgart. „Wir priorisieren nach Dringlichkeit, nicht danach, inwieweit die behandlungsbedürftige Lage fahrlässig, mutwillig oder ignorant herbeigeführt oder in Kauf genommen wird.“ Dem 70-jährigen Patienten mit starker Gehbehinderung und Schmerzen wegen einer Hüftgelenksdegeneration, der auf Heilung durch eine OP hoffte, werde jetzt mitgeteilt, dass sein OP-Termin frühestens Anfang 2022 machbar sei. „Letztlich, weil wir in Baden-Württemberg bereits fast 20 Prozent der Intensivbetten für die Therapie ganz überwiegend ungeimpfter Patienten mit Covid-19 brauchen, mit steigender Tendenz und dem ernüchternden Ergebnis, dass von diesen trotzdem etwa jeder Dritte stirbt.“

Das Klinikum Stuttgart habe zwar über 1000 Ärztinnen und Ärzte, circa 2700 Pflegekräfte, regulär 109 Intensiv- von insgesamt 2225 Krankenhausbetten und könne bei vollständiger Beendigung des OP-Programms für alle aufschiebbaren Behandlungen weitere Intensivkapazitäten freibekommen, sagt Jürgensen. Aber das ginge zulasten aller anderen Patienten, auch weil die Mobilisierung der Notfall-Reserve-Kapazitäten zu einer Absenkung des Betreuungsschlüssels und der Behandlungsqualität führen werden.

Verdruss wegen mangelnder Würdigung

Das Klinikum verfüge zwar über eine sehr große Notfallreservekapazität, die mit circa 200 zusätzlichen Beatmungsgeräten, Monitoren und Sauerstofftanks in den ersten Wellen aufgebaut wurde. Doch: „Nicht Geräte, sondern das qualifizierte Personal zur Bedienung der Geräte ist der Engpass.“

Sowohl Prof. Jürgensen als auch Prof. Alscher berichten von großer Erschöpfung des Klinikpersonals nebst einem weit verbreiteten Verdruss wegen mangelnder Würdigung und unangemessen niedriger Bezahlung. Ähnliches weiß der Winnender Chefarzt Dr. Torsten Ade zu berichten. Die in den vergangenen Monaten mehrfach zitierte „Notfallreserve“ der Rems-Murr-Kliniken, im Rahmen derer man auf bis zu 90 Beatmungsplätze aufstocken könnte, wäre ohne mehr qualifiziertes Personal gar nicht aktivierbar. „90 Geräte allein bringen Ihnen ja nichts, wenn Sie nicht genügend qualifiziertes Personal mehr bekommen, um die Geräte zu bedienen“, sagt Ade. Pflegeberufe seien immer unattraktiver. Und dann kämen ja auch noch ganz normale Krankheitsfälle im Personal. Die Personaldecke ist also überall jetzt schön dünn.

Alexander Tsongas, Sprecher der RKH-Kliniken in Ludwigsburg, Bietigheim, Mühlacker, Bretten und Bruchsal, bläst ins selbe Alarmhorn: „Die Pflegekräfte sind körperlich und psychisch ausgebrannt. Sie haben bald zwei Jahre Pandemie hinter sich. Sie wurden zu Beginn der Pandemie als Helden gefeiert und es wurde ihnen seitens der Politik versprochen, dass sie eine bessere Vergütung erhalten. Bis heute hat die Politik nichts gehalten. Es hat sich nichts getan.“ Ein weiterer Ausbau von Intensivbetten sei wegen fehlenden Personals schwer möglich. „Wenn ein verstärktes Verschieben von Operationen und anderen schweren Behandlungen nicht mehr möglich ist und über einen 40-prozentigen Anteil hinaus weitere Covid-Patienten eingeliefert werden, bleibt nur noch eine Priorisierung von Behandlungen“, so Tsongas.

Covid-Patienten sehr pflegebedürftig

Im Gegensatz zu den ersten Corona-Wellen sind die Covid-Patienten insgesamt jünger, sagt Alexander Tsongas (RKH-Kliniken). „Auf Intensiv haben wir viele Patienten im Alter zwischen 35 und Mitte/Ende 50. Diese Patienten sind jünger und widerstandsfähiger und liegen deshalb länger in den Betten. Ältere Menschen haben eine Verweildauer von rund zwei bis drei Wochen. Die jüngeren fünf bis sechs Wochen, so dass die Betten länger belegt sind.“ Das bestätigen Prof. Alscher, Prof. Jürgensen und Dr. Ade.

„Der Pflegeaufwand ist enorm“, so Jürgensen. Mit akutem Lungenversagen sei in der Regel die invasive Beatmung nötig, häufig begleitet vom Versagen oder Fehlfunktion anderer Organe. „Die anspruchsvolle Beatmung wird unterstützt durch Lagerung der Patienten, die immer wieder gewendet und in Bauchlage verbracht werden. Die Versorgung wird unter strengen Hygienemaßnahmen mit Schutzkleidung gesichert, die eine zusätzliche Belastung für das Personal darstellt.“

Die extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO) erfordere lückenlose durchgehende Präsenz qualifizierter Fachkräfte, um die großlumigen Gefäßzugänge und technische Aufsättigung des Blutes mit Sauerstoff außerhalb des Körpers zu steuern, so Prof. Jürgensen. „Intensiv ist auch die emotionale Belastung, weil circa jeder dritte Covid-Intensivpatient die Therapie nicht überlebt.“

Patienten-Verlegungen in andere Bundesländer werden wohl bald bittere Realität. „Wenn die vierte Welle, zum Beispiel durch einen Lockdown, nicht jetzt gebrochen wird, wird sich die Anzahl der Covid-Intensivpatienten in den Krankenhäusern Baden-Württembergs in spätestens zwei Wochen verdoppelt haben“, betont Prof. Dr. Mark Dominik Alscher, Vorstandsvorsitzender des Robert-Bosch-Krankenhauses (RBK). „Dies als zeitversetzte Nachwirkung der Inzidenzen. Das ist simple

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