Rems-Murr-Kreis

Kliniken stehen vor riesigen Problemen: 2022 droht zum Schreckensjahr zu werden

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Das Rems-Murr-Klinikum in Winnenden. © Benjamin Büttner

Den Rems-Murr-Kliniken droht fürs Jahr 2022 ein brachiales Millionenminus. Immerhin, sie stehen nicht allein im Sumpf: 60 Prozent der deutschen Krankenhäuser arbeiten derzeit defizitär, es gibt schon erste Insolvenzen. Was läuft da schief, seit kurzem und schon lange? Eine Spurensuche führt zu brandaktuellen Ursachen - und zu tieferliegenden. 

Unsere Kliniken im Rems-Murr-Kreis sind gut. Stellvertretend für viele Bereiche, in denen Ausgezeichnetes geleistet wird, nur zwei Beispiele: Für Neu- und Frühgeborene gibt es ein „Perinatalzentrum Level I“, oberstes Regal, mehr geht nicht. Oder die Kardiologie: Zertifizierter Chest Pain Unit, Schwerpunktzentrum für kardiovaskuläre Bildgebung, klar überm baden-württembergischen Schnitt liegende Behandlungserfolge bei Herzinfarkt.

Die Finanzlage der Rems-Murr-Kliniken - und ein Blick in die Republik

Im laufenden Betrieb haben die Rems-Murr-Kliniken 2021 ein Plus von 1,6 Millionen Euro gemacht – oha, klingt erfreulich! Nur gaukelt der Befund ein doppelt trügerisches Bild vor. Erstens: Weil die Winnender Neubau-Schulden bedient sein wollen, stand unterm Strich dann doch ein Jahresminus von 15,3 Millionen, das der Landkreis begleichen muss. Zweitens: Wenn nicht massenhaft Geld dank der Corona-Rettungsschirme von Bund und Land geflossen wäre, hätte es auch im operativen Geschäft blutrote Zahlen gesetzt; und insgesamt nicht gut 15, sondern 32 Millionen Miese.

2022 aber wären es nach momentanem Hochrechnungsstand gar 35 Millionen Euro Minus; von denen bislang 6,5 Millionen Coronahilfe vom Bund und 3,5 Millionen vom Land abzuziehen sind. Womit am Kreis 25 Millionen Euro hängenbleiben könnten, sofern die Politik nicht doch noch weitere Rettungsgelder nachschießt. (Mehr dazu hier.)

Schwacher Trost: Allerorten sieht es derzeit düster aus. Kurze Google-Suche – ein paar Schlagzeilen nur aus den vergangenen Wochen: „Hessischer Landtag warnt vor Krankenhaussterben“, „Der Asklepiosklinik in Melsungen droht die Schließung“, „Für das Krankenhaus Spremberg in Brandenburg soll ein Planinsolvenzverfahren eröffnet werden“ ... und so weiter und so fort.

Warum? Die Finanzierungsprobleme lassen sich in drei Schritten erklären.

Schritt eins: Stunde-Null-Schulden und Fallpauschalen-Druck

Die deutschen Krankenhäuser stehen schon seit vielen Jahren unter monetärem Dauerstress.

Es beginnt damit, dass die Bundesländer Baumaßnahmen nur zum Teil finanzieren. Jeder Neubau, jede Sanierung, jede Erweiterung ist also mit einem Startdefizit belastet, die Klinik steht von der Stunde null an knietief in den Schulden.

Für jedes Krankheitsbild und jede Behandlung gibt es eine „Fallpauschale“, eine feste Summe – egal, wie lang der Patient in der Klinik liegt. Das hat zu einem heftigen Effizienz-Diktat geführt: Du musst möglichst viele Patienten möglichst schnell durchschleusen. So werden Ärzte und Pflegekräfte zu Getriebenen, sie strampeln im Rentabilitätshamsterrad. (Ausführliche und aufwühlende Hintergründe dazu hier.)

Schritt zwei: Die Corona-Pandemie und ihre Folgen 

In diese ungute Ausgangslage platzte die Coronakrise.

In der Pandemie mussten die Krankenhäuser Kapazitäten für die Behandlung von Covid-Fällen frei halten und deshalb viele planbare, oft hochrentable Operationen verschieben: Es kamen weniger Patienten, die obendrein seltener medizinische Leistungen mit interessantem Vergütungssatz abriefen. Mittlerweile können alle planbaren Eingriffe zwar wieder stattfinden – aber die potenzielle Kundschaft zögert; manche wollen lieber noch etwas warten.

Die Rems-Murr-Kliniken lagen bei der „stationären Leistung“, die sich abrechnen lässt, 2020 um zehn, 2021 um acht Prozent unterm Niveau von 2019 – das auch 2022 unterschritten werden wird; wenngleich nach derzeitiger Hochrechnung nur noch um drei Prozent.

Schritt drei: Putin, die Inflation und die Rems-Murr-Kliniken

2022 wurde die Klinikbranche von einer Kostenexplosion erschüttert. Konsolidierung nach der Corona-Not? Von wegen. Das glatte Gegenteil ist passiert: Der Ukrainekrieg, die Inflation und eskalierende Energiekosten jagten die Ausgaben hoch.

Die 2022 geltenden Fallpauschalen für die Abrechnung von Behandlungen indes wurden schon im Vorjahr festgesetzt; und die galoppierenden Kostensteigerungen dabei natürlich nicht eingepreist.

Beleuchtung, Heizung, Maschinen, Apparate, Kühlungen, Lüftungen: Kliniken sind Energiefresser. Und wie soll man da sparen? Krankenzimmer nicht mehr beheizen? Lüftungsanlagen in OP-Sälen ausschalten? Um Himmels willen, nein.

Strombedarf der Rems-Murr-Kliniken: an die 17 Gigawattstunden pro Jahr; von denen, was sich jetzt als Segen entpuppt, fünf Gigawattstunden durch die drei Blockheizkraftwerke am Standort Winnenden gedeckt werden. Dennoch ergaben sich im Jahr 2021 Stromkosten von 2,3 Millionen Euro. 2022 werden wohl 3,7 Millionen auflaufen. Und für 2023 rechnet die Geschäftsführung gar mit 5,3 Millionen.

Auch die Gaskosten rasen davon. 2021: 600.000 Euro. 2022: voraussichtlich 1,7 Millionen; Kalkulation für 2023: 3,7 Millionen.

Einfach die Preise erhöhen? Die Rems-Murr-Kliniken können das nicht

Nicht nur die Energie ist teurer geworden, sondern so gut wie alles: von Medizinprodukten bis zu Lebensmitteln. Die Rems-Murr-Kliniken kämpfen in manchen Bereichen mit Steigerungen bis zu 19 Prozent. All die Dienstleister und Lieferanten erhöhen in dieser Krise selbstverständlich die Preise – nur die Kliniken selber können das nicht: Sie bleiben an die heillos überholten Fallpauschalen-Vergütungssätze gekettet.

Mürbe geboxt vom Rentabilitätsdruck seit vielen Jahren; angezählt von der Coronakrise; und nun ausgeknockt von der Inflation? 2022 droht zum Schreckensjahr in vielen Kliniken zu werden.

Trost für die Menschen im Rems-Murr-Kreis: Bislang hält der Kreistag felsenfest Kurs, und nichts spricht dafür, dass er demnächst einknickt – der Landkreis wird mit Steuergeldern der Städte und Gemeinden auch weiter das Kliniken-Defizit auffangen.

Den Rems-Murr-Kliniken droht fürs Jahr 2022 ein brachiales Millionenminus. Immerhin, sie stehen nicht allein im Sumpf: 60 Prozent der deutschen Krankenhäuser arbeiten derzeit defizitär, es gibt schon erste Insolvenzen. Was läuft da schief, seit kurzem und schon lange? Eine Spurensuche führt zu brandaktuellen Ursachen - und zu tieferliegenden. 

Unsere Kliniken im Rems-Murr-Kreis sind gut. Stellvertretend für viele Bereiche, in denen Ausgezeichnetes geleistet wird, nur zwei Beispiele:

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